GZ-Se­rie „Star­ke Frau­en“: Mar­ga Lorch hat kei­ne Angst vor Un­be­kann­tem

Mar­ga Lorch saß als ers­te Frau im evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de­rat von Schlier­bach. Nicht nur bei die­ser Tä­tig­keit wag­te sie sich auf Neu­land vor.

Geislinger Zeitung - - Vorderseite - Von To­bi­as Fle­gel

Mar­ga Lorch steht un­ter Strom. „Ich bin schnell – und ich re­de schnell“, sagt sie über sich. Der Be­we­gungs­drang und der Re­de­fluss der Frau aus Schlier­bach blei­ben dem Ge­gen­über nicht lan­ge ver­bor­gen: Wäh­rend des Ge­sprächs steht die 80-Jäh­ri­ge im­mer wie­der von ih­rem Stuhl auf, um dem Zu­hö­rer et­was zu zei­gen. Und wenn sie spricht, lässt sie sich da­bei auch nicht so leicht un­ter­bre­chen.

Über­haupt lässt sich Mar­ga Lorch das Wort nicht so leicht ver­bie­ten. Das dürf­te vor lan­ger Zeit auch ein bis da­hin aus­schließ­lich männ­lich ge­präg­tes Gre­mi­um schnell ge­merkt ha­ben, zu dem sie als ein neu­es Mit­glied ge­sto­ßen war: „Ich war die ers­te Frau im Kir­chen­ge­mein­de­rat“, sagt Lorch. Die männ­li­che Über­zahl scheint sie kei­nes­wegs ein­ge­schüch­tert zu ha­ben, schließ­lich war sie ins­ge­samt 36 Jah­re Mit­glied in der In­ter­es­sen­ver­tre­tung der Gläu­bi­gen in Schlier­bach. Für ihr eh­ren­amt­li­ches Wir­ken hat sie die evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che mit der Jo­han­nesB­renz-Me­dail­le aus­ge­zeich­net.

Die An­er­ken­nung ist ei­ne von et­li­chen, die Mar­ga Lorch in den ver­gan­ge­nen Jah­ren für ihr viel­fäl­ti­ges En­ga­ge­ment er­hal­ten hat. Von der Ge­mein­de Schlier­bach hat sie ei­ne Eh­ren­ur­kun­de für ih­ren Ein­satz be­kom­men, und die Dia­ko­nie ver­lieh ihr das Gol­de­ne Kro­nen­kreuz für ih­re Un­ter­stüt­zung am Stütz­punkt im Ort. „Ich ha­be 13 Jah­re die Buch­hal­tung ge­macht“, be­rich­tet Lorch. Ei­ne Steu­er­be­ra­te­rin ha­be sie dar­auf an­ge­spro­chen, ob sie die­se Auf­ga­be vier St­un­den in der Wo­che über­neh­men kön­ne. Doch bei der Buch­hal­tung al­lein blieb es nicht: „Ich ha­be die gan­ze Sta­ti­on mit auf­ge­baut“, sagt Lorch. Sie ha­be Mö­bel für den Dia­ko­nie-Stütz­punkt ge­kauft und die Ar­beit im Bü­ro von Pa­pier auf Com­pu­ter um­ge­stellt.

Ei­ne an­de­re Tä­tig­keit hat ihr die Frau ei­nes frü­he­ren Pfar­rers in Schlier­bach vor­ge­schla­gen. Ger­trud Har­zer reg­te Mar­ga Lorch da­zu an, ei­ne be­rufs­be­glei­ten­de Aus­bil­dung zur Ka­te­che­tin auf der Karls­hö­he in Lud­wigs­burg an­zu­fan­gen. Die An­ge­spro­che­ne ging auf den Vor­schlag ein und schloss die Aus­bil­dung ab. An­schlie­ßend un­ter­rich­te­te Mar­ga Lorch an Haupt- und Re­al­schu­len in Ebers­bach, Schlier­bach, Roß­wäl­den und Wei­ler ins­ge­samt 23 Jah­re lang bis 1999 das Fach evan­ge­li­sche Re­li­gi­on.

Stän­dig be­reit zu sein, Neu­es zu ler­nen, hält die eins­ti­ge Leh­re­rin für wich­tig. „Bil­dung ist das A und O im Le­ben“, sagt Lorch. Wer im­mer wiss­be­gie­rig blei­be, den hal­te die­se Ein­stel­lung jung. Sie räumt aber ein, dass sie manch­mal an ih­ren Mit­men­schen zu ver­zwei­feln droht: „Man­che Leu­te sind so ver­bohrt und un­wis­send – und das wird nicht bes­ser“, klagt sie. Die Be­wah­rung und Wei­ter­ga­be von Wis­sen pflegt die Schlier­ba­che­rin bei ei­ner wei­te­ren ih­rer Tä­tig­kei­ten. Sie ist ei­ne der Au­to­rin­nen, die Bei­trä­ge für die „Schlier­ba­cher Ge­schich­ten“schrei­ben. In die­ser Rei­he be­schrei­ben Ein­hei­mi­sche, wie die Men­schen frü­her im Ort leb­ten und ver­an­schau­li­chen da­mit den Wan­del der Zeit.

Was ei­ne Frau be­we­gen kann, hat Mar­ga Lorch schon mehr­fach be­wie­sen. „Den Weih­nachts­markt vor dem Rat­haus ha­be ich vor 25 Jah­ren ge­grün­det“, sagt sie. Zu­sam­men mit an­de­ren Frau­en aus der Kir­chen­ge­mein­de ver­kauf­te sie Selbst­ge­strick­tes und Selbst­ge­bas­tel­tes für die Ad­vents­zeit so­wie Ge­bäck und an­de­re Le­cke­rei­en. Der Er­lös soll­te da­zu bei­tra­gen, dass ein neu­es Ge­mein­de­haus ge­baut wer­den kann – und die­ses Ziel er­reich­ten Lorch und ih­re Mit­strei­te­rin­nen. „In fünf Jah­ren ha­ben wir 80 000 Eu­ro her­bei­ge­schafft für das Ge­mein­de­haus“, er­zählt sie.

Nach­dem das Geld für ei­nen Neu­bau aus­ge­reicht hat­te, stell­ten die Frau­en den Weih­nachts­markt nicht ein: Bis heu­te ver­kau­fen sie an ei­nem Tag im De­zem­ber vor dem Rat­haus selbst ge­fer­tig­te Haus- und Hand­schu­he, Strohs­ter­ne, Ker­zen und Ba­s­tel­ar­bei­ten so­wie Früch­te­brot, Mar­me­la­de und Li­kör. Ge­nau 1000 Eu­ro sind zu­letzt beim Ver­kauf auf dem Weih­nachts­markt zu­sam­men­ge­kom­men.

Eben­falls auf das Kon­to von Mar­ga Lorch geht ein Floh­markt und ein Kaf­fee­nach­mit­tag, die sie zu­sam­men seit sie­ben Jah­ren in ih­rer Scheu­er und ih­rem Gar­ten ver­an­stal­tet. „Es hat sich so ein­ge­bür­gert, dass die Leu­te mir ih­re Sa­chen für den Ver­kauf brin­gen“, er­klärt sie das Prin­zip des Floh­markts. Den Kaf­fee­nach­mit­tag wie­der­um ha­be sie ins Le­ben ge­ru­fen, weil es kein Ca­fé in Schlier­bach ge­be.

Mit 80 Jah­ren tritt Mar­ga Lorch et­was kür­zer als vor ei­ni­gen Jah­ren, doch um­trie­big ist sie noch im­mer. Sie fährt nach wie vor re­gel­mä­ßig nach Nür­tin­gen, um dort in der Se­nio­ren­an­la­ge Kroa­ten­hof für das Mu­sik­an­ge­bot für die Be­woh­ner zu sor­gen. Bei die­sem Ein­satz für an­de­re be­lässt sie es aber nicht: Seit meh­re­ren Jah­ren schaut sie nach ei­nem psy­chisch kran­ken Mann, der im Chris­tophs­bad un­ter­ge­bracht ist.

Mit die­sem Di­enst am Nächs­ten will sie ih­ren Mit­men­schen et­was Gu­tes tun, denn ih­ren ei­ge­nen Mann ha­be sie nicht pfle­gen müs­sen: Der sei 1996 ein­fach tot um­ge­fal­len. „Ich dach­te, des­halb sorgst du für an­de­re“, um­reißt die Schlier­ba­che­rin ih­ren Ein­satz für an­de­re.

Fo­to: To­bi­as Fle­gel

Mar­ga Lorch spricht schnell und ist flink im Kopf. Das Bild zeigt die 80-Jäh­ri­ge in der Stu­be ih­res Hau­ses in Schlier­bach.

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