Ge­fühl der „neu­en Dring­lich­keit“

Nach der un­ver­hoh­le­nen Dro­hung von US-Prä­si­dent Do­nald Trump ver­fällt der Gip­fel zu­erst in hek­ti­sche Be­trieb­sam­keit – und dann in ei­nen Wett­streit um die Deu­tungs­ho­heit.

Geislinger Zeitung - - Politik - Von Chris­ti­an Kerl

Die Span­nun­gen zwi­schen den USA und Eu­ro­pa ha­ben mit vol­ler Wucht die Na­to er­reicht: Mit ei­ner an­ge­deu­te­ten Aus­tritts­dro­hung hat US-Prä­si­dent Do­nald Trump am Don­ners­tag für ei­nen bei­spiel­lo­sen Eklat beim Na­to-Gip­fel in Brüs­sel ge­sorgt und das Bünd­nis so tief er­schüt­tert wie noch nie in sei­ner 69-jäh­ri­gen Ge­schich­te. Nach ei­ner Kri­sen­sit­zung er­höht sich der Druck auf Deutsch­land und an­de­re Na­to-Staa­ten, die Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben schnel­ler und mas­si­ver zu er­hö­hen als ge­plant. „Wir wer­den dar­über re­den müs­sen, in­wie­weit wir mehr in die Aus­rüs­tung ge­ben“, sag­te Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel un­ter dem Ein­druck ei­ner „sehr erns­ten Dis­kus­si­on“.

Zu­vor hat­te Trump ei­nen von ihm mit­ge­tra­ge­nen Be­schluss zu den Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben der Na­to-Staa­ten vom Vor­abend über­ra­schend wie­der in Fra­ge ge­stellt. Er be­schwer­te sich in ei­ner rund 20 Mi­nu­ten lan­gen Ti­ra­de er­neut über zu ge­rin­ge Aus­ga­ben der Ver­bün­de­ten, na­ment­lich von Deutsch­land, Spa­ni­en und Bel­gi­en. „An­ge­la, Du musst das än­dern“, ging er die Kanz­le­rin an.

Dann droh­te er: Wenn die Bünd­nis­part­ner nicht „so­fort“be­zie­hungs­wei­se zum 1. Ja­nu­ar 2019 zwei Pro­zent ih­rer Wirt­schafts­leis­tung in die Ver­tei­di­gung in­ves­tier­ten, dann „ma­chen die Ame­ri­ka­ner ihr ei­ge­nes Ding“. Der Gip­fel hat­te da­ge­gen ge­ra­de erst die Ver­ab­re­dung be­kräf­tigt, das Zwei-Pro­zent-Ziel bis 2024 an­zu­stre­ben – was schwer ge­nug wird.

Schre­cken im fens­ter­lo­sen Saal 1 des neu­en Haupt­quar­tiers: War das die Aus­tritts­dro­hung, die im Vor­feld be­fürch­tet wor­den war und das En­de der Na­to her­auf­be­schwö­ren könn­te? Na­to-Ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg un­ter­brach die Sit­zung, be­rief ein Kri­sen­tref­fen nur der 29 Re­gie­rungs­chefs mit ih­ren engs­ten Be­ra­tern ein. Ob Trump wirk­lich mit dem Bruch ge­droht hat­te, blieb un­klar – meh­re­re Teil­neh­mer, dar­un­ter Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron, wie­sen die­se In­ter­pre­ta­ti­on zu­rück. Aber al­le wuss­ten: Der „worst ca­se“für den Gip­fel war ein­ge­tre­ten. Das Ul­ti­ma­tum um­zu­set­zen, war na­tür­lich un­mög­lich, wie et­wa Mer­kel und Ma­cron dem Prä­si­den­ten klar mach­ten. Bin­nen we­ni­ger Mo­na­te müss­te et­wa Deutsch­land sei­ne jähr­li­chen Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben von 50 auf 80 Mil­li­ar­den Eu­ro nach oben schrau­ben. Die Bun­des­re­gie­rung plant, selbst 2024 erst 1,5 Pro­zent der na­tio­na­len Wirt­schafts­leis­tung für Ver­tei­di­gung aus­zu­ge­ben.

Ver­stärk­te An­stren­gun­gen

Aber die Re­gie­rungs­chefs si­gna­li­sier­ten nach Trumps Dro­hung im­mer­hin, dass sie ih­re oh­ne­hin schon er­höh­ten In­ves­ti­ti­ti­ons-An­stren­gun­gen noch ver­stär­ken wür­den – so fass­te Stol­ten­berg das Er­geb­nis zu­sam­men. Es ge­be „ein neu­es Ge­fühl für die Dring­lich­keit“, sag­te er. Trump deu­te­te das in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz zum Tri­umph um. Er über­trieb da­bei of­fen­bar ge­wal­tig.

Der Prä­si­dent be­haup­te­te, die Re­gie­rungs­chefs hät­ten ih­re Zu­sa­gen „sub­stan­zi­ell er­höht“– in Be­rei­che, an die sie vor­her nicht ein­mal ge­dacht hät­ten. „Die Zah­len ge­hen nach oben wie ein Raum­schiff“, sag­te Trump und lob­te sich da­für als „sehr sta­bi­les Ge­nie“. Er leg­te na­he, dass das neue, mit­tel­fris­ti­ge Ziel bei vier Pro­zent lie­ge. Doch Zu­sa­gen über das Zwei-Pro­zent-Ziel bis 2024 hin­aus wur­den von an­de­ren Teil­neh­mern be­strit­ten – von Ma­cron et­wa oder ei­nem Spre­cher der Bun­des­re­gie­rung.

Trump ge­nüg­te der Schein, um nun doch zu­zu­sa­gen, dass die USA ih­re „sehr star­ken“Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen im Rah­men der Na­to ein­hal­ten wür­den.

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