War­ten auf Zol­litsch

Ein Pfar­rer hat in Ober­har­mers­bach Kin­der miss­braucht. Erz­bi­schof Bur­ger hat sich vor Ort ent­schul­digt. Von sei­nem Vor­gän­ger sind Be­trof­fe­ne ent­täuscht.

Geislinger Zeitung - - Südwestumschau - Von Pe­tra Wal­heim

Mehr als 20 Jah­re hat Franz B., Ge­mein­de­pfar­rer in Ober­har­mers­bach (Or­ten­au­kreis), Kin­der und Ju­gend­li­che se­xu­ell miss­braucht. Die Über­grif­fe wur­den be­kannt. Ro­bert Zol­litsch, da­mals Per­so­nal­re­fe­rent des Or­di­na­ri­ats in Frei­burg, hat den Pfar­rer in den Ru­he­stand ver­setzt, die Staats­an­walt­schaft aber nicht in­for­miert. Das wird ihm bis heu­te vor­ge­wor­fen. Von den Be­trof­fe­nen, die nach wie vor un­ter den Über­grif­fen lei­den, und nun auch von sei­nem Nach­fol­ger als Frei­bur­ger Erz­bi­schof, Ste­phan Bur­ger. Ges­tern wur­de be­kannt, dass Bur­ger mit Zol­litsch ein klä­ren­des Ge­spräch füh­ren wol­le. Zol­litsch hat sich of­fen­bar noch nicht ge­äu­ßert.

Bis­her ließ Zol­litsch (80) wis­sen, dass er sich zu den Miss­brauchs­fäl­len nicht mehr äu­ßern wer­de. Vor acht Jah­ren, als ei­ne gro­ße Zahl von Miss­brauchs­fäl­len in der ka­tho­li­schen Kir­che be­kannt wur­de, hat­te er zu­ge­ge­ben, in Ober­har­mers­bach ei­nen Feh­ler ge­macht zu ha­ben. Zu der Zeit war er Erz­bi­schof von Frei­burg und Vor­sit­zen­der der Bi­schofs­kon­fe­renz. In ei­nem Brief an die Ge­mein­de St. Gal­lus hat er 2010 nach Aus­kunft der Pres­se­stel­le des Or­di­na­ri­ats ein­ge­räumt, er hät­te ent­schie­de­ner vor­ge­hen und an­ders ent­schei­den sol­len. „Auf die­sem Weg bit­te ich Sie noch­mals von gan­zem Her­zen um Ver­zei­hung“, heißt es da. Be­reits am 19. Ju­ni 2010 ha­be er sich in Ober­har­mers­bach mit Be­trof­fe­nen und de­ren An­ge­hö­ri­gen ge­trof­fen. Persönlich hat er sich vor der Ge­mein­de nie ent­schul­digt.

Das hat der heu­ti­ge Erz­bi­schof Ste­phan Bur­ger vor drei Wo­chen über­nom­men. Er hat die Ge­mein­de am 21. Ok­to­ber zum Kir­chen­pa­tro­zi­ni­um be­sucht. In der Pre­digt sag­te er: „Es wur­de ver­tuscht und Per­so­nen ver­setzt, der Schutz der In­sti­tu­ti­on Kir­che wur­de über den Schutz der Be­trof­fe­nen ge­stellt, und im­mer wie­der wur­de auch kei­ne Ver­ant­wor­tung über­nom­men.“Bur­ger nann­te kei­ne Na­men. Er ent­schul­dig­te sich „für die­ses Ver­hal­ten mei­ner Vor­gän­ger und der Ver­ant­wort­li­chen in der Bis­tums­lei­tung“, und er bat um Ver­ge­bung.

Die Kir­che sei voll ge­we­sen, sagt Ri­chard Weith, Bür­ger­meis­ter von Ober­har­mers­bach. Er nann­te den Be­such des Erz­bi­schofs und sei­ne Wor­te ei­ne „gro­ße Ges­te“. Bur­ger ha­be im Got­tes­dienst si­gna­li­siert, dass sei­ne Tür für Ge­sprä­che of­fen ste­he. Ers­te Ge­sprä­che sei­en ver­ein­bart wor­den oder hät­ten schon statt­ge­fun­den, sagt der heu­ti­ge Ge­mein­de­pfar­rer Bo­na­ven­tura Ger­ner. „Dass den Be­trof­fe­nen und den An­ge­hö­ri­gen end­lich Ge­hör ge­schenkt wird, ist ein un­glaub­lich wich­ti­ges Zei­chen.“

Erz­bi­schof Zol­litsch sei nie in Ober­har­mers­bach ge­we­sen und ha­be sich auch nie ge­mel­det, sagt Pfar­rer Ger­ner. Die Men­schen hät­ten seit 1991, als die Miss­brauchs­fäl­le be­kannt ge­wor­den sind, dar­auf ge­war­tet, dass die Bis­tums­lei­tung of­fi­zi­ell Stel­lung nimmt. „Kein Bi­schof war bis da­hin vor Ort.“Erz­bi­schof Ste­phan Bur­ger sei der Ers­te. „Dar­auf ha­ben die Men­schen ge­war­tet“, be­tont Pfar­rer Ger­ner. Dass der Erz­bi­schof „Ver­ant­wor­tung über­nimmt, ist ein wich­ti­ges und ver­söhn­li­ches Zei­chen“.

Franz B. war von 1968 bis 1991 Ge­mein­de­pfar­rer in Ober­har­mers­bach. Von An­fang an hat er Kin­der und Ju­gend­li­che, die als Mi­nis­tran­ten für ihn greif­bar wa­ren, se­xu­ell miss­braucht. Man­che bis zu hun­dert Mal. 22 Op­fer sind be­kannt. „Wir ge­hen aber da­von aus, dass die tat­säch­li­che Zahl der Op­fer hö­her ist“, er­klärt die Pres­se­stel­le in Frei­burg. Als die

Der Schutz der In­sti­tu­ti­on Kir­che wur­de über den Schutz der Be­trof­fe­nen ge­stellt. Ste­phan Bur­ger Frei­bur­ger Erz­bi­schof

Über­grif­fe 1991 be­kannt wur­den, hat Ro­bert Zol­litsch ihn in den vor­zei­ti­gen Ru­he­stand ver­setzt – und es da­bei be­las­sen. Die Mut­ter ei­nes miss­brauch­ten Jun­gen hat An­zei­ge er­stat­tet. 1995 hat sich der Pfar­rer das Le­ben ge­nom­men.

Ge­mein­de­pfar­rer Bo­na­ven­tura Ger­ner hat Erz­bi­schof Bur­ger ge­be­ten, der eme­ri­tier­te Erz­bi­schof mö­ge das Bis­tum nicht mehr öf­fent­lich ver­tre­ten. „Ich tue, was ich kann“, lau­tet die Ant­wort von Erz­bi­schof Bur­ger. Er kön­ne Zol­litsch nicht am Aus­üben sei­ner bi­schöf­li­chen Rech­te hin­dern, heißt es aus der Pres­se­stel­le. „Die­se Au­to­ri­tät liegt in Rom.“

Fo­to: dpa

Der eme­ri­tier­te Erz­bi­schof Ro­bert Zol­litsch.

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