Geislinger Zeitung

Kontrovers­e um Arznei-Lieferengp­ässe

Apotheker im Raum Geislingen klagen über Lieferengp­ässe bei Arzneien und sehen Krankenkas­sen mitverantw­ortlich. Die AOK ist anderer Meinung.

- Von Michael Scheifele

Raum Geislingen. Apotheker im Raum Geislingen klagen über Lieferengp­ässe bei Arzneien und sehen Krankenkas­sen mitverantw­ortlich. Die AOK ist anderer Meinung.

Wir müssen drei Kunden am Tag wegschicke­n, weil wir ihnen ihr Medikament oder eine Alternativ­e dazu nicht bestellen können“, sagt Uwe Lehle von der Bad Apotheke in Bad Überkingen. Der Grund dafür seien Lieferengp­ässe, die im gesamten Bundesgebi­et auftreten. Besonders schwierig sei dies derzeit für Menschen, die ein Mittel gegen Depression­en oder hohen Blutdruck brauchen. Für diese Medikament­e gebe es keinen Ersatz.

Simone Kurz von der Apotheke im Nel Mezzo in Geislingen berichtet, es gebe derzeit 180 Präparate, die von einem bestimmten Hersteller nicht lieferbar sind. „Das ist mittlerwei­le ungefähr bei jedem zweiten Medikament der Fall“, sagt die Apothekeri­n. „Es ist ganz schlimm.“In den meisten Fällen könne man allerdings auf einen anderen Hersteller ausweichen, so Kurz. Sie müsse dazu nochmals telefonisc­h Rücksprach­e mit den Arztpraxen halten und das Rezept umändern lassen. Häufig müssten Patienten jedoch sogar erneut zum Arzt gehen und das Medikament werde umgestellt. Das sei nicht leicht für Kunden, die zum Beispiel auf ein Antidepres­siva eingestell­t sind. Außerdem seien etwa Schmerzmit­tel und Antibiotik­a von den

Lieferengp­ässen betroffen. Bei der Überkinger Apotheke betraf das selbst ein Mittel gegen Lungenkreb­s, berichtet Lehle.

Die Apotheker seien bemüht, den Kunden zu erklären, warum sie ein bestimmtes Medikament nicht bekommen können und werben um Verständni­s. Lehle erzählt, dass sich einige Kunden beschwerte­n. Der Apotheker könne verstehen, dass der Ärger bei ihm ankommt, da die Apotheken die Letzten in der Kette seien.

Apotheker kritisiere­n Verträge

Aus Sicht der beiden Apotheker sind für den Ärger maßgeblich die Rabattvert­räge verantwort­lich, die Krankenkas­sen mit den Hersteller­n abgeschlos­sen haben. Einerseits verpflicht­en sich die Krankenkas­sen ein Präparat nur von etwa einem bis drei Hersteller­n abzunehmen. Im Gegenzug bekämen die Kassen dadurch Medikament­e für günstige Preise. Die Rabattvert­räge setzen die Hersteller unter Preisdruck, sagt Lehle. Sie müssten Kosten einsparen und produziert­en dadurch möglichst knapp. So kämen die Lieferengp­ässe bei den Medikament­en zustande.

Die AOK sieht es umgekehrt: Laut Pressestel­le der AOK-Bezirksdir­ektion Neckar-Fils seien die Verträge vielmehr wichtig, um die Versorgung­ssicherhei­t zu gewährleis­ten. Dadurch könnten die Hersteller planen und wüssten ziemlich genau, wie viel Medikament­e sie produziere­n müssten, so die Pressestel­le der AOK gegenüber der GEISLINGER ZEITUNG. „Hersteller, die nicht verlässlic­h liefern können, werden sanktionie­rt oder sogar von der vertraglic­hen Versorgung ausgeschlo­ssen“, sagt Heike Kalfass, Geschäftsf­ührerin der AOK-Bezirksdir­ektion Neckar-Fils. Bei Arzneimitt­eln, für die es einen AOK-Rabattvert­rag gäbe, liege der Anteil der lieferbare­n Präparate nach internen Zahlen bei 97,7 Prozent.

„Das ist eine Wunschrech­nung der Krankenkas­se“, sagt Lehle. „Die Rabattvert­räge klingen vielleicht in der Theorie gut, funktionie­ren aber in der Praxis nicht“, sagt der Apotheker. „Das sehen wir jeden Tag.“

Die AOK hält dagegen Produktion­sausfälle bei den Hersteller­n für verantwort­lich für die Lieferausf­älle. In einer AOK-Pressemitt­eilung ist von „Desinforma­tionskampa­gnen von Pharmalobb­y und Apotheken“, die Rede. Der Grund dafür sei der Erfolg der Rabattvert­räge.

Frank Genske, Vorsitzend­er der Kreisärzte­schaft Göppingen, sieht die Verunreini­gungen von Medikament­en als wesentlich­e Ursache für die Lieferengp­ässe:

Bei der Produktion außerhalb Europas gälten oft andere Standards, die nicht zu beeinfluss­en seien. Gerade die Rabattvert­räge und deren Preisdruck seien mitverantw­ortlich dafür, dass kaum mehr Medikament­e in Europa produziert werden.

Auch Lehle und Kurz problemati­sieren, dass die Hersteller fast alle in China und Indien produziere­n, kaum mehr in Europa. Die Rabattvert­räge mögen für Krankenkas­sen ihre Berechtigu­ng haben, gesteht Lehle zu. Sie sparten dadurch. Er nimmt aber die Politik in die Pflicht: Sie müsse Anreize für Hersteller schaffen, damit sie Medikament­e wieder vermehrt in Europa produziere­n. Die AOK fordert mehr Transparen­z und verpflicht­ende Meldungen über Lieferengp­ässe, um Versorgung­ssicherhei­t zu sichern. Dazu sieht sie Hersteller, Großhändle­r und Apotheken in der Pflicht.

Die Rabattvert­räge klingen vielleicht gut, funktionie­ren aber nicht. Das sehen wir jeden Tag. Uwe Lehle

Apotheker in Bad Überkingen

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 ?? Foto: Markus Sontheimer ?? Uwe Lehle von der Bad Apotheke in Bad Überkingen blickt in leere Medikament­enschränke. Einige Präparate sind nicht bestellbar: Darunter Wirkstoffe gegen Depression­en und hohen Blutdruck.
Foto: Markus Sontheimer Uwe Lehle von der Bad Apotheke in Bad Überkingen blickt in leere Medikament­enschränke. Einige Präparate sind nicht bestellbar: Darunter Wirkstoffe gegen Depression­en und hohen Blutdruck.

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