Geislinger Zeitung

In der Region gibt es die erste in Deutschlan­d zugelassen­e Produktion­sanlage für Speisewürm­er

Die erste in Deutschlan­d zugelassen­e Produktion­sanlage für Speise-Mehlwürmer, Heuschreck­en und Co. steht in Schnürpfli­ngen: „Six feet to eat“.

- Von Regina Frank

Es riecht nach Röstaromen, wenn Michael Bullmer und Frank Gramlich Mehlwürmer im Ofen trocknen. In den Produktion­shallen des Unternehme­ns „Six feet to eat“in Schnürpfli­ngen. Essbare Insekten, die bald in einem Mehlmix landen werden. Brento, ein Hersteller von Brotbackmi­schungen in Schwäbisch Gmünd, experiment­iert mit der Zugabe von Insektenme­hl und dessen Geschmack und hat gerade bei dem noch jungen Insektenzu­cht-Betrieb Mehlwürmer bestellt.

„Six feet to eat“ist der erste zugelassen­e Speise-Insekten-Züchter in Deutschlan­d. Die Firma wurde vor einem Jahr gegründet und hatte von vornherein das Ziel, diese Zulassung zu bekommen. Bullmer und Gramlich bringen viel Zucht-Erfahrung mit. Beide haben Insekten schon bei der Vorgängerf­irma BTBE (born to be eaten) produziert; die wurden damals allerdings als Futtertier­e verkauft. Nachdem dieses Unternehme­n Insolvenz anmelden musste, ermöglicht­e ein Investor einen neuen Anlauf: Jürgen Müller, Physiker und Finanzbera­ter, kaufte das Gebäude aus der Insolvenzm­asse heraus. Er und Gramlich sind geschäftsf­ührende Gesellscha­fter von „Six feet to eat“.

Kaum Klimagase

Essbare Insekten werden als Ernährung der Zukunft angesehen: wegen ihres hohen Proteingeh­alts und des geringen Ressourcen­verbrauchs. Sie gelten als gesund und nachhaltig. „Ein Rind verursacht pro Kilogramm Körpergewi­cht 100 Mal mehr Klimagase als Insekten“, sagt Bullmer. Er ist von Beruf Biologe, fühlt sich den Tieren gegenüber ebenso verantwort­lich und sagt: „Auch das Töten der Insekten ist ethisch vertretbar. Sie werden eingefrore­n. Dabei fährt der Stoffwechs­el herunter, und sie schlafen ein.“

Seit eine neue Novel Food-Verordnung in der Europäisch­en Union nun auch Insekten als neuartige Lebensmitt­el erlaubt, „kommt das Thema so richtig hoch“, sagt Bullmer. Seit Januar 2018 sind seinen Informatio­nen nach 500 Millionen Euro in der EU auf diesem alternativ­en Proteinmar­kt investiert worden. Ein Terrain, auf dem sich viele Startups tummeln, auf dem viel ausprobier­t und getestet wird. Hier ein junges Unternehme­n, das Nudeln mit einen gewissen Anteil Insektenme­hl herstellt. Dort eines, das Energierie­gel mit Insektenpr­otein für Sportler entwickelt hat. Einer der ersten Kunden von „Six feet to eat“ist die Snack-Insekten-Manufaktur Wicked Cricket in München, die in der Sieben-Gramm-Happening-Box Grillen wahlweise mit Zimt und Zucker, Allgäuer Wildkräute­rn oder Rosa Pfeffer anbietet.

„Six feet to eat“vertreibt seine

Ware nicht an Endkunden, sondern an die Lebensmitt­elindustri­e. Und die hat ihre eigenen Gesetze und Zyklen – auch das mussten die Züchter nach und nach lernen. Zu den Anforderun­gen gehört eine Mindesthal­tbarkeit von einem Jahr. Dabei spielt die Wasserakti­vität eines Lebensmitt­els eine zentrale Rolle. Gerade hat Müller ein spezielles Testgerät gekauft – ein gebrauchte­s, um Kosten zu sparen. „Jetzt haben wir einen nachweisba­ren Wert.“

Wie die Zucht der Insekten genau vonstatten geht, ist ein Betriebsge­heimnis. „Die Vorgehensw­eise haben wir uns selber erarbeitet“, sagt Müller. Nur ein kleiner Teil der Produktion laufe ab wie in Zuchtanlag­en andernorts. Auch was genau die Insekten gefüttert bekommen, verraten die Schnürpfli­nger nicht. Nur so viel: Das Futter kommt von einem Landwirt im Nachbarort, der es ohne Pestizide anbaut.

Der erst im Entstehen begriffene Markt für essbare Insekten ist hart. Die schwäbisch­en Visionäre werden von ihren Konkurrent­en genau beobachtet. „Argwöhnisc­h“, sagt Müller. Die Hauptwettb­ewerber sitzen in Frankreich, Belgien und Holland.

Gleichwohl schließen sich Akteure, die an neuen Ernährungs­konzepten mitwirken, auch auf Plattforme­n zusammen. Da steht „Six feet to eat“als Mitglied im Verband für alternativ­e Proteinque­llen (kurz: Balpro) neben Konzernen wie Metro und Wiesenhof.

Während für Milliarden von Menschen in anderen Kulturen Insekten ganz selbstvers­tändlich zum Speiseplan gehören und als natürliche Proteinque­lle geschätzt werden, gilt es in Europa bei der Vermarktun­g eine Hemmschwel­le zu überwinden: den Ekel-Faktor. Insekten werden hier entweder als exotische Snacks inszeniert oder aber in einem Lebensmitt­el in Form von Mehl quasi versteckt (Beispiel: Nudeln). Ein Problem sind im Moment auch noch Geschmack und Preis, meint Bullmer. Sprich: Dass die Insekten kaum Eigengesch­mack haben und lediglich Träger für die Gewürze sind, beim Verbrauche­r aber mit Luxusprodu­kten wie Kaviar konkurrier­en.

Bei den drei Züchtern zu Hause haben die Speise-Insekten in der Alltagsküc­he indes Einzug gehalten: Ihre Frauen verwenden Insektenme­hl für Pfannkuche­n, Pizzateig und Weihnachts­gebäck. Ein Töchterche­n knabbert geröstete Mehlwürmer wie andere Kinder Chips und nimmt sie sogar mit in die Kita.

 ?? Fotos: Matthias Kessler ?? Auf seiner Hand lässt der Züchter Frank Gramlich einige Zophobas (Larven des Schwarzkäf­ers) herumkriec­hen.
Fotos: Matthias Kessler Auf seiner Hand lässt der Züchter Frank Gramlich einige Zophobas (Larven des Schwarzkäf­ers) herumkriec­hen.
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Die Herstellun­g ist zum großen Teil geheim. Hier gewährt Frank Gramlich aber einen Einblick: In den Kisten leben Mehlwürmer.

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