Geislinger Zeitung

„Sabine“hält Einsatzkrä­fte auf Trab

Entwurzelt­e Bäume, abgerissen­e Stromleitu­ngen, ein lahmgelegt­er Bahnverkeh­r: Das Orkantief wütet im Südwesten, doch die erwarteten großen Schäden bleiben aus. Endgültig Entwarnung gibt es erst am Mittwoch.

- Dl, wal, dpa

Das Orkantief „Sabine“ist am Montagmorg­en über Baden-Württember­g hinweggezo­gen, ohne die befürchtet­en großen Schäden zu hinterlass­en. Zwar wurden Stromleitu­ngen abgerissen, zahlreiche Bäume entwurzelt, Straßen gesperrt und Dächer abgedeckt, es sehe aber danach aus, dass es nicht zu nachhaltig­en Verwüstung­en gekommen sei, sagte ein Polizeispr­echer im Lagezentru­m des Innenminis­teriums am Nachmittag. Für den Abend erwartete er eine Abschlussm­eldung.

In nahezu ganz Baden-Württember­g berichtete­n die Polizeiste­llen über den Tag hinweg von umgestürzt­en Bäumen, die auf geparkte, aber auch fahrende Autos gestürzt waren. Ampeln fielen aus, Bauzäune wurden umgerissen, Werbetafel­n umher geweht, Klohäusche­n stürzten um, mindestens ein Hallendach wurde abgedeckt.

Mehrere Gemeinden ohne Strom

Die Telefone in den Polizei- und Feuerwehrz­entralen liefen heiß: In Stuttgart wurden am Vormittag bereits 100 Einsätze gezählt, das Polizeirev­ier Reutlingen meldete am Mittag 200, das Polizeirev­ier Ludwigsbur­g bis zum Nachmittag 230 Einsätze. Das Landratsam­t Breisgau-Hochschwar­zwald zählte bis 12 Uhr 274 Einsätze.

Nach Angaben des Betreibers Netze BW waren hunderte Monteure unterwegs, um Störungen im Stromnetz zu beheben. In Pforzheim kam es wegen abgerissen­er Hochspannu­ngsleitung­en kurzfristi­g zu Stromausfä­llen, auch im Schwarzwal­d waren mehrere Ortschafte­n abgeschnit­ten.

Trotz allem: Nur wenige Menschen wurden verletzt, mindestens ein Mann schwer, als in Eppingen (Kreis Heilbronn) ein Teil eines Lastwagens auf sein Auto fiel. In Titisee-Neustadt (Kreis Breisgau-Hochschwar­zwald) wurde ebenfalls ein Mensch verletzt, als ein Baum auf das Dach seines Wagens fiel.

Auf einem Wanderpark­platz in Kaisersbac­h (Rems-Murr-Kreis) kam ein Camper-Ehepaar indes mit dem Schrecken davon. Nach Angaben der Polizei hielten sich die beiden in ihrem Wohnwagen auf, als eine vom Sturm entwurzelt­e Tanne auf einen Teil des Fahrzeugs krachte. Der Baum drückte den Heckbereic­h des Wohnwagens ein und verklemmte die Eingangstü­r. Das Ehepaar blieb unverletzt, musste aber von der Feuerwehr befreit werden.

Die wirtschaft­lichen Folgen von „Sabine“dürften immens sein. Denn wo das Tief über das Land fegte, fuhr kaum noch ein Zug. Zehntausen­de Pendler steckten fest und kamen nicht zur Arbeit. Auch dutzende Starts und Landungen am Flughafen in Stuttgart wurden gestrichen.

Die Deutsche Bahn ließ ihren Fernverkeh­r auf den baden-württember­gischen Hauptstrec­ken am Nachmittag nur langsam wieder anrollen. Die S-Bahn Stuttgart verkehrte von Mittag an wieder, aber nicht im regulären Takt.

Fährbetrie­b eingestell­t

Auch die Südwestdeu­tsche Landesverk­ehrs AG mit Sitz im Schwarzwal­d stellte ihren Zugverkehr in Baden „bis auf weiteres“ein. Der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH ließ Busse und Straßenbah­nen vorerst in den Depots. Da die meisten Züge von privaten Bahnuntern­ehmen wie Go-Ahead und Abellio auf den Gleisen der Bahn rollen, war bei den Privatbahn­en mit denselben Einschränk­ungen zu rechnen.

Nicht nur in der Luft und auf der Schiene kam der Verkehr durch „Sabine“zum Erliegen. Auch auf dem Bodensee ging zeitweise nichts mehr. Nach Auskunft der Stadtwerke Konstanz musste der Fährbetrie­b zwischen Meersburg und Konstanz von 8.45 bis etwa 11.30 Uhr eingestell­t werden. Grund waren die hohen Windstärke­n und der dadurch ausgelöste hohe Wellengang. Der ließ eine sichere Einfahrt in die Häfen nicht mehr zu. „Das ist ganz selten, dass der Fährbetrie­b eingestell­t wird“, sagte Josef Siebler, Pressespre­cher der Stadtwerke Konstanz. Zuletzt sei der Betrieb vor zwei Jahren „ganz kurz“gestoppt worden. „Und natürlich beim Sturm Lothar.“

„Lothar“war Ende 1999 übers Land gefegt und hatte vor allem im Schwarzwal­d Millionen-Schäden angerichte­t. So schlimm wütete „Sabine“nicht, ihre Macht bekam man dennoch deutlich zu spüren: Bis mittags hatten die Böen teilweise orkanartig­e Kraft. Auf dem Feldberg erreichte der Wind Geschwindi­gkeiten von bis zu 177 Stundenkil­ometern, weshalb die Lifte dort stillstand­en.

Für große Teile Deutschlan­ds hatte der Deutsche Wetterdien­st (DWD) die zweithöchs­te Unwetterst­ufe herausgege­ben, im Schwarzwal­d galt in einigen Regionen die höchste der vier Warnstufen. Erst gegen Mittag hob der DWD seine Unwetterwa­rnungen schrittwei­se auf. Vollständi­ge Entwarnung gab es jedoch nicht: Auch im Verlauf des Dienstags kann es kräftige Böen geben. Erst am Mittwoch soll sich das Wetter beruhigen.

Dass „Sabine“noch nicht ganz passé ist, macht sich im Schulbetri­eb bemerkbar: Aus Sicherheit­sgründen entschiede­n die Behörden im Schwarzwal­d, dass in zehn Gemeinden die Schulen, wie schon am Montag, geschlosse­n bleiben sollen. Das teilte das Landratsam­t Schwarzwal­d-BaarKreis mit. Auch in Schulen in Stuttgart und Bietigheim-Bissingen wurde der Unterricht am Montag wegen Sturmschäd­en abgeblasen.

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Fotos: Frank Dettenmeye­r/SDMG/dpa Einsatzkrä­fte in Magstadt (Kreis Böblingen) bergen einen Baum von einer Straße. Etliche Bäume im Südwesten wurden von „Sabine“umgeweht.
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Viele Autos sind von umkippende­n Bäumen begraben und demoliert worden.

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