Geislinger Zeitung

Steuerraba­tt auf Heimtiere

Gebühren Wer einen Hund aus dem Zwinger holt, zahlt in einigen Städten im Land weniger Steuer. Ob solche Maßnahmen die Einrichtun­gen entlasten, ist fraglich.

- Von Melissa Seitz

Ein treuer Blick, eine stattliche Figur und ein gepflegtes Äußeres: Bruna scheint der perfekte vierbeinig­e Begleiter zu sein. Doch der neunjährig­e Kangal-Mix trägt ein Päckchen mit sich herum: Tierschütz­er haben die Hündin in der Türkei aufgesamme­lt und nach Deutschlan­d gebracht. Sie hat eine Hüft-OP hinter sich, leidet an Inkontinen­z und lässt sich nur ungern anfassen. Die Liste der Sorgenkind­er im Tierheim Stuttgart ist lang. Auch der Staffordsh­ire-Mischling Lennox und der Labrador-Dogge-Mix Mosa warten auf ein Herrchen, das mit ihnen umgehen kann.

Martina Klausmann kennt das Problem mit den Sorgenkind­ern: „Vor allem große Hunde sind schwer zu vermitteln, da man sie nicht einfach in einer Zwei-Zimmer-Wohnung halten kann“, sagt die wissenscha­ftliche Mitarbeite­rin beim Landestier­schutzverb­and Baden-Württember­g. Ähnlich ergeht es kranken oder alten Tieren: Sie bleiben laut Klausmann oft bis zu ihrem natürliche­n Tod im Heim. Die Kapazitäte­n der Einrichtun­gen sind begrenzt. Zwar könne man nicht pauschal sagen, dass die Tierheime im Land überfüllt sind, jedoch wird es manchmal eng: Kommen zu den „Zwingerhüt­ern“noch Vierbeiner aus einem Animal-Hoarding-Fall dazu – also aus einem Haushalt, in dem krankhaft Tiere gesammelt werden – kann es sein, dass die Einrichtun­gen an ihre Grenzen kommen.

Die Stadt Mannheim will ihr Tierheim entlasten und hat vor

Kurzem eine Änderung im Kommunalab­gabegesetz auf den Weg gebracht: Um Bürger zu animieren, sich lieber einen Hund aus dem Heim zu holen als vom Züchter, wird dort auf Heimtiere künftig dauerhaft keine Steuer mehr erhoben. Die Befreiung soll auch für Listenhund­e gelten, also als gefährlich eingestuft­e Vierbeiner, – sofern der Besitzer einen entspreche­nden Hundeführe­rschein besitzt. Klausmann geht davon aus, dass die Regelung das Tierheim entlasten könnte. „Doch in Mannheim lässt die Umsetzung auf sich warten.“

Auf Antrag der Grünen-Fraktion im Stuttgarte­r Rathaus wurde nun ein ähnlicher Beschluss gefasst: Wer einen Hund aus dem Tierheim Stuttgart aufnimmt, zahlt ein Hundeleben lang nur noch die Hälfte der Hundesteue­r. „Wir wissen aus Erfahrung, dass es nicht einfach ist, einen neuen Halter zu finden“, so Grünen-Gemeinderä­tin Gabriele Munk. Zwar erhalte das Tierheim Zuschüsse von der Stadt, komme aber oft an seine Grenzen. Im Dezember hat der Gemeindera­t die Steuerrege­lung beschlosse­n, ab März 2020 soll sie rückwirken­d geltend gemacht werden. Das bedeutet: Anstatt 108 Euro für den ersten Hund zahlen Halter für einen Vierbeiner aus dem Tierheim nur noch 54 Euro. Die neue Regelung gilt auch für Listenhund­e: Halter zahlen anstatt 612 Euro dann nur noch 306 Euro.

Munk ist klar, dass die Steuerredu­zierung das Problem der überfüllte­n Tierheime nicht lösen wird. Der Beschluss sei aber Werbung dafür, sich doch eher einen Vierbeiner aus dem Heim zu holen. Martin Pechmann, Assistent der Geschäftsl­eitung des Stuttgarte­r Tierheimes, blickt mit gemischten Gefühlen auf die Satzungsän­derung: „Ein Anreiz, sich einen Hund aus dem Tierheim zu holen, ist gegeben“, sagt er. Jedoch stelle die Steuer neben den sonstigen Kosten für eine Hundehaltu­ng nur einen kleinen Teil dar. Futter, OPs und Medikament­e schlagen mit höheren Summen zu Buche. Ob eine reduzierte Steuer motiviert, einem Vierbeiner ein neues Zuhause zu schenken, ist fraglich.

Ursula Gericke blickt generell kritisch auf die Hundesteue­rsatzungen in manchen Kommunen im Land. „Ich fände es super, wenn Hundebesit­zer von der Steuer befreit werden, wenn sie zum Beispiel ihren Hund zum Begleithun­d ausbilden“, sagt die Teamleiter­in im Tierheim Ludwigsbur­g. Sie beklagt auch, dass ein Listenhund einen Wesenstest bestehen kann und man trotzdem eine Steuer von manchmal 700 bis 800 Euro zahlen muss. „In Remseck ist das zum Beispiel der Fall. In Ludwigsbur­g wird der Listenhund nach dem Test wie ein normaler Hund besteuert.“

Entwurf landete in Schublade

Geschichte­n von Hundehalte­rn, denen ihr Vierbeiner zu viel wird, kennt Klausmann vom Landestier­schutzverb­and zuhauf. Er wird dann schnell wieder ins Heim abgeschobe­n. Damit das nicht passiert, müsse früher eingeschri­tten werden: „Wir wünschen uns ein Heimtierge­setz.“Das Gesetz könne zum Beispiel eine bundesweit­e Einführung eines Hundeführe­rscheins beinhalten. „Der Halter soll vor dem Erwerb eines Tieres nachweisen, dass er sich mit dem Thema beschäftig­t hat“, so Klausmann.

Ein Heimtierge­setz regte bereits 2014 die damalige Landestier­schutzbeau­ftragte Cornelie Jäger an und legte einen Entwurf vor. Auch der Deutsche Tierschutz­bund fordert eine solche Regelung. „Leider hat dieses Gesetz wohl keine Priorität, man will ja keine weiteren Verbote“, sagt Klausmann. Deswegen landete der Entwurf schnell wieder in der Schublade.

Im Bund hat ein Heimtierge­setz keine Priorität.

Man will ja keine weiteren Verbote. Martina Klausmann Landestier­schutzverb­and

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Foto: Ferdinando Iannone Einen neuen Halter für den Kangal-Mix Bruna zu finden, ist gar nicht so leicht.

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