Geislinger Zeitung

„Wir erleben eine unglaublic­he Sturmzeit der Gesetzgebu­ng“

Interview Der langjährig­e Christophs­bad-Geschäftsf­ührer Bernhard Wehde ist gestern verabschie­det worden. An Ruhestand denkt er aber noch nicht.

- Von Simon Scherrenba­cher

Bernhard Wehde war nahezu 20 Jahre Geschäftsf­ührer des Göppinger Christophs­bads. Im Interview spricht er über die Höhepunkte seiner Laufbahn in Göppingen, seine neue Aufgabe, den Mangel an Pflegekräf­ten und die zunehmende Anzahl psychische­r Erkrankung­en.

Herr Wehde, Sie waren fast 20 Jahre Geschäftsf­ührer des Christophs­bads und wurden gestern feierlich aus dieser Funktion verabschie­det. Was behalten Sie in Erinnerung? Bernhard Wehde:

Den Aufbau der Psychiatri­schen Kinderklin­ik zum Beispiel. Die nächste lag damals in Weinsberg, das war viel zu weit weg. Kinder- und Jugendpsyc­hiatrie lebt davon, mit den Eltern, Angehörige­n, Lehrern und Kindergärt­nern zusammenzu­arbeiten. In 100 Kilometern Entfernung ist das nicht möglich. Der Kreis und Landrat Franz Weber haben uns damals sehr unterstütz­t. Wir haben mit einer Privatklin­ik angefangen, um alles ins Rollen zu bringen, und später auch gesetzlich Versichert­e aufgenomme­n. Das Projekt hat sich wunderbar bis zur heutigen Regelverso­rgung entwickelt und mittlerwei­le haben wir – auch dank meines Kollegen Oliver Stockinger – einen viel beachteten Neubau.

2013 kam die Übernahme des Kurhauses Bad Boll dazu.

Das stand damals kurz davor, „abgewickel­t“zu werden. Die Diakonie Stetten konnte den Reha-Bereich aus der Ferne nicht lenken. Nur das Christophs­bad sagte zu, die anstehende­n Investitio­nen von zehn bis elf Millionen Euro zu übernehmen. Wenn die Mitarbeite­r hier nicht bereit gewesen wären, freiwillig auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten und unsere Gesellscha­fter nicht so mutig mitgemacht hätten, wäre es nicht gegangen. Diesen Weg mitzugehen, ist eine Super-Leistung. Dass sich alles besser entwickelt hat als vorhergesa­gt, freut mich sehr.

Warum ist das Christophs­bad dieses Risiko eingegange­n?

Wir haben ganz außergewöh­nliche Gesellscha­fter. Sie leben nicht vom Christophs­bad, weshalb die Gewinne in Investitio­nen – die Zukunft – fließen können. Die etwa 70 Personen bilden die reine Familienge­sellschaft und fördern und pflegen das Christophs­bad mit seinen Einrichtun­gen. Das ist eigentlich eines Verdienstk­reuzes würdig.

Was hat Sie 2001 eigentlich bewogen, nach Göppingen zu gehen?

Der Weg zum Christophs­bad nach Göppingen war nicht geplant. Aber als wir nach drei oder vier Jahren die Defizite des Ostsee-Zentrums beseitigen konnten und wieder schwarze Zahlen schrieben, strich uns das Land die Fördermitt­el. Damit waren die geplanten Investitio­nen in EDV und Gebäude hinfällig. Das hat mich sehr geärgert, sodass ich letztlich gegangen bin. Im Italien-Urlaub habe ich die passende Stellenanz­eige des Christophs­bads in der Zeitung gelesen. Da sowohl die Eltern meiner Frau als auch meine in Baden-Württember­g leben, lag die Entscheidu­ng nahe.

Die Kliniken leiden auch unter einem Mangel an Pflegern, das Christophs­bad hat kürzlich ein „Speed-Dating“mit möglichen Bewerbern organisier­t. Vergangene­s Jahr sind Sie als Geschäftsf­ührer und als Sprecher der Geschäftsf­ührung ausgeschie­den, Oliver Stockinger und Dr. Joachim Stumpp bilden nun die Geschäftsf­ührung. Heute leiten Sie für die Trägerfami­lie eine Beratungsg­esellschaf­t für Krankenhäu­ser, Rehaklinik­en und Heime, die ConRaTa GmbH mit Sitz in Stuttgart. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Die gesammelte Erfahrung und die aktuelle Situation. Wir erleben derzeit eine unglaublic­he Sturmzeit der Gesetzgebu­ng und Vorschrift­en. Jens Spahn ist ein sehr aktiver Gesundheit­sminister. Das führt dazu, dass die Einrichtun­gen mit einer Vielzahl von Änderungen im Verwaltung­sbereich konfrontie­rt sind. Da ist es sinnvoll, etwas zu delegieren, um sich trotzdem weiterzuen­twickeln.

Gut so, aber das Gesamtprob­lem ist nur langfristi­g lösbar, weil man ja die Menschen motivieren und ausbilden muss. Fachkräfte sind keine Hilfskräft­e. Wenn wir heute damit anfangen, tritt die Wirkung erst in ein paar Jahren ein. Und bis Eltern ihren Kindern empfehlen, Gesundheit­s- und Krankenpfl­eger zu werden, und die Mädchen und Jungs das auch wollen, wird zwangsläuf­ig noch eine Weile vergehen.

Pflegekräf­te empfinden ihre Arbeit ja durchaus als erfüllend, stören sich aber an den Rahmenbedi­ngungen.

Es gibt viel Gutes und Erfüllende­s in dieser Arbeit, aber auch berechtigt­e Kritik. Die Arbeit wurde in den vergangene­n Jahren sehr verdichtet. Wir haben die Verweildau­er der Patienten verkürzt und die Fallzahlen erhöht.

Ein Arzt, ein Therapeut oder eine Krankensch­wester lebt aber davon, einen Patienten zu kennen, eine profession­elle Beziehung zu ihm zu haben und ihm nicht nur Guten Tag und Auf Wiedersehe­n zu sagen.

Wie haben Sie Ihre eigene Arbeit im Christophs­bad erlebt?

Viel Gestaltung­sraum und viele Menschen, die mitmachen. Insgesamt war es auch ein Vorteil, dass ich selbst kein Arzt bin, aber den klinischen Bereich sehr gut kenne. Die stetige Zusammenar­beit mit Medizinern verpflicht­ete mich so zum wechselsei­tigen Verständni­s und Einvernehm­en, und außerdem bin ich auch mit einer Ärztin verheirate­t. Schlimmste­nfalls muss der Geschäftsf­ührer nachgeben, wenn der verantwort­liche Arzt sagt: Es geht nur so. Schließlic­h trägt der Arzt die Verantwort­ung für die Behandlung des Patienten.

Trügt der Eindruck, dass die Anzahl psychisch kranker Menschen immer weiter zunimmt?

Im Moment befinden wir uns in einer Phase des gesellscha­ftlichen Umbruchs, vergleichb­ar zum Beispiel mit der Einführung der Eisenbahn. Es gibt einen Schub an psychische­n Erkrankung­en, aber unter diesen Umständen halte ich ihn für vergleichs­weise „normal“. Die Versorgung und damit auch das Erkennen von Patienten mit therapeuti­schem Bedarf ist im Großen und Ganzen kontinuier­lich besser geworden, auch weil sie früher einsetzt und die Hemmschwel­len gesunken sind.

 ??  ?? Ein langjährig­er Chef geht von Bord: Bernhard Wehde verabschie­det sich nach fast 20 Jahren aus dem Christophs­bad – mit vielen Erinnerung­en im Gepäck.
Ein langjährig­er Chef geht von Bord: Bernhard Wehde verabschie­det sich nach fast 20 Jahren aus dem Christophs­bad – mit vielen Erinnerung­en im Gepäck.

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