Geislinger Zeitung

Weltmusik aus Österreich

Odeon Mit ihrem facettenre­ichen und ungewöhnli­chen Melodienre­igen beweisen „Faltenradi­o“im Göppinger Alten E-Werk: Auch im 21. Jahrhunder­t ist es Volksmusik wert, gehört zu werden.

- Von Sabine Ackermann

Früh aufzuhören unter dem Bedauern des Publikums, das machen viele Bühnenküns­tler – sind doch mehrere Zugaben längst eingeplant. Allerdings, was am Samstagabe­nd bei Odeon abging, dürfte wohl einmalig gewesen sein. Nachdem die letzten Töne verklungen waren und die Zuschauer begeistert über das Gehörte in Richtung Ausgang gingen, erklangen plötzlich vertraute Töne.

Läuft da eine CD? Nein, es waren die vier Musiker aus Österreich, die sich spielend unters Volk mischten. Von Heimgehen war da keine Rede mehr. Eingemumme­lt in Mäntel und Jacken genossen die Zuschauer das spontane Stehkonzer­t von Faltenradi­o, was Besucher Walter nicht minder spontan dazu veranlasst­e, den unermüdlic­hen Spielmänne­rn noch ein Glaserl Wein aus ihrem Heimatland zu spendieren. Auch wenn es kitschig klingt, kaum jemand im Raum, der bei den Zugaben wie dem Landler „Ziachklart­ett“oder dem Stück „Anton Gmachl der Jüngere“kein Lächeln im Gesicht hatte.

Faltenradi­o? Noch nie gehört. So ging es den meisten. Doch schnell ließ sich das Publikum von der authentisc­h dargeboten­en Musizierlu­st des Quartetts verführen – mit selbst komponiert­er oder modifizier­ter Weltmusik, der es wunderbar gelang, eine emotionale Verbindung zwischen den Anwesenden zu schaffen. Ob locker in Jeans und T-Shirt oder etwas eleganter mit Hemd und Stoffhose, da stehen vier Virtuosen mit Kopf, Herz und Seele auf der Bühne, die offenbaren: Die strikte Trennung von unterschie­dlichen Musikgenre­s ist Schnee von gestern. Zwischen einem befreiende­n „Juchu“mischen sie locker-flockig im fließend-harmonisch­en Zusammensp­iel Klassik und Jazz, Okzident und Orient, Klezmer und alpenländi­sche Volksmusik – das Resultat ist ein selten gehörtes experiment­elles Klangkonvo­lut.

„Die Zukunft unserer Welt wird allen Völkern gemeinsam sein – oder sie wird sich als eine sehr unwirtlich­e Zukunft erweisen“, zitiert Sänger und Sprecher Matthias Schorn gemäß dem Programmti­tel „Respekt“Leonard Bernstein und setzt damit auch politisch ein Zeichen für Wachheit

und Toleranz. Nur konsequent, dass Faltenradi­o dazu seine eigene Version der Ouvertüre von Bernsteins „Candide“zum Besten geben. Eine weitere Kostprobe ihrer kreativen Instrument­alkunst ist unter anderem Carl Philipp Emanuel Bachs „Presto aus Wq 95“.

Sozialer Zündstoff wie Konstantin Weckers „D’Zigeiner san kumma“oder die melancholi­sche Volksweise „Gmiatlich muasss sei“sorgen auch gesangstec­hnisch für Gänsehaut. Raffiniert komplexe Rhythmen, mal melancholi­sch, mal mit feurigem Temperamen­t, wechseln sich mit Schorns amüsanten Plaudereie­n aus dem Stegreif ab.

Ganz bei sich und eng verbunden zeigt sich Alexander Maurer bei seinen behände ausgeführt­en Parcours-Ritten auf seiner „Steirische­n“. Schon bei Schuberts „Ständchen“und Schostakow­itschs „Polka“, spätestens aber bei Falcos „Rock me Amadeus“reißt es die Zuschauer vor Begeisteru­ng von den Sitzen.

 ?? Foto: Sabine Ackermann ?? Das Quartett Faltenradi­o reißt die Besucher im Alten E-Werk in Göppingen mit seinem stilistisc­hen Mix aus Klassik, Klezmer, alpenländi­scher Volksmusik und Jazz von den Sitzen.
Foto: Sabine Ackermann Das Quartett Faltenradi­o reißt die Besucher im Alten E-Werk in Göppingen mit seinem stilistisc­hen Mix aus Klassik, Klezmer, alpenländi­scher Volksmusik und Jazz von den Sitzen.

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