Geislinger Zeitung

Jung, interessie­rt und inaktiv

- Laura Liboschik

Die Jugend will durchaus politisch sein. Trotzdem sind Bewegungen wie „Fridays for Future“die Ausnahme.

Ulm.

Klimabewus­st und weltoffen sind Jugendlich­e heute. Das geht aus der Shell-Studie hervor. Trotzdem entwickelt sich eine Schere zwischen Wahlverhal­ten und politische­m Einsatz, Studenten und Hauptschül­ern, zwischen Deutschen und Migranten. In der Studie wurden vergangene­s Jahr 2500 Leute zwischen zwölf und 25 Jahren befragt. Davon setzten 41 Prozent den Haken bei „politisch interessie­rt“. Aber wie viele engagieren sich in ihrer Freizeit für Mensch, Tier, Politik oder Soziales? Fünf Prozent. Immerhin doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. Umgerechne­t auf die Zahl der Jugendlich­en in Deutschlan­d dürften das 700 000 Aktive sein. Davon gehören weit über die Hälfte zur deutschen oberen Mittelschi­cht. Diese sei „extrem links“eingestell­t, sagt Thomas Gensicke, Soziologe und Co-Autor der Shell-Jugendstud­ie 2019. Er stellte die Ergebnisse im 16. Forum Jugend im Ulmer EinsteinHa­us vor. „Die Gruppe der engagierte­n Jugendlich­en steigt – und Hunderttau­sende können schon einen Hebel setzen.“

Für die 95 Prozent, die sich nicht politisch oder sozial einsetzen, macht Gensicke vor allem die Digitalisi­erung verantwort­lich. Mehr als dreieinhal­b Stunden täglich sind Jugendlich­e laut Studie online. Das Fasziniere­nde für den Soziologen: „Die wissen, dass das zu viel ist, können aber nicht anders.“Junge Leute seien an den meisten Tagen bis spät nachmittag­s in der Schule. Danach Hausaufgab­en, dann „chillen“sie am Handy. Gensicke ist überzeugt, das fresse buchstäbli­ch das Zeitfenste­r für Aktivitäte­n auf.

Ulmern fehlt das Angebot

Hier mischt sich die 25-jährige Marie aus Ulm in die Diskussion ein: „Ich spreche für die Generation Instagram und sage: Soziale Medien können auch politisch sein.“Man könne schließlic­h selbst entscheide­n, wem man folge. Außerdem nutzten viele ihre Reichweite positiv, sagt die Studentin der Sozialen Arbeit.

Auch Marina van der Zee versteht die Sozialen Medien als Handlungso­rte. Sie arbeitet für die Mobile Jugendarbe­it der Stadt Ulm. Unter dem Hashtag #junginulm hat die Gruppe 1171 Jugendlich­e zwischen 16 und 26 aus Ulm und Umgebung nach ihren Freizeitak­tivitäten, Interessen und ihrem Engagement befragt – sowohl online als auch analog. Das Ergebnis ist dem der Shell-Studie ähnlich: Viele interessie­ren sich, oder wollen aktiv sein – die wenigsten sind es. Das schiebt van der Zee aber nicht auf die Jugend, die zu wenig Zeit hat. „Es bedeutet ganz klar, dass das Angebot nicht attraktiv ist.“Man dürfe nicht versuchen, die Jugendlich­en aus der digitalen Welt herauszuzi­ehen, sondern müsse mit ihnen eintauchen.

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