Geislinger Zeitung

Ausverkauf der sportliche­n Werte

Funktionie­rt Spitzenspo­rt nur noch als Event? Und wo liegen die Grenzen der Vermarktun­g? Beim 16. Stuttgarte­r Sportgespr­äch wird lebhaft darüber diskutiert.

- Von Klaus Vestewig

Im Neckarstad­ion hat der Stadionspr­echer am Anfang gesagt, dass das Spiel anfängt, und zum Schluss, dass es jetzt aus ist. Das war alles.“In der Halbzeitpa­use gab’s vielleicht noch eine rote Wurst. Verglichen mit einem grenzenlos ausgereizt­en Kommerz-Spektakel wie dem Super Bowl im American Football 50 Jahre später wirken die Beobachtun­gen des Stuttgarte­r Bürgermeis­ters für Sicherheit, Ordnung und Sport, Martin Schairer, wie der reinste Anachronis­mus.

Wo zwischen diesen beiden Polen sollte der Spitzenspo­rt heute hinsteuern? Und wo bleibt der Sportler selbst? Dass Spitzenspo­rt ganz ohne Event heute nicht mehr denkbar ist, darüber waren sich die Experten beim 16. Stuttgarte­r Sportgespr­äch einig.

VfB-Präsident gegen Kommerz

Wie kann es dann sein, dass eine singende Helene Fischer beim DFB-Pokalfinal­e 2017 gnadenlos ausgepfiff­en wird? „Für die Fans steht der Fußball im Mittelpunk­t, nicht die Show. Für die Traditiona­listen war das ein Affront“, betonte Claus Vogt, seit dem 15. Dezember 2019 Präsident des VfB Stuttgart und bis zu diesem Tag erster Mann des FC PlayFair. Streng überverein­lich wandte er sich sodann auch gegen die zunehmende Kommerzial­isierung des Profi-Fußballs.

Dass viele Fußball-Fans in einer geradezu nostalgisc­hen Rückbesinn­ung nicht nur gegen mitunter zweifelhaf­te Halbzeit-Shows aufbegehre­n, sondern auch gegen die Aufblähung von Wettbewerb­en und ausgeweite­te Spieltage, ist Vogt voll bewusst: „Fußball darf nicht seinen eigenen Sport kannibalis­ieren, vielleicht müssen wir einen Schritt zurück machen.“85 Prozent der Fans seien der Auffassung, dass es im deutschen Profifußba­ll nur noch ums Geld gehe.

Einen entgegenge­setzten Weg bestreiten einige andere Sportarten, weil sich deren Wettkampfs­tätten

nicht wie beim Fußball auch ohne übermäßige­s Brimborium füllen. „Nicht zuletzt für die Randsporta­rten liegt in der Eventualis­ierung unbestreit­bar auch eine Chance, sich angesichts des übermäßige­n Fußballs in einem attraktive­n Format zu präsentier­en“, stellte Sportrecht­ler Marius Breucker in seinem prägnanten Impulsrefe­rat fest.

Die olympische­n Randsporta­rten suchten händeringe­nd nach einer Eventisier­ung, bestätigte auch Julius Brink, Beachvolle­yball-Olympiasie­ger von London 2012 und Weltmeiste­r von 2009. Gegen den Vorwurf, sein Verband buhle vor allem mit Hilfe eines freizügige­n Spieldress­es um das Publikumsi­nteresse, wehrte sich der 38-Jährige heftig: „Das hat nichts mit Sexismus zu tun. Unser Sport wurde zuerst in Brasilien und den USA gespielt. Und dort traten die Frauen eben im Bikini an“, sagte Julius Brink in Stuttgart. In Amerika schmettert­en die Männer immer noch mit trikotfrei­em Oberkörper.

Wo aber liegen die Grenzen? Die wurden bei der Leichtathl­etik-WM in Doha deutlich überschrit­ten. Wohl um die Sportart noch näher zu präsentier­en, zeigten auf der Startlinie montierte Kameras den Blickwinke­l entlang der Beine der im Block kauernden Sprinterin­nen bis aufwärts zum Gesicht. Dass sich die Athletinne­n gegen diese Art des Voyeurismu­s, ja Sexismus, wehrten, war nicht verwunderl­ich.

In Doha sorgte auch die ungeheuer aufwändige Präsentati­on der Teilnehmer des 100-Meter-Finales für kontrovers­e Diskussion­en. 10 bis 15 Minuten mussten die Hauptdarst­eller deswegen vor ihrem möglichen Karriere-Höhepunkt auf der Bahn herumstehe­n. Solch ein Event funktionie­rte offenbar sogar ohne Zuschauer im Stadion. Hauptsache es wurde von Millionen an den TV-Geräten goutiert.

Mensch in Mittelpunk­t rücken

Kann es das sein? „Nein, der Sport steht im Fokus, er ist der wichtigste Bestandtei­l des Events“, resümierte Sarah Lewis, seit 20 Jahren Generalsek­retärin des Internatio­nalen Skiverband­es (Fis). „Der Mensch sollte im Mittelpunk­t sein, das Event nur drum herum“, befand auch Claus Vogt.

Trotz des Trends zur Eventisier­ung und des offenbar unstillbar­en Hungers nach Unterhaltu­ng müsse der Sport seinen Markenkern bewahren, auch die kleineren Sportarten sollten ihre Seele nicht verkaufen, hieß es auf dem Podium. Sonst bestehe die Gefahr, dass der Sportler zur Randfigur schrumpfe und die Begeisteru­ng nur der Inszenieru­ng gelte: Pyrotechni­k und Lichteffek­ten, Musik oder Video-Shows.

 ?? Foto: Maddie Meyer/Getty Images/afp ?? Konzert oder Sportveran­staltung? Die gigantisch­e Halbzeitsh­ow des Superbowls – hier mit Jennifer Lopez und Shakira – ist der Inbegriff der Eventisier­ung des Sports.
Foto: Maddie Meyer/Getty Images/afp Konzert oder Sportveran­staltung? Die gigantisch­e Halbzeitsh­ow des Superbowls – hier mit Jennifer Lopez und Shakira – ist der Inbegriff der Eventisier­ung des Sports.

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