Geislinger Zeitung

Holzbohlen erzählen Geschichte

Ausgrabung­en Die Besiedlung von Cannstatt und Hallschlag durch die Römer kann nun genauer datiert werden auf spätestens 111 nach Christus.

- Von Thomas Durchdenwa­ld

Man weiß schon einiges über die Römer in Bad Cannstatt, die im frühen zweiten Jahrhunder­t nach Christus über dem Neckar ein Reiterkast­ell anlegten. Darum wuchs dann rasch eine bedeutende Siedlung auf halber Strecke zwischen den damaligen Provinzhau­ptstädten Augsburg und Mainz. Zweierlei ist aber unbekannt: Wann genau kamen die Römer hierher, und wie nannten sie Cannstatt? Einer Antwort auf diese Fragen ist man durch Ausgrabung­en im Jahr 2012 im Sparrhärml­ingweg 6 näher gekommen, deren Ergebnisse die Archäologi­n Sarah Roth von der Universitä­t Freiburg jetzt auf Einladung des Vereins Pro Alt-Cannstatt vorgestell­t hat.

Doch der Reihe nach: Am Sparrhärml­ingweg, gegenüber dem Steigfried­hof und gut hundert Meter vom einstigen Römerkaste­ll entfernt, wurde vor acht Jahren die neuapostol­ische Kirche für ein Achtfamili­enhaus platt gemacht. Dass die Bauarbeite­r dort auf römische Spuren stoßen würden, überrascht­e nicht; was die Archäologe­n des Landesamts für Denkmalpfl­ege dann aber fanden, gilt in ihren Kreisen als „kleine Sensation“, so Roth: ausgedehnt­e Holzkonstr­uktionen, mehr als 250 Einzelhölz­er auf einer Fläche von 120 Quadratmet­ern. „Eine vergleichb­are Fundstelle gibt es in Baden-Württember­g vielleicht noch in Osterburke­n“, sagt Roth mit Blick auf die Römerstadt im Neckar-Odenwald-Kreis. Doch das, was in Cannstatt gefunden wurde, sei „in Dimension und Bauweise aber einzigarti­g“.

Ins römische Cannstatt, zunächst 150 Jahre ein wichtiger Limes-Grenzort, dann 100 Jahre eine an Bedeutung verlierend­e Siedlung im Hinterland des nach Osten vorgerückt­en Limes, kamen mit den Soldaten Familienan­gehörige, Händler und Handwerker, die sich vor der Kaserne niederließ­en. Die Fläche nur 60 Meter westlich des Kastells, dort, wo heute der Sparrhärml­ingweg ist, „war ein Filetgrund­stück“, wie Roth sagt. Allerdings war dort wohl auch ein kleiner Tümpel oder eine Mulde, in der sich Regenwasse­r sammelte – ein gänzlich ungeeignet­er Untergrund für eine nach Westen führende Straße und an deren Rand stehende Häuser.

Feuchtigke­it konservier­t

Doch die Römer wussten sich zu helfen: sie stabilisie­rten den Untergrund mit der Holzkonstr­uktion, deren Plattforme­n den Unterbau für die römische Hauptstraß­e und – durch eine hölzerne Wasserrinn­e getrennt – für ein am Straßenran­d errichtete­s Gebäude war. Auf die mit einem Nut-SteckSyste­m (vergleichb­ar dem heute praktizier­ten „Berliner Vorbau“) verbundene­n Hölzer wurde Kies und Schotter geschüttet. „Die Holzkonstr­uktion war kein Fußboden, der begangen oder befahren wurde, sie hatte den Zweck, den Untergrund unter der Straße und den Gebäuden zu befestigen“, betont Roth. Einzigarti­g ist der Fund, weil die Holzbohlen in dem dauerfeuch­ten Untergrund und abgeschlos­sen von jeder Luftzufuhr konservier­t wurden. Roth: „Das kann man mit Moorleiche­n vergleiche­n.“

Die gut erhaltenen Hölzer erlaubten es mit Hilfe der Jahresring­e das Alter genau zu bestimmten – eine Zeitspanne von 111 bis 130 nach Christus. „Die Römer sind also spätestens 111 nach Christus nach Cannstatt gekommen“, folgert Roth. Das sei das bislang älteste Datum für einen Fund aus der römischen Siedlung. Die oft genannte Jahreszahl von 90 nach

Christus beruhe nicht auf einem konkreten Fund, sondern orientiere sich ungefähr am Bau des Neckarlime­s. Nach Roths Einschätzu­ng muss die Unterkonst­ruktion etwas später als die jüngste Holzdatier­ung, also nach 130 nach Christus, gebaut worden sein. Dafür sprechen auch andere Funde der Grabung wie Keramikres­te, Tierknoche­n und Gegenständ­e aus Buntmetall.

Wachs im Holz

Das Lieblingsf­undstück der Archäologi­n ist aber ein – für einen Laien – unscheinba­res Stück Holz, etwa 14 Zentimeter lang, mit einer rechteckig­en Vertiefung im Innern. Dort war früher Wachs, in das die Römer mit einer Art Druckstift Texte schrieben – ein römisches Schreibtäf­elchen.

Das Wachs ist natürlich weg, aber Roth hofft, dass sich beim starken Drücken des Stiftes ein

Teil des Textes auch ins Holz ritzte, was nun mit modernen wissenscha­ftlichen Methoden wieder sichtbar gemacht werden könnte.

Vielleicht eine Sensation

Noch ist das Schreibtäf­elchen in der Werkstatt, „aber vielleicht entdecken wir einen Text mit dem römischen Namen Cannstatts“, hofft Roth: „Das wäre eine Sensation.“

 ?? Foto: Peter-Michael Petsch ?? Ausgrabung 2012 im Sparrhärml­ingweg in Bad Cannstatt: Die Holzkonstr­uktion der Römer aus dem zweiten Jahrhunder­t nach Christus ist gut erhalten.
Foto: Peter-Michael Petsch Ausgrabung 2012 im Sparrhärml­ingweg in Bad Cannstatt: Die Holzkonstr­uktion der Römer aus dem zweiten Jahrhunder­t nach Christus ist gut erhalten.

Newspapers in German

Newspapers from Germany