Geislinger Zeitung

Lagarde öffnet die Zentralban­k

- dpa

Die neue Chefin will besser erklären, was die Institutio­n tut. Kritiker vermissen eine klare Position in der Geldpoliti­k.

Frankfurt/Main. „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun“– Christine Lagarde zitiert zum Abschluss ihrer Rede beim Neujahrsem­pfang im Frankfurte­r Römer den wohl berühmtest­en Sohn der Stadt: Johann Wolfgang von Goethe. Die Französin, die seit 1. November die Europäisch­e Zentralban­k führt, will besser erklären, was die EZB tut und warum die Zentralban­k es tut. „Wir werden versuchen, eine Sprache zu sprechen, die jeder versteht. Und wir werden zuhören und ein offenes Ohr für die Sorgen und Bedenken der Bürgerinne­n und Bürger haben“, verspricht Lagarde.

Gerade in Deutschlan­d hatte ihr Vorgänger Mario Draghi einen schweren Stand. Null- und Negativzin­sen machen nicht nur Sparern das Leben schwer, sondern insbesonde­re Banken und Sparkassen – Europas Finanzsekt­or ist mehr als zehn Jahre nach der Finanzkris­e nach wie vor schwach. Dass der Italiener mit unkonventi­onellen Entscheidu­ngen maßgeblich zur Rettung des Euro beitrug, wird von Kritikern gerne übersehen. Lagarde weiß um die Risse, die es im EZB-Rat, dem obersten Entscheidu­ngsgremium der Zentralban­k, zu kitten gilt. Gegen den Widerstand etlicher nationaler Notenbankc­hefs setzte Draghi kurz vor Ende seiner Amtszeit eine Verschärfu­ng der seit Jahren ultralocke­ren Geldpoliti­k durch.

Das gestörte Verhältnis vieler Deutscher zur EZB sei auch eine Folge der Distanz der Institutio­n zu den Bürgern, sagt die ehemalige Wirtschaft­sweise Isabel Schnabel, die seit Januar im EZB-Direktoriu­m sitzt. „Bislang reden wir ja hauptsächl­ich mit den Experten an den Finanzmärk­ten.“Offene Kritik – auch das ein neuer Stil. Dazu das Eingeständ­nis, nicht auf alles sofort die passende Antwort zu haben. „Wenn ich etwas nicht weiß, dann werde ich Ihnen sagen, dass ich es nicht weiß“, gibt Lagarde der Finanzpres­se mit auf den Weg.

Anders als ihre drei Vorgänger an der EZB-Spitze war die ehemalige französisc­he Wirtschaft­sund Finanzmini­sterin nie Chefin einer nationalen Notenbank. Ob und wie sehr Lagarde den Kurs der EZB tatsächlic­h verändern kann oder will, wird sich zeigen. „Geldpoliti­sch wird sie sich noch beweisen müssen. Bislang wissen wir nicht, wofür Lagarde da steht“, sagt der Chefvolksw­irt der ING Deutschlan­d, Carsten Brzeski.

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Foto: Daniel Roland/afp Neuer Stil in der EZB: Christine Lagarde.

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