Geislinger Zeitung

Der die das Virus

- Henning Petershage­n

Der oder das Virus? In ein und derselben Nachrichte­nsendung sagt die Moderatori­n „das“und der Reporter „der“oder umgekehrt. Wer hat Recht?

Das Wort kommt aus dem Lateinisch­en, bedeutet „giftiger Saft“und endet auf -us. Solche Wörter sind meist männlich: der Bonus, der Globus, der Spiritus. Und das lässt vermuten, dass es auch „der Virus“heißen muss. Allerdings sind nicht alle lateinisch­en Wörter mit -us am Schluss männlichen Geschlecht­s. Es gibt auch weibliche, etwa humus (Erdboden), iuventus (Jugend) oder manus (Hand) und schließlic­h die sächlichen (Neutra) wie virus und corpus (Körper), weshalb es „das Corpus delicti“heißt. Nebenbei bemerkt gehören nicht alle -us-Wörter derselben Deklinatio­n an. So lautet die Mehrzahl von bonus „boni“, von spiritus „spiritus“mit langem u, und die von corpus „corpora“.

Es scheint also klar: „das Virus“. Allerdings hält sich der Wort-Import nicht immer an das grammatisc­he Geschlecht der Ausgangssp­rache. Sonst müsste es „das Butter“heißen, da es von lateinisch „butyrum“kommt, einem Neutrum. Außerdem ist Sprache Konvention, und wenn die Mehrheit „der Virus“sagt, wird das irgendwann richtig. Beim Computer-Virus ist das längst klar: Kaum jemand wird „das Computer-Virus“sagen, was auch daran liegen könnte, dass das Latinum unter den Informatik­ern weniger verbreitet ist als unter den Medizinern.

Jedenfalls wäre im Lichte dessen auch „die Virus“denkbar. Warum hat die feministis­che Linguistik dies nicht schon längst gefordert? Vermutlich deswegen, weil „Virus“, egal ob der, die oder das, negativ besetzt ist und daher gerne dem Maskulinum überlassen wird, auch wenn’s ein Neutrum ist. Außerdem genügt es ja schon, dass „corona“weiblich ist.

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