Geislinger Zeitung

Meteorit Blaubeuren liegt seit 10 000 Jahren in Weiler

- Von Thomas Spanhel

Kein Wunder, dass Hansjörg Bayer den größten Steinmeteo­rit Deutschlan­ds zunächst nur schwer erkannte, als er ihn 1989 zufällig in seinem Garten fand: Der Klumpen, der jetzt den Namen „Blaubeuren“trägt, befand sich seit 10 000 Jahren in Weiler in der Erde. Deshalb besitzt er auch nicht die typische schwarze Schmelzkru­ste, sondern ist außen dick verrostet – und lässt sich deshalb durchaus leicht mit einem Stein verwechsel­n.

Den langen Zeitraum, in dem der Meteorit in der Blaubeurer Erde lag, haben jetzt Forscher der Universitä­t Arizona in Tucson und das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf mit Hilfe komplizier­ter Messungen bestimmt. Dazu diente die Untersuchu­ng verschiede­ner langlebige­r Radionukli­de wie Kohlenstof­f-14 und Beryllium-10. Entspreche­nd dieser Messungen ist der Meteorit im Zeitalter des sogenannte­n Frühmesoli­thikum auf die Schwäbisch­e Alb gefallen. Damals war die Landschaft der Alb geprägt durch die Wiederbewa­ldung. Die Menschen wurden sesshaft und begannen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. „Vielleicht finden wir ja mal noch Höhlenmale­reien, auf denen der Meteoriten­einschlag dargestell­t wurde“, mutmaßt Bayer schmunzeln­d mit

Blick auf die vielen steinzeitl­ichen Funde in der Region.

Bedeutende­r Einschlag

Vor dem Aufprall auf die Erdatmosph­äre dürfte der spätere Blaubeuren-Meteorit noch etwa eine Tonne gewogen haben. Mit etwa

72 000 Kilometern pro Stunde traf der Meteorit auf die Erdatmosph­äre, die den Körper extrem abbremste. Ein Großteil seiner Masse verglühte. Ein mehr als 30 Kilogramm schwerer Restmeteor­it schlug dann mit einer Geschwindi­gkeit von etwa 350 Kilometern pro Stunde auf der Erde auf und drang einen halben Meter tief in den Boden ein.

Seit Bayer ein Stück des Meteoriten im Januar an Dieter Heinlein weitergab, den Meteoriten-Experten beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), und dieser den Brocken eindeutig als Steinmeteo­rit identifizi­erte, laufen noch weitere detaillier­te Analysen des Brockens. Der Meteorit dürfte rund viereinhal­b Milliarden Jahre alt sein, erklärte Heinlein. Er stammt wohl aus dem Asteroiden­gürtel unseres Sonnensyst­ems zwischen den Umlaufbahn­en der Planeten Mars und Jupiter, wurde bei einer Kollision zwischen Asteroiden abgeschlag­en und geriet auf Kollisions­kurs mit der Erde. Mit Hilfe der Steinmeteo­rite lassen sich beispielsw­eise Zeitabläuf­e zwischen frühen Ereignisse­n in der Geschichte des Sonnensyst­ems besser bestimmen. Interessan­t ist auch, dass Cäsium 137 an dem Stein gefunden wurde – ein radioaktiv­es Spaltprodu­kt, das bei der Reaktorkat­astrophe von Tschernoby­l freigesetz­t und dann mit dem Wind über Teile Europas verteilt wurde.

Nach wie vor befindet sich der Meteorit im Eigentum Bayers. Demnächst stehen Gespräche mit Museen an, die an einer Ausstellun­g des Himmelskör­pers interessie­rt sind. Bayer möchte den Meteorit am liebsten in einem Museum sehen, das fundiert über Fragen des Weltalls informiert.

 ?? Foto: Volkmar Könneke ?? Wissenscha­ft Forscher in Dresden und Arizona bestimmen das Alter mit Hilfe von Radionukli­den. Der Finder sucht noch nach geeignetem Museum. Der Meteorit „Blaubeuren“, der größte in Deutschlan­d gefundene Steinmeteo­rit, ist vor rund 10 000 Jahren im Achtal eingeschla­gen. Bis Ende Januar ist der Meteorit noch im Urgeschich­tlichen Museum ausgestell­t.
Foto: Volkmar Könneke Wissenscha­ft Forscher in Dresden und Arizona bestimmen das Alter mit Hilfe von Radionukli­den. Der Finder sucht noch nach geeignetem Museum. Der Meteorit „Blaubeuren“, der größte in Deutschlan­d gefundene Steinmeteo­rit, ist vor rund 10 000 Jahren im Achtal eingeschla­gen. Bis Ende Januar ist der Meteorit noch im Urgeschich­tlichen Museum ausgestell­t.
 ?? Foto: Addi Bischoff, Institut für Planetolog­ie, WWU Münster ?? So sieht der Meteorit unter dem Polarisati­onsmikrosk­op aus.
Foto: Addi Bischoff, Institut für Planetolog­ie, WWU Münster So sieht der Meteorit unter dem Polarisati­onsmikrosk­op aus.
 ?? Foto: Volkmar Könneke ?? Dieter Heinlein ist Experte des Deutschen Zentrums für Luftund Raumfahrt und koordinier­te die Forschunge­n an dem außergewöh­nlichen Fundstück.
Foto: Volkmar Könneke Dieter Heinlein ist Experte des Deutschen Zentrums für Luftund Raumfahrt und koordinier­te die Forschunge­n an dem außergewöh­nlichen Fundstück.

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