BUN­TER VO­GEL PRS SE Stan­dard 24 Mul­ti-foil

Man sieht es an der Mo­de auf der Stra­ße, man hört es nicht nur auf Wa­cken, son­dern auch in den Charts – die 80er- Jah­re sind zu­rück. Und plötz­lich lässt auch die Gi­tar­ren­in­dus­trie die bun­ten Vö­gel wie­der flie­gen.

Gitarre & Bass - - Leser Post Post@gitarrebass.de - TEXT Chris­to­pher Kell­ner FO­TOS Die­ter Stork

30 Jah­re hat es ge­dau­ert, bis bei vie­len von uns die Scham über die Ge­schmacks­ver­ir­run­gen des bun­ten Jahr­zehnts ei­ner ge­wis­sen wohl­wol­len­den Nost­al­gie ge­wi­chen ist. Ob so man­cher spät­ge­bo­re­ne Hips­ter die Stil­mit­tel der 1980er gar nicht mehr als be­reits da­ge­we­sen er­kennt – und als to­tal neu und frisch ab­fei­ert? Als Fes­ti­val-be­su­cher hab ich da so mei­ne Theo­ri­en. Doch las­sen wir die phi­lo­so­phi­schen Be­trach­tun­gen an die­ser Stel­le und wen­den uns dem Ge­gen­stand un­se­res ei- gent­li­chen In­ter­es­ses zu – der PRS SE Stan­dard 24 Mul­ti-foil. In den spä­ten 80er-jah­ren sprang die noch jun­ge, auf­stre­ben­de Fir­ma von Paul Reed Smith auf den Zug der be­son­ders bun­ten Gi­tar­ren­de­signs auf und stell­te die PRS „Mul­ti-me­tal“vor. Ge­rüch­ten zu­fol­ge wur­den vor ex­akt 30 Jah­ren, im Jahr 1988, ge­nau 48 Stück ge­baut – dem­ent­spre­chend han­delt es sich heu­te um ra­re Samm­ler­stü­cke. In der hoch­prei­si­gen „Wood Li­bra­ry“gab es seit­dem ein­zel­ne Mul­ti-foil-ex­em­pla­re, aber von ei­ner se­ri­en­mä­ßi­gen Her­stel­lung kann kei­ne Re­de sein. Nun, da ei­ne Band wie Steel Pan­ther auf Wa­cken an pro­mi­nen­ter Stel­le spielt und die Kon­kur­renz mit so man­cher 80er-neu­auf­la­ge op­tisch wie­der rich­tig die Ge­schmä­cker stra­pa­ziert, sieht PRS den Zeit­punkt of­fen­bar ge­kom­men, sich mit ei­ner Hom­mage in den Markt zu wa­gen – und bei den Stück­zah­len wird die­ses Mal wohl auch nicht so ge­knau­sert wie da­mals.

für schnel­le fin­ger

Die neue Mul­ti-foil ist bei ge­nau­er Be­trach­tung ei­ne nor­ma­le Stan­dard 24 aus der in Süd­ko­rea von WMI pro­du­zier­ten Se-rei­he. Der be­kann­te, er­go­no­misch vor­teil­haf­te Kor­pus ist aus Ma­ha­go­ni – der Un­ter­schied zur SE Cust­om 24 ist üb­ri­gens, dass je­ne ein Ahorn-top auf dem bei bei­den Mo­del­len leicht ge­wölb­ten Kor­pus hat. Be­stückt wur­de die bun­te Plan­ke mit zwei 85/15 „S“-pick­ups, die sich am To­nePo­ti split­ten las­sen. PRS führ­te sie 2017 auf ei­ner gan­zen Rei­he von Se-mo­del­len ein, sie sol­len ent­spre­chen­de Nach­bau­ten der 85/15-Pick­ups der ame­ri­ka­ni­schen Mo­del­le sein – zum Klang gleich mehr. Kei­ne Ex­pe­ri­men­te macht PRS beim idio­ten­si­che­ren 3-We­ge-schal­ter und dem mit der Spiel­hand leicht er­reich­ba­ren Vo­lu­me- Po­ti. Der eben­falls in „ Mul­ti- Foil“la­ckier­te Ahorn­hals mit recht dunk­lem Pa­li­san­der­griff­brett ist im Kor­pus ein­ge­leimt und weist das so­ge­nann­te „Wi­de Thin“- Pro­fil auf: Schlank, aber mit 43,5 mm Brei­te am Gra­phi­te-sat­tel auch für Wurst­fin­ger nicht un­kom­for­ta­bel. Laut PRS rich­tet sich die­ses Pro­fil an „ schnel­le“Spie­ler, spe­zi­ell Le­ad­gi­tar­ris­ten. Mit ei­ner Men­sur von 635 mm und 10"- Griff­brett­ra­di­us folgt die Mul­ti- Foil dem Prs-stan­dard. Das Griff­brett mit 24 ta­del­los ver­ar­bei­te­ten und ge­schmei­dig po­lier­ten, kräf­ti­gen Bün­den zie­ren die be­rühm­ten Prs-birds. Ein wich­ti­ges De­tail, soll­te man sei­ne PRS doch mal wie­der los­wer­den wol­len – wer je­mals ver­sucht hat, ei­ne PRS oh­ne Bird-in­lays wei­ter­zu­ver­kau­fen, der weiß, wo­von ich re­de. Und hebt bloß den Kar­ton auf – das Cites-zer­ti­fi­kat klebt dar­auf! Auf der mit den üb­li­chen Schal­ler-sty­leMecha­ni­ken be­stück­ten Kopf­plat­te er­war­ten den Spie­ler auch kei­ne Über­ra­schun­gen. Lo­cking-me­cha­ni­ken sind da zwar nicht, aber wer sie wirk­lich braucht, kann die vor­han­de­nen leicht und oh­ne Nach­boh­ren aus­wech­seln. Der „uni­que sel­ling po­int“der Mul­ti- Foil ist ih­re La­ckie­rung. Die ist aber doch an­ders als die der 1980er Mul­ti-me­tals und bei Wei­tem nicht so kna­ckig-bunt wie bei den ver­ein­zel­ten „Wood Li­bra­ry“-ex­em­pla­ren, son­dern fast schon eher de­zent, ja… pas­tell-

far­ben? Die ge­sam­te Gi­tar­re ist, wie von PRS ge­wohnt, groß­ar­tig ver­ar­bei­tet und kommt per­fekt ein­ge­stellt im schö­nen, wer­ti­gen Gig­bag aus dem Kar­ton mit al­lem be­nö­tig­ten Zu­be­hör.

wie ein gu­ter an­zug

Beim Spie­len ei­ner Prs-gi­tar­re fällt mir so gut wie im­mer auf, dass mir ... nichts auf­fällt. So auch beim ers­ten Tro­cken­test der Mul­ti-foil. Wie beim Tra­gen ei­nes gu­ten An­zugs, macht man sich beim Spie­len ei­ner PRS ei­gent­lich kei­ne Ge­dan­ken dar- über – man tut es ein­fach. Es gibt Gi­tar­ris­ten, die die­ses Feh­len von spe­zi­fi­schen Ecken und Kan­ten be­män­geln. An­de­re se­hen die Vor­zü­ge ei­ner PRS eben ge­nau da­rin und lie­ben den Kom­fort, der bar jeg­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „Werk­zeug“ist und den Weg frei macht für völ­lig un­ge­trüb­tes Spiel. Wie ei­ne gänz­lich un­be­rühr­te Lein­wand, die den Pin­sel des Künst­lers wirk­lich nicht be­hin­dert. Bei 3,46 kg Ge­wicht muss auch nach vier St­un­den Bier­zelt­gig nie­mand ei­nen Band­schei­ben­vor­fall be­fürch­ten. Das per­fek­te Griff­brett und die her­vor­ra­gen­de Re­so­nanz­be­reit­schaft las­sen al­le Spiel­wei­sen, die der Gi­tar­rist ab­ru­fen will, un­ein­ge­schränkt zu. Das Klang­bild ist weich und voll, doch mit ge­nug Draht im Ton, um nicht in mump­fi­ge Ge­fil­de ab­zu­drif­ten – da­für sor­gen Ahorn­hals, Men­sur und nicht zu­letzt das so gut wie ver­stim­mungs­frei be­dien­ba­re Prs-vi­bra­to. Am Amp fällt dann doch was auf: Die 85/15 „S“Pick­ups lie­fern ei­nen kna­cki­gen, „ Hi- Fi“- ar­ti­gen Ton, sind al­so weit ent­fernt vom ge­fürch­te­ten Hum­bu­ckerMumpf, wie man ihn von den Ag­gre­ga- ten kennt, die auf bil­li­gen – und lei­der oft auch mitt­prei­si­gen – Gi­tar­ren ver­baut wer­den. Da ist ex­trem viel „Luft“im Ton, der den Cle­an-be­trieb der Mul­ti-foil so viel in­ter­es­san­ter macht, als man das even­tu­ell in der Preis­klas­se und bei der schein­ba­ren Aus­rich­tung der Gi­tar­re er­war­tet hät­te. Ab­hän­gig von den Ein­stel­lun­gen am Amp lie­fert die Mul­ti-foil mit dem Hals-pick­up ei­nen ge­ra­de­zu hol­zi­gen Cle­an­sound, der mich dann doch über­rasch­te. Wer sich mit dem bun­ten Vo­gel zur Jazz- Ses­si­on traut, soll­te auf je­den Fall das To­ne-po­ti be­mü­hen, da­mit er nicht doch noch von der Büh­ne ge­jagt wird. Die Kom­bi­na­ti­on bei­der Pick­ups for­dert ge­ra­de­zu knal­li­gen Funk, und der Steg-pick­up kann bei Be­darf rich­tig twan­gen – den Te­le-apos­tel wird es zwar doch nicht ganz über­zeu­gen, mit et­was we­ni­ger or­tho­do­xer Stren­ge aber neh­men die Oh­ren das Be­mü­hen sehr wohl­wol­lend zur Kennt­nis. Ich muss jetzt rich­tig auf­pas­sen, dass ich bei ein oder zwei ab­schlie­ßen­den Sät­zen zum Split-mo­dus der Pick­ups nicht er­war­tungs­ge­mäß – und auch ein biss­chen lang­wei­lig – un­ke, dass man hier na­tür­lich kei­nen „ech­ten“Sing­le­coil-sound er­war­ten darf. Aber was da keh­lig aus den Bo­xen twangt, hat schon ei­ne in­ter­es­san­te, sehr ei­ge­ne

Sing­le­coil-qua­li­tät, die gera­de we­gen der so­wie­so sehr „silb­ri­gen“Aus­rich­tung der Pick­ups fast schon in Rich­tung Eier­schnei­der geht. Mit Ver­zer­rung lebt die Mul­ti-foil wei­ter auf, und lie­fert ein durch­set­zungs­fä­hi­ges Klang­bild, das sich von Crunch bis High Gain kei­ner Spiel­art des von uns so ge­lieb­ten Drecks ver­wei­gert. Der Hal­sPick­up flö­tet bei Leads bei Wei­tem nicht so dumpf, wie man das von ei­ner mit­tel­präch­ti­gen Les Paul viel­leicht noch im Ohr hat, son­dern singt mit ei­nem silb­ri­gen Ober­ton, der auch über ar­gem Ban­dGe­bal­ler gut hör­bar ist. Die oh­ne je­des Schnar­ren sehr nied­ri­ge Sai­ten­la­ge er­laubt blitz­schnel­les und sau­be­res Hig­hGain-ge­nu­del. Der Steg-pick­up rockt mit- tig nach vor­ne, und die Mit­tel­stel­lung er­in­nert an das Thin-liz­zy-mi­niHum­bu­cker-duo. Auch mit Gain gilt: kla­re, man könn­te wie­der mal sa­gen „ Hi- Fi“- ar­ti­ge Sounds, die sich für al­le Mu­sik­sti­le an­bie­ten.

al­ter­na­ti­ven

War­um in die Fer­ne schwei­fen – PRS selbst bie­tet die na­he­lie­gends­te Al­ter­na­ti­ve zur Mul­ti-foil an, so­fern man even­tu­ell doch nicht den Mut zum bun­ten Auf­tritt auf­bringt: Die nor­ma­le SE Stan­dard 24 ist an sich iden­tisch mit der Mul­ti-foil, im Ge­gen­satz zu die­ser hat sie so­gar ein Griff­brett-bin­ding, und kos­tet den­noch we­gen des Feh­lens des bun­ten Ge­fie­ders rund € 360 we­ni­ger! Wir de­du­zie­ren al­so, dass es dem Käu­fer wohl spe­zi­ell um die Op­tik ge­hen wird. Von Char­vel gibt es für ca. € 400 mehr mit der Pro Mod DK das Sat­chel (Gi­tar­rist von Steel Pan­ther) Si­gna­tu­re-mo­dell – mit grel­ler Ti­gert­an­ga-op­tik, aber ganz an­de­ren Fea­tu­res ( Floyd Ro­se, ak­ti­ve Pick­ups, Schraub­hals etc.). Iba­nez bie­tet die RG 550 in die­ser Preis­klas­se mit „fie­sen“Far­ben, die weicht bei den De­tails aber auch deut­lich von der Mul­ti-foil ab. Schec­ter hat die neue C-1 FR SLS Eli­te in „Black Fa­de Burst“im Pro­gramm, die al­ler­dings rund € 500 teu­rer ist und ein Floyd Ro­se so­wie ak­ti­ve Pick­ups hat. Mit deut­lich an­de­ren Fea­tu­res rich­ten sich die (Op­tik-) Al­ter­na­ti­ven al­so viel ein­deu­ti­ger an die Me­tal­ler-zunft als die we­sent­lich viel­sei­ti­ge­re Mul­ti-foil.

re­sü­mee

Die Mul­ti-foil ist ei­ne her­vor­ra­gend ver­ar­bei­te­te, sehr leicht zu be­spie­len­de und toll klin­gen­de Gi­tar­re, mit de­ren Viel­sei­tig­keit und Zu­ver­läs­sig­keit man auch ei­nen Top-40-co­ver­a­bend kom­plett oh­ne Gi­tar­ren­wech­sel be­strei­ten kann. Da­mit könn­te der Test schon en­den, wä­re da nicht das Fi­nish! Ob man da­für den saf­ti- gen Auf­preis zah­len will, muss je­der selbst wis­sen. Wer aber mit ihr beim Blues­jam oder im Jazz­klub er­scheint, be­weist hu­mor­vol­len In­di­vi­dua­lis­mus und „Co­jo­nes“. Auf Wa­cken wür­de der Trä­ger – so ver­mu­te ich mal – heut­zu­ta­ge eher an­er­kenn­des Ni­cken und Schmun­zeln im Pu­bli­kum ern­ten, an­statt mit Bier­do­sen be­wor­fen zu wer­den. Und bei ei­nem Hips­terFes­ti­val wie dem Dock­vil­le in Ham­burg wä­re der Spie­ler mit der Mul­ti-foil so­wie­so wie­der „to­tal­ly en vo­gue“.

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