Mord­pro­zess ge­gen jun­gen Au­to­ra­ser

In Stutt­gart hat ein Ra­ser den Crash mit zwei To­ten ver­ur­sacht ha­ben. Nun muss ein Ge­richt klä­ren, ob es Mord war

Göttinger Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Mar­tin Oversohl

Un­ter star­ken Si­cher­heits­vor­keh­run­gen hat in Stutt­gart der Mord­pro­zess ge­gen ei­nen Ra­ser be­gon­nen, der bei ei­nem fa­ta­len Un­fall den Tod von zwei jun­gen Men­schen ver­schul­det ha­ben soll. Der 20-Jäh­ri­ge soll im März in der In­nen­stadt bei Tem­po 160 die Kon­trol­le über sei­nen Sport­wa­gen ver­lo­ren ha­ben.

Stutt­gart/kaarst. Was geht vor in ei­nem jun­gen Men­schen, der sich ei­nen Ps-star­ken Sport­wa­gen mie­tet und durch die Stra­ßen Stutt­garts rast? Der sei­nen Mo­tor im­mer wie­der auf­heu­len und die Ta­cho­na­del aus­schla­gen lässt, das Au­to dann nicht mehr kon­trol­lie­ren kann und ei­nen fa­ta­len Crash ver­ur­sacht? Ist er sich be­wusst, dass er ei­ne töd­li­che Ge­fahr dar­stellt? Ein hal­bes Jahr nach ei­nem Un­fall mit zwei To­ten sitzt ein 20 Jah­re al­ter Mann auf der An­kla­ge­bank – we­gen Mor­des – und sagt zu­nächst nichts da­zu.

Im „Ge­schwin­dig­keits­rausch“sei der jun­ge Mann mit sei­nem Ja­gu­ar F-ty­pe Cou­pe durch Stutt­gart und über die Au­to­bahn ge­fah­ren, stun­den­lang, schil­dert die Staats­an­wäl­tin zu Be­ginn des Pro­zes­ses vor der Ju­gend­kam­mer des Land­ge­richts am Mitt­woch. Sei­nen Leih­bo­li­den ha­be er an die Gren­zen brin­gen und sei­nen Freun­den im­po­nie­ren wol­len. Das Schick­sal an­de­rer? „Das war ihm völ­lig gleich­gül­tig“, sagt sie. Nur vom Zu­fall sei ab­hän­gig ge­we­sen, ob es zum Zu­sam­men­stoß kom­men wür­de.

Es ist die ers­te An­kla­ge die­ser Art nach ei­nem Ra­ser­un­fall in Ba­denwürt­tem­berg. Ei­nen Prä­ze­denz­fall gibt es aber. Denn An­fang März hat­te der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) in Karls­ru­he erst­mals ein Mor­dur­teil ge­gen ei­nen rück­sichts­lo­sen Ra­ser be­stä­tigt: Der Mann hat­te 2017 in Ham­burg mit ei­nem ge­stoh­le­nen Ta­xi ei­nen Men­schen ge­tö­tet und zwei schwer ver­letzt. Ei­ne ro­te Li­nie für ei­ne Mord­ver­ur­tei­lung in Ra­ser­fäl­len leg­ten die Karls­ru­her Rich­ter nicht fest. „Maß­geb­lich sind je­weils die Um­stän­de des Ein­zel­falls“, ur­teil­ten die Bun­des­rich­ter.

Bei der Tem­po­fahrt an ei­nem spä­ten Abend in Stutt­gart im ver­gan­ge­nen März ver­liert der jun­ge Deut­sche laut An­kla­ge die Kon­trol­le über sei­nen Ja­gu­ar. Nach ei­nem Gut­ach­ten rast er kurz vor dem Crash mit sei­nem Ps-star­ken Au­to und 160 bis 165 St­un­den­ki­lo­me­tern auf ei­ne Kreu­zung in der In­nen­stadt zu, er drückt das Gas­pe­dal voll durch und kann nur noch schlecht aus­wei­chen, als ein an­de­res Fahr­zeug auf die Stra­ße ein­biegt. Mit Tem­po 100 bis 110 rammt er ei­nen ste­hen­den Klein­wa­gen am Stra­ßen­rand. Des­sen 25 Jah­re al­ter Fah­rer aus Kaarst und die 22 Jah­re al­te Bei­fah­re­rin ster­ben, der Ja­gu­ar-fah­rer und sein Bei­fah­rer blei­ben un­ver­letzt.

Die Staats­an­walt­schaft wirft dem 20-Jäh­ri­gen Mord vor. „Kei­nes­wegs“, sagt da­ge­gen Mar­kus Bess­ler, der Ver­tei­di­ger des Fah­rers. Der Zu­sam­men­stoß sei zwar un­fass­bar tra­gisch ge­we­sen. Aber sein Man­dant tra­ge schwer an sei­ner Ver­ant­wor­tung; der Vor­wurf des Mor­des sei ent­schie­den zu­rück­zu­wei­sen.

„Al­ler­dings nimmt man den Tod ei­nes Men­schen in Kauf, wenn man mit 160 St­un­den­ki­lo­me­tern durch die Stutt­gar­ter In­nen­stadt rast“, gibt der An­walt der El­tern des 25-jäh­ri­gen Op­fers zu be­den­ken. „Die El­tern er­le­ben das alb­traum­ar­tig“, sagt der An­walt Chris­toph Ar­nold, der Ver­tre­ter der El­tern des jün­ge­ren Op­fers, in ei­ner Pro­zess­pau­se. Auf dem Tisch im Ge­richts­saal ha­ben sie zu Be­ginn der Ver­hand­lung ei­nen Bil­der­rah­men auf­ge­stellt. Mit den Fo­tos ih­rer ge­stor­be­nen Toch­ter wol­len sie an ihr Kind er­in­nern. Bei­de Müt­ter wei­nen beim Ver­le­sen der de­tail­lier­ten An­kla­ge, sie schüt­teln den Kopf bei den Aus­sa­gen des Bei­fah­rers aus der Un­fall­nacht. „Das war ei­ne Sa­che von 30 Se­kun­den“, er­in­nert sich der 19-Jäh­ri­ge an die Mo­men­te des Zu­sam­men­sto­ßes. „Das ging ruck­zuck.“

An­sons­ten sind sei­ne Er­in­ne­run­gen an die tra­gi­sche Nacht eher dürf­tig. „Ich dach­te mir ein­fach ,Ja­gu­ar, wow“, er­klärt er sei­nen Wunsch nach ei­ner Spritz­tour. Er ha­be vor al­lem Vi­de­os der Fahrt bei Ins­ta­gram ein­stel­len wol­len. Ob er kur­ze Clips ge­dreht hat wäh­rend der kaum ein­mi­nü­ti­gen Fahrt? Ob er sie ge­löscht hat? Schwei­gen.

FO­TO: KOHLS/DPA

Zwei Au­tos ste­hen nach ei­nem Zu­sam­men­prall am Stra­ßen­rand. Bei dem Zu­sam­men­stoß sind Men­schen ums Le­ben ge­kom­men.

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