An­griff auf Sy­nago­ge in Hal­le – Tä­ter er­schießt zwei Men­schen Po­li­zei vor Göt­tin­ger Sy­nago­ge

Mann ge­fasst, Po­li­zei spricht von Ein­zel­tä­ter Be­ken­ner­vi­deo mit Sze­nen des An­griffs im In­ter­net Fürst: Wir sind, wo wir nie hin­kom­men woll­ten

Göttinger Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Hen­ning Ot­te

Hal­le/ber­lin/han­no­ver. Der An­griff ei­nes schwer be­waff­ne­ten Man­nes auf ei­ne Sy­nago­ge in Hal­le (Sach­sen-an­halt) hat ges­tern in ganz Deutsch­land für Ent­set­zen ge­sorgt. Der An­grei­fer, der ei­ne Kampf­mon­tur trug, er­schoss zwei Men­schen. Zu­vor hat­te er ver­sucht, ei­ne Sy­nago­ge zu stür­men, war aber ge­schei­tert. Die Be­hör­den in Hal­le spra­chen von ei­ner „Amok­la­ge“. Die Po­li­zei war zu­nächst von meh­re­ren Tä­tern aus­ge­gan­gen, spä­ter hieß es dann, al­les deu­te auf ei­nen Ein­zel­tä­ter hin. Of­fen­bar konn­te er von der Po­li­zei fest­ge­nom­men wer­den, es soll sich um ei­nen Deut­schen han­deln. Der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt zog die Er­mitt­lun­gen an sich. Die obers­te An­kla­ge­be­hör­de sprach von ei­ner staats­ge­fähr­den­den Tat.

Nach An­ga­ben des Vor­sit­zen­den der Jü­di­schen Ge­mein­de in Hal­le, Max Pri­voroz­ki, rich­te­te sich der An­griff des Tä­ters di­rekt ge­gen die Sy­nago­ge, in der zu dem Zeit­punkt 70 bis 80 Men­schen den höchs­ten jü­di­schen Fei­er­tag Jom Kip­pur fei­er­ten. „Wir ha­ben über die Ka­me­ra un­se­rer Sy­nago­ge ge­se­hen, dass ein schwer be­waff­ne­ter Tä­ter mit Stahl­helm und Ge­wehr ver­sucht hat, un­se­re Tü­ren auf­zu­schie­ßen“, sag­te Pri­voroz­ki. „Aber un­se­re Tü­ren ha­ben ge­hal­ten.“Der Tä­ter ha­be auch selbst­ge­bas­tel­te Spreng­sät­ze an der Sy­nago­ge ab­ge­legt, hieß es aus Si­cher­heits­krei­sen. Of­fen­bar hat er sein Vor­ge­hen mit ei­ner Helm­ka­me­ra auf­ge­zeich­net und die Vi­de­os im In­ter­net ver­brei­tet. „Zeit on­line“be­rich­te­te, in drei Vi­de­os zei­ge er, wie er in dem Dö­nerim­biss ei­nen Mann er­schießt und na­he der Sy­nago­ge ei­ne Frau. Zu hö­ren ist, wie er über Ju­den schimpft und da­mit droht, sie zu er­schie­ßen.

Auch St­un­den nach den Ta­ten hat­te die Po­li­zei zu­nächst kei­ne Ent­war­nung ge­ge­ben. Die Be­hör­den der Stadt rie­fen die Men­schen übe­r­all in Hal­le da­zu auf, in Si­cher­heit in Ge­bäu­den zu blei­ben. Die „Mit­tel­deut­sche Zei­tung“aus Hal­le zeig­te ein Fo­to, auf dem ein dun­kel ge­klei­de­ter Mann mit Stahl­helm und Stie­feln zu se­hen ist, der ein Ge­wehr im An­schlag hat. Der MDR zeig­te ein Vi­deo, auf dem wo­mög­lich der­sel­be Mann aus ei­nem Au­to aus­steigt und mehr­fach sei­ne Waf­fe ab­feu­ert. Auch in Lands­berg, rund 15 Ki­lo­me­ter öst­lich von Hal­le, gab es Schüs­se, be­stä­tig­te ei­ne Po­li­zei­spre­che­rin in Hal­le.

Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) sag­te am Abend in Ber­lin: „Nach dem der­zei­ti­gen Stand der Er­kennt­nis­se müs­sen wir da­von aus­ge­hen, dass es sich zu­min­dest um ei­nen an­ti­se­mi­ti­schen An­griff han­delt“.

Po­li­ti­ker al­ler Par­tei­en und Ver­tre­ter der Kir­chen zeig­ten sich be­stürzt. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel sprach den An­ge­hö­ri­gen der Op­fer ihr tie­fes Bei­leid aus. Die So­li­da­ri­tät gel­te al­len Jü­din­nen und Ju­den am Fei­er­tag Jom Kip­pur, er­klär­te Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert im Na­men der Kanz­le­rin.

Vie­ler­orts in Deutsch­land wur­den nach den Schüs­sen von Hal­le die Si­cher­heits­vor­keh­run­gen für jü­di­sche Ge­mein­den ver­stärkt – auch in Nie­der­sach­sen. Hier sei­en aber kei­ne kon­kre­ten Be­dro­hun­gen be­kannt, sag­te In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD). Mit Blick auf Hal­le spricht er von ei­nem „per­fi­den An­griff auf un­se­re ge­sam­te Ge­sell­schaft“. Die nie­der­säch­si­sche Po­li­zei wür­de die Be­am­ten in Sach­sen-an­halt be­reits un­ter­stüt­zen. Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) nann­te die Er­eig­nis­se „er­schre­ckend“. Das al­les zei­gem „dass wir noch auf­merk­sa­mer sein müs­sen, was Ex­tre­mis­mus und den Schutz von Min­der­hei­ten an­geht“. Be­sorgt ga­ben sich Ver­tre­ter der Jü­di­schen Ge­mein­de in Han­no­ver: Dro­hun­gen ha­be es seit lan­gem ge­ge­ben, sagt Micha­el Fürst, der Vor­sit­zen­de der Ge­mein­de. „Jetzt aber sind wir dort, wo wir nie hin­kom­men woll­ten.“

FO­TO: JENS SCHLUETER/GET­TY IMAGES

„Amok­la­ge“in Hal­le an der Saa­le: Die Po­li­zei rief die Men­schen in der Stadt ges­tern da­zu auf, in ih­ren Häu­sern zu blei­ben.

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