Che­mi­en­o­bel­preis für Bat­te­rie­for­scher

Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof nennt le­bens­lan­ge Stra­fen oh­ne Ent­las­sung für Ma­fia­mit­glie­der „in­hu­man“und „ent­wür­di­gend“– und for­dert ei­ne Ent­schär­fung

Göttinger Tageblatt - - ERSTE SEITE - Von Do­mi­nik St­raub

Drei Wis­sen­schaft­ler er­hal­ten für die Ent­wick­lung von Li­thi­um-io­nen-ak­kus den Che­mi­en­o­bel­preis. John B. Goo­den­ough, St­an­ley Whit­ting­ham und Aki­ra Yo­shi­no hät­ten durch ih­re Ar­beit den Grund­stein für ei­ne ka­bel­lo­se Ge­sell­schaft oh­ne fos­si­le Ener­gie­trä­ger ge­legt, hieß es in der Be­grün­dung der Ju­ry.

Rom. „Fi­ne pe­na mai“– „En­de der Stra­fe nie“: So lau­tet die Ur­teils­for­mel in Ma­fia­pro­zes­sen, wenn der An­ge­klag­te zu ei­ner le­bens­lan­gen Stra­fe ver­ur­teilt wird. Le­bens­lang ist in Ita­li­en wirk­lich le­bens­lang – zu­min­dest für Ma­fio­si und Schwer­ver­bre­cher, die nicht mit der Jus­tiz zu­sam­men­ar­bei­ten.

Der letz­te pro­mi­nen­te Boss, der das er­fuhr, war To­to Ri­i­na, ge­nannt „die Bes­tie“: Der ehe­ma­li­ge Su­per­pa­te der Co­sa Nos­tra war 2017 nach 24 Jah­ren Haft mit 87 Jah­ren ge­stor­ben. Trotz Krank­heit und ho­hen Al­ters hat­ten es die ita­lie­ni­schen Ge­rich­te ab­ge­lehnt, ihm ei­ne Haft­er­leich­te­rung zu ge­wäh­ren und ihn im Kran­ken­haus ster­ben zu las­sen.

Das strik­te Re­gime der nie­mals en­den­den le­bens­lan­gen Frei­heits­stra­fen war vom Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) be­reits im Som­mer ge­rügt wor­den; am Di­ens­tag hat das Straß­bur­ger Ge­richt sein Ur­teil be­stä­tigt und ei­nen Re­kurs der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung ab­ge­wie­sen. Dass ein Ver­ur­teil­ter, der das Un­recht sei­ner Ta­ten ein­se­he und dem gu­te Füh­rung so­wie ei­ne güns­ti­ge Pro­gno­se at­tes­tiert wer­den, kei­ne Aus­sicht auf ei­ne Re­duk­ti­on sei­ner Stra­fe ha­be, sei mit dem in der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­an­ker­ten Ver­bot ei­ner in­hu­ma­nen oder ent­wür­di­gen­den Be­hand­lung nicht ver­ein­bar, be­tont der EGMR. Im Ur­teil for­dert der Straß­bur­ger Rich­ter die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung auf, die Ge­set­ze zu än­dern.

An den Men­schen­rechts­ge­richts­hof ge­wandt hat­te sich Mar­cel­lo Vio­la, ein Boss der ka­la­bri­schen ’Ndran­ghe­ta, der zu vier­mal le­bens­läng­lich ver­ur­teilt wur­de und seit 20 Jah­ren im Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis von L’aqui­la ein­sitzt. Vio­la – und mit ihm 20 Ma­fia­pa­ten – wehr­ten sich da­ge­gen, dass ih­nen die Ent­las­sung auf Be­wäh­rung ver­wehrt wor­den ist. Vio­la hat­te un­ter an­de­rem in den 90er-jah­ren den Pa­ten ei­ner ri­va­li­sie­ren­den Fa­mi­lie öf­fent­lich köp­fen las­sen.

Nach dem Straß­bur­ger Ur­teil kann Vio­la neue Hoff­nung auf Ent­las­sung schöp­fen. Und nicht nur er: In Ita­li­ens Ge­fäng­nis­sen sit­zen 1106 Ver­bre­cher, die zu ei­ner nie en­den­den le­bens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt wor­den sind. Mehr als die Hälf­te von ih­nen, 628, sind seit über 20 Jah­ren hin­ter Git­tern, 375 seit 25 Jah­ren oder mehr. Bei den meis­ten han­delt es sich um Ma­fio­si; dar­un­ter auch Su­per­pa­ten wie Leo­lu­ca Ba­ga­rel­la und Gio­van­ni Ri­i­na von der si­zi­lia­ni­schen Co­sa Nos­tra und Fran­ces­co „San­do­kan“Schia­vo­ne von der nea­po­li­ta­ni­schen Ca­mor­ra. Auch die Links­ter­ro­ris­tin Na­dia Lio­ce von den „Neu­en Ro­ten Bri­ga­den“sitzt le­bens­lang und oh­ne Aus­sicht auf Ent­las­sung ein.

Ita­li­ens An­ti-ma­fia-staats­an­wäl­te sind ent­setzt über den Ent­scheid: „Das ist ein äu­ßerst ge­fähr­li­ches Ur­teil“, sagt Gi­an­car­lo Ca­sel­li, ei­ner der pro­mi­nen­tes­ten Ex-ma­fia­jä­ger Ita­li­ens. Die Rich­ter ver­stün­den nichts von der Men­ta­li­tät der „eh­ren­wer­ten Ge­sell­schaft“: „Die Ma­fio­si den­ken nicht dar­an, zu be­reu­en: Sie ha­ben ei­nen le­bens­lan­gen Treue­schwur auf die Ma­fia ge­leis­tet. Ih­nen Frei­heit zu ge­wäh­ren be­deu­tet, dass sie ih­re kri­mi­nel­le Ak­ti­vi­tät wie­der auf­neh­men.“Die ma­fiö­se Kul­tur sei nur mit der Dro­hung mit Haft bis zum Tod zu kna­cken: Da­mit ha­be der Staat er­reicht, dass Hun­der­te von Ma­fia-mit­glie­dern mit der Jus­tiz zu­sam­men­ar­bei­ten.

Auch Jus­tiz­mi­nis­ter Al­fon­so Bo­na­fe­de zeig­te sich kon­ster­niert: „Un­ser Jus­tiz­sys­tem re­spek­tiert die Rech­te al­ler Ge­fan­ge­nen, aber ge­gen­über der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät re­agiert Ita­li­en mit Ent­schlos­sen­heit.“Die Re­gie­rung wer­de nach Mög­lich­kei­ten su­chen, dass die un­ver­zicht­ba­re Be­din­gung für Haft­er­leich­te­run­gen – die Ko­ope­ra­ti­on mit der Jus­tiz – auf­recht­er­hal­ten blei­ben kön­ne. Wie dies nach dem Ver­dikt aus Straß­burg ge­sche­hen soll, lässt er of­fen.

FO­TO: DPA

Ita­li­ens Jus­tiz­mi­nis­ter Al­fon­so Bo­na­fe­de zeigt sich kon­ster­niert über das Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs.

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