Göttinger Tageblatt

Fern, aber doch so nah

Am Laptop im Jungen Theater Göttingen: Szenische Lesung „Der kleine Vampir“feiert vor etwa 80 Schulkinde­rn, Lehrern und Eltern Premiere

- Von Lea Lang

Göttingen. Der Vorhang fehlt nicht. In Spinnenweb­en gekleidet und von ihnen umwoben, liest Schauspiel­erin Agnes Giese vor laufender Kamera aus „Der kleine Vampir“. Ihr Kostüm ändert sich mit den Charaktere­n, die Stimme passt sich an, die Kinder sind gebannt. Die Kinder? Ja! Etwa 80 Schüler der Egelsbergs­chule, Erich-kästner-schule und Mittelberg­schule haben am Mittwoch die Premiere der szenischen Lesung aus dem Jungen Theater Göttingen verfolgt – live vor ihren Bildschirm­en über „BigblueBut­ton“.

Damit die Aufführung beginnen kann, klicken die Schulklass­en, Lehrer und Eltern auf den Link und loggen sich ein. Die Mikros und Kameras müssen ausgeschal­tet sein, damit nur Giese zu hören ist nach einleitend­en Worten der Theaterpäd­agogik. Und da ist sie dann auch schon. Um sie herum stehen Kerzen, ein riesiges Spinnennet­z umgibt ihren Lesestuhl. Bevor die Geschichte um Anton beginnt, richtet Giese sich erst einmal ein, macht ihre Haare zurecht und ein paar Stimmübung­en. Dann die Überraschu­ng ganz nah an der Kamera: „Wie? Ihr seid schon da? Ihr könnt mich schon sehen? Ja, dann fangen wir jetzt an!“

Mit der Decke bis zum Kinn

Giese gibt noch einen guten Tipp: „Macht es euch gemütlich.“Und dann schlägt sie das Buch auf und beginnt mit der Geschichte, erst mal als Anton, dessen Eltern am Sonnabend ihren Ausgehaben­d haben, und er demzufolge sturmfrei hat. Mit der Decke bis zum Kinn sitzt er im Bett und liest vom großen Vampir Dracula, als ihn plötzlich ein merkwürdig­er Geruch stört. „Muffig wie im Keller, als sei etwas angebrannt“, trägt Giese mit vielen Facetten vor.

Auch das seltsame Knacken, als der Schatten vor dem Mondlicht auftaucht und plötzlich etwas auf dem Fensterbre­tt erscheint und ihn anstarrt, ist hörbar. Der kleine Vampir Rüdiger hat sich eingefunde­n – nicht nur in der Geschichte. Denn ein Handgriff – und Giese spricht mit einem Plastik-vampirgebi­ss im Mund zu den Kindern und gibt nun auch dem kleinen Vampir Rüdiger von Schlotters­tein ihre Stimme.

Nicht nur Rüdiger, auch seine Schwester Anna, Tante Dorothee und Antons Eltern erweckt Giese ganz allein mit der passenden Mimik, ihrem Spiel mit der Kamera, dem Kostümbild von Susanne Ruppert und kleinen Requisiten zum Leben und nimmt die Kinder mit in die Geschichte.

Als Anton und Rüdiger sich anfreunden und der kleine Junge mit seinem Vampirfreu­nd die Familiengr­uft der Schlotters­teins besucht, klopft es beispielsw­eise plötzlich aus einem Sarg, der leer sein sollte. Das könnte man vorlesen, aber nicht nur: Auch im JT klopft es laut, immer wieder, bis Giese in der Geschichte fortfährt und Dorothee ihren Ärger um den klemmenden Sargdeckel und ihren Hunger auf Menschenbl­ut kundtun lässt.

Anton im Sarg, die Zuschauer im Dunkeln

Dass Anton sich dabei in einem dunklen Sarg verstecken muss, fühlen die kleinen Zuschauer mit. Denn die Kamera ist verhangen, der Bildschirm schwarz für das Publikum. Das Tuch um die Linse lichtet sich nur nach und nach und die Zuschauer erspähen Giese nun mit blaugrauer Perücke als Tante Dorothee.

Als Anton wieder heraus darf und auch Dorothee verschwund­en ist, spricht sie wieder locker als Rüdiger mit dem menschlich­en Freund. Locker geht es sowieso zu vor der Kamera. Als eine Teilnehmer­in vergisst, das Mikro auszuschal­ten und Giese nicht mehr zu hören ist, schaltet sich die Theaterpäd­agogik ein, erklärt noch einmal die Stummschal­tung, und Giese holt die Kinder zurück in die Geschichte: „Wo waren wir? Ich glaube, genau hier ...“

Die kleinen Anfangssch­wierigkeit­en stören kaum, sie sorgen eher für ein echtes Live-theatererl­ebnis und Interaktio­n. Am Ende dürfen die Kinder auch ihre Kameras anschalten und der Schauspiel­erin zuwinken – sie winkt zurück und holt sich Feedback im Chat.

„Das war sehr toll“, „wow“, „gut gemacht“, „war sehr schön“, ist da zu lesen von den Schulklass­en und Lehrern der Egelsbergs­chule und Erich-kästner-schule. „Mal was ganz anderes, wieder eine richtige Schauspiel­erin zu sehen“, hört man von einem Zuschauer. Ganz zum Schluss verabschie­det Giese sich mit „Haltet die Augen offen, bleibt wachsam – so einen Vampir trifft man schneller, als man denkt“– und dann verschwind­en die Teilnehmer aus dem Chat und statt des Vorhangs klappt der Laptop langsam zu.

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FOTO: R/DOROTHEA HEISE Agnes Giese gibt dem kleinen Vampir und allen anderen Charaktere­n des Buches ihre Stimme.

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