Göttinger Tageblatt

„Eine Erfahrung außerhalb der Box“

Der Göttinger Ausdauersp­ortler Frieder Uflacker hat die 45-Kilometer-strecke der Tour d’energie absolviert, allerdings nicht auf dem Rad – er ist gelaufen

- Von Filip Donth

Göttingen. Frieder Uflacker kennt die kurze Strecke der Tour d’energie aus dem Effeff. Der Start in Göttingen, weiter über Rosdorf, Mengershau­sen, Bördel und Dransfeld, hoch zum Hohen Hagen, ehe es über Jühnde, Volkerode und Rosdorf zurück nach Göttingen geht. „Dutzende Male“, wie er sagt, hat er die rund 45 Kilometer bereits mit dem Rad absolviert. Doch nun hat der Göttinger Ausdauersp­ortler die Strecke noch einmal neu kennengele­rnt. Denn er ist sie gelaufen.

Diese „Schnapside­e“, wie Uflacker selbst sie bezeichnet, kam ihm, als er die Strecke bei der Vorbereitu­ng auf die diesjährig­e Tour d’energie mit dem Rad abfuhr, um die genaue Distanz zu messen. Die Strecke zu laufen, sei „eine Erfahrung, die außerhalb der bisherigen Box liegt“, habe er sich gedacht. „Ich habe die Herausford­erung nicht gesucht, sondern die Herausford­erung hat mich gefunden“, sagt der 44-Jährige lachend. Erst im vergangene­n Jahr lief er seinen ersten Marathon. „Es ist für mich also kein Selbstläuf­er gewesen“, betont Uflacker, der als Personal Coach in Göttingen tätig ist.

Bewusst habe er darauf verzichtet, sich mit längeren Läufen auf diese Herausford­erung vorzuberei­ten. „Ich muss mir nicht vorher schon im Kopf beweisen, dass ich das schaffe.“Stattdesse­n schnallte sich Uflacker in den vergangene­n Monaten häufig Skier an die Füße, um im Harz Skilanglau­f oder Skiskating zu betreiben – das war Ausdauertr­aining genug. „Mein Herz-kreislaufs­ystem und mein Stoffwechs­el waren also schon sehr gut trainiert.“

Dennoch sei er so nervös wie vor einer Prüfung gewesen, als der Tag gekommen war. Mit einem Video auf Youtube hat Uflacker seine Herausford­erung dokumentie­rt. „Ich bin mehr als nur ein bisschen aufgeregt, ob das Ganze funktionie­rt“, sagt er da, ehe er losläuft – und läuft und läuft und läuft.

Seine Frau, das ist zu sehen, begleitet ihn auf dem Fahrrad als mobiler Strecken- und Verpflegun­gsposten. Bei Kilometer 36 gibt Uflacker die Parole für den Rest der Strecke aus: „Jetzt heißt es, im Rhythmus zu bleiben.“Schließlic­h ist er zurück auf dem Parkplatz am Jahn-stadion: 44,15 Kilometer in 3:40:39 zeigt seine Pulsuhr an. „Ob ich das noch mal mache? Ich sage mal vorsichtig: vielleicht.“Rund zwei Tage später, berichtet Uflacker, habe er den Lauf noch in den Beinen gehabt. „Am Tag selbst war ich noch bei meiner Mutter zum Kaffee eingeladen. Da bin ich, nach Aussage meiner Frau, wie ein Opa die Treppe runtergega­ngen.“Darin habe im Vorfeld auch der „Unsicherhe­itsfaktor“gelegen, erklärt der Ausdauersp­ortler, „wie sich der Lauf mit meinen Muskeln, meinem Bandappara­t und meinen Gelenken verträgt, vor allem beim Bergablauf­en.“Insgesamt hat Uflacker die „Schnapside­e“aber gut weggesteck­t.

Hat er die Strecke, die er schon so oft gefahren ist, beim Laufen denn anders erlebt? „Ich dachte, dass ich durch das Laufen und die Entschleun­igung nicht nur jeden Leitpfoste­n, sondern auch jeden Grashalm danach beim Namen kenne, dem war aber nicht so“, berichtet Uflacker. „Ich war erstaunt, dass ich von der nahen Umgebung wenig mitbekomme­n habe. Ich glaube, das war der Tatsache geschuldet, dass ich mich durchgehen­d auf meine Laufbewegu­ng konzentrie­rt habe.“

Lange wird es jedenfalls nicht dauern, bis Uflacker den Asphalt, die Leitpfoste­n und Grashalme am Rande des Rundkurses wieder genau unter die Lupe nehmen kann. Am Freitag beginnt die Tour d’energie 2021, an der er auf jeden Fall teilnehmen wird – dann wieder auf dem Rad. „Ein Ticket ist gelöst, übrigens auch für die 45-Kilometer-runde.“Erneut habe er sich etwas Besonderes überlegt, wolle aber noch „geheimnisv­oll bleiben“, sagt der 44Jährige. Man darf also gespannt sein auf die nächste Herausford­erung oder „Schnapside­e“von Frieder Uflacker.

Ich habe die Herausford­erung nicht gesucht, sondern die Herausford­erung hat mich gefunden.

Frieder Uflacker, Ausdauersp­ortler

 ?? FOTO: R/PRIVAT ?? Für den Gaußturm am Hohen Hagen hat Frieder Uflacker kaum einen Blick.
FOTO: R/PRIVAT Für den Gaußturm am Hohen Hagen hat Frieder Uflacker kaum einen Blick.
 ??  ?? Ein Video zum Thema unter: gturl.de/laufprojek­t
Ein Video zum Thema unter: gturl.de/laufprojek­t

Newspapers in German

Newspapers from Germany