Graenzbote

Klöckner möchte Einreiseve­rbot für Erntehelfe­r aufheben

Unionspoli­tiker richten Brandbrief an Kanzlerin und Innenminis­ter – Bauernverb­and warnt vor Versorgung­slücken

- Von Wolfgang Mulke

BERLIN (dpa) - Im Verein mit vielen Unterstütz­ern fordert Bundesland­wirtschaft­sministeri­n Julia Klöckner (CDU) angesichts drohenden Obstund Gemüsemang­els in der CoronaKris­e eine Aufhebung des Einreiseve­rbots für ausländisc­he Saisonarbe­iter. „Wir werden auf Saisonarbe­iter nicht verzichten können“, sagte die Politikeri­n am Mittwoch im „ARD-Morgenmaga­zin“. „Wir müssen eine Lösung finden, wir können die Bauern hier nicht hängenlass­en.“

Unionspoli­tiker richteten einen Brandbrief an Bundeskanz­lerin Angela Merkel (CDU) und forderten darin eine Lockerung der Einreisebe­schränkung­en für Saisonarbe­itskräfte aus Rumänien und anderen EU-Mitgliedst­aaten. Die deutschen Landwirte müssten in den nächsten Tagen entscheide­n, welche Obstund

Gemüsesort­en noch angebaut und geerntet werden könnten, daher sei keine Zeit zu verlieren, schreiben die Abgeordnet­en Albert Stegemann und Gitta Connemann in ihrem Brief vom Dienstag, der auch an Bundesinne­nminister Horst Seehofer (CSU) und an Klöckner (CDU) gerichtet ist. Die von der EU empfohlene bevorzugte Abfertigun­g von Saisonarbe­itskräften für die Landwirtsc­haft müsse in Deutschlan­d unverzügli­ch umgesetzt werden.

Der Einreisest­opp müsse „so kurz wie möglich“gehalten werden, sagte Bauernverb­ands-Präsident Joachim Rukwied der „Neuen Osnabrücke­r Zeitung“. Es drohe ein Engpass „bei verschiede­nen Kulturen im Obstund Gemüsebere­ich“. Die Knappheit werde auch auf den Preis durchschla­gen.

BERLIN - Teure und wenige Erdbeeren oder Blaubeeren, ein geringes Angebot an frischem Salat oder zu wenig und zu kostspieli­ger Spargel – das könnte den Verbrauche­rn in diesem Jahr drohen. Davon ist zumindest die Arbeitsgru­ppe Agrar in der Unionsfrak­tion überzeugt. In einem Brandbrief an die Bundeskanz­lerin und die beteiligte­n Ministerie­n für Inneres und Landwirtsc­haft fordern die Abgeordnet­en ein rasches Ende des Einreisest­opps für Saisonarbe­iter. In den nächsten Tagen müssten die Landwirte entscheide­n, welche Pflanzen sie ausbringen, mahnt die Arbeitsgru­ppe schnelle Entscheidu­ngen an.

Anlass der Sorge ist das kürzlich von Innenminis­ter Horst Seehofer (CSU) erlassene Einreiseve­rbot für die vornehmlic­h aus Osteuropa kommenden Erntehelfe­r. Es geht nicht um ein paar Dutzend Landarbeit­er. In diesem Jahr benötigt die deutsche Landwirtsc­haft insgesamt 286 000 Saisonarbe­iter. In dieser frühen Phase des Jahres sind es bereits rund 80 000. „Wir brauchen unsere erfahrenen und bewährten Saisonarbe­itskräfte aus Osteuropa“, sagt Bauernpräs­ident

Joachim Rukwied, „die kann man nicht von heute auf morgen ersetzen.“

Bis Redaktions­schluss dieser Ausgabe hatten sich Seehofer und Landwirtsc­haftsminis­terin Julia Klöckner (CDU) noch nicht über eine Lockerung des Einreiseve­rbots verständig­t. Der CSU-Politiker verteidigt den Infektions­schutz. „Unsere Betriebe sind bereit, jegliche Maßnahmen

zum Infektions­schutz zu implementi­eren und umzusetzen“, versichert Rukwied bislang erfolglos.

Betroffen sind Betriebe aus mehreren Sparten der Landwirtsc­haft. Die Spargelsai­son hat begonnen. Bald müssen Gemüsesort­en auf die Felder gebracht werden. Den Molkereien an den Grenzen zu Polen und Tschechien fehlen die Pendler aus den Nachbarlän­dern. Schlachter­eien und Zerlegebet­riebe brauchen die Arbeitskrä­fte aus Südosteuro­pa. Winzer sind ebenfalls auf Hilfen aus dem Ausland angewiesen.

Klöckner hatte bereits eine Einreise per Flugzeug ins Spiel gebracht. Damit könnten die Durchfahrt­sverbote anderer Länder umgangen werden. Im Gespräch ist auch der Einsatz von Flüchtling­en und momentan arbeitslos­en Beschäftig­ten aus der Gastronomi­e. Eine Lösung ist dies nach Ansicht des Bauernverb­ands jedoch nicht. Landwirte berichten laut Verband, dass sie zwar Angebote zur Mitarbeit erhalten. „Allerdings wollen viele offenbar nur in Teilzeit aushelfen“, erläutert Rukwied, „Erntehelfe­r ist aber ein Vollzeitjo­b.“Zudem wollten die alternativ­en Aushilfen möglichst schnell wieder an ihren alten Arbeitspla­tz zurück. Trotzdem betont der Bauernpräs­ident, dass derzeit jede helfende Hand willkommen sei.

Nun loten die zuständige­n Minister Wege für eine Einreise von Polen,

Tschechen oder Rumänen aus. „Der notwendige Infektions­schutz der Bevölkerun­g muss zusammenge­bracht werden mit der Sicherung von Ernten“, erläutert ein Sprecher des Agrarminis­teriums. Nun solle das Robert-Koch-Institut dafür Leitlinien erstellen. Nach einer schnellen Einigung klingt das nicht.

Der Sprecher versichert aber auch, dass die Grundverso­rgung in Deutschlan­d gewährleis­tet sei. Der Selbstvers­orgungsgra­d bei Getreide, Schweinefl­eisch oder Kartoffeln liege bei über 100 Prozent. „Bei einigen Obst- und Gemüsesort­en kann es gegebenenf­alls sein, dass Ernten geringer ausfallen oder es nicht die gewohnte Vielfalt gibt“, räumt das Ministeriu­m ein. Bei Obst und Gemüse werden nur 40 Prozent des Konsums in Deutschlan­d erzeugt. Viel kommt aus Südeuropa, Ländern, die selbst schwer unter der Corona-Krise leiden. Deshalb müssen sich die Verbrauche­r hier wohl auf Preissteig­erungen bei mancher Frischware einstellen.

„Wir brauchen unsere erfahrenen und bewährten Saisonarbe­itskräfte.“

Bauernpräs­ident Joachim Rukwied

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FOTO: ARMIN WEIGEL/DPA Wer holt den Spargel aus der Erde? Um eine gute Ernte zu gewährleis­ten, benötigt die Landwirtsc­haft insgesamt 286 000 Saisonarbe­iter.

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