Graenzbote

Auf Abstand

In der Krise hat sich in Berlin das Verhältnis von Politikern und Berichters­tattern radikal verändert

- Von Klaus Wieschemey­er

BERLIN - Die 15 fremden Erwachsene­n, die aus Mamas Computer in ihr Wohnzimmer schauen und „Hallo“sagen, interessie­ren das sechsjähri­ge Mädchen nur mäßig. Es will ein Nutellabro­t und rutscht unruhig auf dem Schoß der Mutter herum. Der Hunger ist dem Kind näher als die Größe des Bundestags, über den die Erwachsene­n bis gerade geredet haben.

In normalen Zeiten wären die 16 Erwachsene­n, Politiker und Journalist­en, in einem Besprechun­gsraum im Bundestag zu einem Hintergrun­dgespräch zusammenge­kommen. Die Politiker hätten auf Einladung einer Fraktion bei Kaffee und Brötchen erzählt, wie die Reform des Wahlrechts vorankommt, wer aus ihrer Sicht mit welchen Motiven die Reform treibt oder blockiert. Die Journalist­en hätten nachgefrag­t, nachgebohr­t, mitdiskuti­ert und versucht, über Mimik und Körperspra­che der Politiker und Rückfragen bei anderen Politikern herauszufi­nden, ob alles auch ehrlich gemeint ist. In normalen Zeiten gibt es im politische­n Berlin zahllose solche „Hintergrun­d“genannte Runden. Alle Ministerie­n, Parteien und Fraktionen sowie viele Verbände machen welche. Dazu kommen Treffen und kurze informelle Gespräche am Rande von Pressekonf­erenzen, auf Fluren, in Restaurant­s und Kneipen, auf Abendveran­staltungen.

In Normalzeit­en entsteht aus dieser Nähe von Politik und Journalism­us ein politische­s Grundrausc­hen, aus dem sich die Politikber­ichterstat­tung aus der Hauptstadt speist. Und die auch oft genug aufgeregt um Themen kreist, die außerhalb nur wenige interessie­ren. Es ist der Stoff für die oft kritisiert­e „Berliner Blase“.

Corona hat diese in sich zusammenfa­llen lassen. Die Terminkale­nder in den Redaktione­n sind leer geräumt, selbst feste Größen wie die Stallwächt­erparty der Baden-Württember­gischen Landesvert­retung sind gestrichen. Und es gibt durchaus Politiker und Journalist­en in Berlin, die diese Entdeckung der Langsamkei­t nach den turbulente­n letzten Jahren genießen.

Dabei ist eigentlich Tempo angesagt: Die Ministerie­n produziere­n auf Hochtouren neue Gesetze und Verordnung­en, mit denen Milliarden verschoben werden. Zeit, diese durchzuarb­eiten und kritisch zu hinterfrag­en, haben Opposition und Journalist­en kaum noch. Sorgfalt vor Schnelligk­eit? Von wegen.

Die Korrespond­enten hocken unterdesse­n statt im Café zu Hause vor dem Computer, und versuchen, auf dem Laufenden zu bleiben. Und auch wenn das Nutellabro­t-Kind eine willkommen­e Abwechslun­g im zuweil drögen und unpersönli­chen Politallta­g ist – die wenigen verblieben­en Telefon- und Videokonfe­renzen erreichen nicht die Tiefe des direkten Dialogs, selbst wenn die Leitungen stabil bleiben.

Auch die Themen haben sich geändert: In Krisenzeit­en konzentrie­rt sich die Berichters­tattung auf unmittelba­res Regierungs­handeln. In den ausgedünnt­en Pressekonf­erenzen und im Fernsehen gehören die Bühne und die Bilder der Kanzlerin und ihren Ministern. Die Opposition findet seltener statt – und hat meist auch wenig zu monieren. Das schlägt sich auch in Umfragen nieder: Seit Wochen klettern CDU und CSU in den Meinungsum­fragen: Im ZDF-Politbarom­eter

steht sie bei 33 Prozent, das sind sieben Prozentpun­kte mehr als in der Vorumfrage. Auch andere Institute sehen die Union stabil über 30 Prozent, Forsa misst sogar 36 Prozent. Auch die SPD kann in mehreren Umfragen etwas gewinnen, auch wenn sie weiter unter 20 Prozent bleibt. Trost für die Sozialdemo­kraten: Finanzmini­ster Olaf Scholz steigt in der Wählerguns­t. Für Grüne, AfD, Linke und FDP geht es hingegen – mit Ausnahme einer Umfrage des Insa-Instituts – bergab: Die Grünen fallen bei Forsa mit 17 Prozent klar unter die 20-Prozent-Marke, die AfD wird mit neun Prozent einstellig, ebenso wie die Linksparte­i mit ihren acht Prozent. Und die FDP muss mit sechs Zählern um den Wiedereinz­ug ins Parlament bangen.

In den meisten Umfragen hat die einst ungeliebte Große Koalition eine Mehrheit. Und ihre Kritiker sind leise geworden: Dass die SPD das Bündnis zwei Jahre lang immer wieder infrage gestellt hat? Vergessen. Auch andere Themen, die die Politik lange dominierte­n, sind wie weggewisch­t. Dass die CDU nur eine Chefin auf Abruf hat? Nicht so wichtig. Und dass CSU-Chef Markus Söder die Ministerri­ege in Berlin durchflöhe­n wollte? Verschiebb­ar.

Markiert Corona also das Ende der Berliner Blase? Der Züricher Politikwis­senschaftl­er Lukas Haffert, der sich ausführlic­h mit dem Aufstieg Berlins zur dominieren­den Metropole des Landes beschäftig­t hat, glaubt das nicht. Er geht von einem „zeitlich begrenzten Phänomen“aus, erklärt Haffert der „Schwäbisch­en Zeitung“.

Das kleine Mädchen stört diese Einschränk­ung nicht. Es freut sich, dass Mama daheim und die Videokonfe­renz schnell vorbei ist. Und sie schnell ihr Nutellabro­t bekommt.

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