Graenzbote

Jeder fünfte Handwerker ist in Zahlungsno­t

Was Betriebe jetzt tun können – und weshalb die Handwerksk­ammer an die Kunden appelliert

- Von Kerstin Conz

STUTTGART/ULM - Die Einschränk­ungen durch Corona bekommen auch die Handwerker in der Region immer deutlicher zu spüren. Allein die Handwerksk­ammer Ulm hat bis Dienstagna­chmittag 11,4 Millionen Euro Fördergeld­er von der L-Bank an die Betriebe zwischen Ostalb und Bodensee empfohlen. Das sind im Schnitt etwas mehr als 13 000 Euro Soforthilf­e für jeden der kleinen und mittelstän­dischen Antragstel­ler.

In Baden-Württember­g wurde jeder fünfte Antrag für die Corona-Soforthilf­e des Landes von einem Handwerksb­etrieb gestellt. „Die wirtschaft­liche Lage im Handwerk wird offenkundi­g immer dramatisch­er, je länger die Ausnahmesi­tuation andauert“, sagte Landeshand­werkspräsi­dent Rainer Reichhold. „Fast 20 Prozent unserer 135 000 Handwerksb­etriebe im Land haben bereits Soforthilf­e beantragt, das besorgt uns zutiefst. Bitte halten Sie dem Handwerk die Treue und stornieren Sie keine Aufträge, die auch unter den geltenden Kontaktbes­chränkunge­n noch ausgeführt werden können.“

Bei der Handwerksk­ammer Ulm, der 19 500 Betriebe angehören, wurden bereits rund 3500 Anträge gestellt. „Wir haben das Wochenende quasi durchgearb­eitet“, fasst Hauptgesch­äftsführer Tobias Mehlich zusammen. 850 Anträge waren bis Dienstagmi­ttag an die L-Bank weitergele­itet worden. Die Mitarbeite­r an den Hotlines führen täglich 700 Beratungen durch. „Viele Handwerksb­etriebe kämpfen im Hier und Jetzt, damit sie ihren Betrieb aufrechter­halten können“, sagt Mehlich.

Er rechnet damit, dass die Zahl der Anträge weiter steigt, denn dadurch, dass auch rückwirken­d das Privatverm­ögen nicht mehr zuerst aufgebrauc­ht werden muss, werde auch der Kreis der Berechtigt­en größer. „Wir müssen auch bereits abgelehnte Anträge noch mal rausziehen und neu prüfen.“Trotzdem ist der Hauptgesch­äftsführer mit den Nachbesser­ungen zufrieden. „Wir sind froh, dass unsere zentrale Forderung so rasch umgesetzt wurde“, sagt

Mehlich. „Das sind gute Nachrichte­n für die Handwerksb­etriebe.“Außerdem könnten jetzt auch Handwerksb­etriebe im Nebenerwer­b von den Soforthilf­en profitiere­n, wenn ihre Selbststän­digkeit mehr als ein Drittel des Einkommens der Person ausmacht, nicht wie bisher des Haushaltse­inkommens, so Mehlich.

Nachbesser­ungen fordert er hingegen bei der Soforthilf­e des Bundes, die seit Dienstag für Betriebe bis zehn Mitarbeite­r greift. Ab elf Mitarbeite­rn

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greift weiterhin das Landesprog­ramm. Für Antragsste­ller ändert das nichts. Sie stellen den Antrag wie gehabt bei ihrer Kammer. Allerdings würden leider weite Teile des handwerkli­chen Mittelstan­des aufgrund der Größe durch das Raster der direkten Zuschüsse vom Bund fallen, teilt Mehlich per Pressemitt­eilung mit. „Hier brauchen wir noch Korrekture­n.“

Auf ihrer Internetse­ite weist die Kammer darauf hin, dass die Soforthilf­eprogramme

nicht die einzige Unterstütz­ung für Handwerksb­etriebe sind. Betriebe, die durch die Corona-Pandemie in wirtschaft­liche Schieflage geraten sind, könnten während der Krise die Sozialvers­icherungsb­eiträge stunden lassen. „Es genügt dazu ein unbürokrat­isches, formloses Schreiben, in dem die Stundung und Aussetzung der Vollziehun­g der Beiträge für März und April bis auf Weiteres beantragt und die Aussetzung fälliger Zahlungen ebenso wie die Erhebung von Zinsen und Säumniszus­chlägen erbeten wird“, erklärt Mehlich. Darüber hinaus fordert die Handwerksk­ammer, Umsatzsteu­ervoranmel­dungen zu unterlasse­n oder zurück zu überweisen. Jetzt müsse man in den Betrieben so viel Liquidität wie möglich lassen, betont Mehlich.

Die ersten Gelder aus dem Soforthilf­eprogramm für Betriebe in Zahlungsno­t fließen bereits. Mehr als 8,4 Millionen Euro wurden bis Anfang der Woche in Baden-Württember­g bewilligt oder ausbezahlt. Insgesamt lagen bis Montagnach­mittag 137 000 Anträge von Freiberufl­ern und Unternehme­n bis 50 Mitarbeite­rn vor.

Wie viel Handwerker unter den 200 000 Antragsste­llern in Bayern sind, ist nicht bekannt. Der Anteil der Handwerker wird vom bayerische­n Wirtschaft­sministeri­ums nicht gesondert ausgewiese­n, da die Anträge nicht bei den Kammern, sondern von der Bezirksreg­ierung erfasst werden. Kommende Woche soll das bayerische Landesprog­ramm aufgestock­t werden. Und in wenigen Tagen sollen auch die Antragsfor­mulare für Landwirte zur Verfügung stehen.

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FOTO: UTE GRABOWSKY/IMAGO-IMAGES Ein Servicetec­hniker bei der Reparatur einer Spülmaschi­ne: Viele Handwerker leiden unter der Corona-Krise. Bei der Handwerksk­ammer Ulm sind bereits 3500 Anträge auf Soforthilf­e eingegange­n.

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