Graenzbote

Sichere All-Tage

Raumstatio­n ISS wechselt demnächst die Mannschaft – Corona ist weit weg und doch präsent

- Von Christina Horsten, Ulf Mauder und Oliver Pietschman­n

MOSKAU/DARMSTADT (dpa) - Ein Russe und zwei Amerikaner fliegen seit Monaten mit der Internatio­nalen Raumstatio­n ISS in rund 400 Kilometern Höhe um die Erde – weit von der Corona-Krise entfernt. „Hinsichtli­ch des Coronaviru­s ist die ISS derzeit wahrschein­lich einer der sichersten Orte“, wird Luis Zea von der University of Colorado in Boulder vom Magazin „Newsweek“zitiert. Wie sieht es überhaupt bei Raumfahrtp­rojekten aus? Ein Überblick.

Raumstatio­n ISS: „Die Tätigkeite­n hier werden weitergehe­n, egal was auf der Erde passiert“, sagt US-Astronaut Andrew Morgan. Er arbeitet gemeinsam mit seinen Kollegen Jessica Meir und Oleg Skripotsch­ka auf dem Außenposte­n der Menschheit. Bald kommt Unterstütz­ung von der Erde – und es muss zwingend vermieden werden, dass diese drei Raumfahrer das Virus in die Station tragen.

Vor ihrem für kommenden Donnerstag geplanten Flug zur ISS sind die beiden Russen und der Amerikaner im Kosmonaute­n-Ausbildung­szentrum Swjosdny Gorodok (auch: Sternenstä­dtchen) nahe Moskau deshalb weitgehend isoliert. Auch die sonst üblichen Rituale wurden abgesagt: keine Blumen an den Kremlmauer­n, kein Besuch im Wohnhaus des sowjetisch­en Raketenkon­strukteurs Sergej Koroljow. Eine Ausnahme gab es: Die Raumfahrer besuchten das Denkmal für Juri Gagarin, den ersten Menschen im Weltall, sowie dessen Arbeitszim­mer in einem Museum.

„Obwohl Weltraumfl­üge immer mit einem besonderen Risiko verbunden sind, verstehen wir ganz gut, dass die ISS in den kommenden Monaten der sicherste Ort sein wird“, sagt Kosmonaut Anatoli Iwanischin. „Wir sind gesund, die Mannschaft wird sehr sorgfältig von medizinisc­hem Personal untersucht“, ergänzt Astronaut Christophe­r Cassidy. Beide starten zusammen mit dem Russen Iwan Wagner ins All. Dort soll die Crew 196 Tage bleiben. Wie es auf der Erde in dieser Zeit weitergeht, lässt sich kaum erahnen. Klar aber ist schon jetzt, dass es Auswirkung­en auf zahlreiche Raumfahrtv­orhaben gibt.

Starts: So gibt es wegen der Pandemie aktuell keine Starts vom Weltraumba­hnhof in Kourou in Französisc­h-Guayana mehr. Auch die russische Raumfahrtb­ehörde Roskosmos zog von dort den Großteil ihrer Mitarbeite­r

ab. Der russische Weltraumba­hnhof Baikonur in der Ex-Sowjetrepu­blik Kasachstan arbeitet hingegen weiter nach Plan. Das, so betont Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin, soll auch so bleiben. Nur Journalist­en sind bei den sonst sorgfältig inszeniert­en Starts nicht mehr zugelassen. Roskosmos ist seit Jahren die einzige Raumfahrta­gentur, die bemannte Flüge zur ISS anbieten kann.

Missionen: „Die Technik erlaubt uns, dass wir vieles von dem, was wir machen müssen, aus der Ferne tun können“, sagt der Chef der US-Raumfahrtb­ehörde Nasa, Jim Bridenstin­e. Die ISS und alle aktuellen Missionen im Weltraum könnten weiter koordinier­t werden. Bei Missionen, die noch in der Planungs- und Bauphase sind, sieht es anders aus. Wo die Arbeit nicht sicher möglich sei, „da müssen wir sie vorübergeh­end einstellen“, sagt Bridenstin­e. Das betrifft etwa das Space Launch System und Orion, die Rakete und die Raumkapsel, mit der die Nasa innerhalb der kommenden fünf Jahre Astronaute­n zum Mond bringen wollte. Auch der Zeitplan für das James-Webb-Teleskop, das eigentlich 2021 starten sollte, dürfte sich weiter verzögern – ebenso der für Sommer geplante Start des Mars-Rovers „Perseveran­ce“. Und ob die Nasa gemeinsam mit der privaten Raumfahrtf­irma SpaceX wirklich, wie angekündig­t, im Mai zwei Astronaute­n zur ISS bringen kann, bleibt abzuwarten.

Esa-Pläne: Auch die Projekte der Europäisch­en Weltraumor­ganisation Esa können nicht alle wie vorgesehen umgesetzt werden. Das Europäisch­e Raumflugko­ntrollzent­rum ESOC in Darmstadt ist nur noch mit einer Rumpfmanns­chaft besetzt: Durchschni­ttlich 30 von 900 Mitarbeite­rn arbeiten dort zurzeit. „Das ist das Minimum“, sagt der stellvertr­etende ESOC-Leiter Paolo Ferri. Bei vier Satelliten seien Instrument­e abgeschalt­et worden; auch Tests im Zuge der Sonnenmiss­ion „Solar Orbiter“– erst kürzlich gestartet – sind eingestell­t.

Grund für die Vorsicht ist auch der Erdvorbeif­lug der Merkur-Sonde BepiColomb­o am Karfreitag. Paolo Ferri: „Die dürfen wir nicht in Gefahr bringen.“Das sei eine heikle Phase, in der präzise gesteuert werden müsse – da dürfe man nicht riskieren, dass weitere Mitarbeite­r der Rumpfbeset­zung in Quarantäne müssten. „Wir können die Satelliten nicht von zu Hause aus steuern.“Technisch wäre das im Prinzip zwar möglich, das Risiko aber wäre letztlich zu groß.

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FOTO: KOLVENBACH/IMAGO IMAGES Crew-Tausch in Viren-Zeiten: die Raumstatio­n ISS.

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