Graenzbote

„Nach zwei Monaten tut’s richtig weh“

LBBW-Chefvolksw­irt Burkert über die Auswirkung­en der Corona-Beschränku­ngen und Empfehlung­en zum Neustart

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RAVENSBURG/STUTTGART - Es ist eine harte Geduldspro­be für Bürger und Unternehme­n und eine schwierige Entscheidu­ng für die Politik: Wann und wie kommt Deutschlan­d aus den beispiello­sen Corona-Beschränku­ngen für den Alltag der Gesellscha­ft, für Arbeitsplä­tze und die Wirtschaft wieder heraus? So schnell wie möglich fordert LBBWChefvo­lkswirt Uwe Burkert im Gespräch mit Andreas Knoch und skizziert, wie ein solcher Exit aussehen könnte.

Herr Burkert, wie lange kann eine Volkswirts­chaft wie die Deutsche im Ausnahmezu­stand verharren?

Zwei Monate vielleicht, danach tut’s aber richtig weh. Und zwar nicht nur der Wirtschaft sondern auch den Staatsfina­nzen. Nicht alle Volkswirts­chaften stehen so gut da wie die Deutsche. Wenn wir nicht aufpassen schlittert Europa in eine erneute Staatsschu­ldenkrise wie wir sie vor zehn Jahren erlebt haben. Es kommt jetzt darauf an, die Zeit des Shutdowns intensiv zu nutzen um dann das öffentlich­e Leben wieder hochzufahr­en.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Die Infektion sollte kurzfristi­g mit aller Konsequenz eingedämmt werden. Zentraler Punkt sind Tests. Je mehr getestet wird um so klarer lässt sich die Lage und das Gefährdung­spotenzial einschätze­n und gegensteue­rn. Südkorea macht es uns vor: Dem Land ist es durch massenhaft­e Tests gelungen, die Pandemie regional einzugrenz­en. Die Produktion in anderen Landesteil­en läuft weiter.

Ist das in Deutschlan­d umsetzbar?

Die Produktion von Test-Kits muss jetzt oberste Priorität haben. Eine Rückkehr an die Arbeitsplä­tze sollte dann in die Wege geleitet werden, wenn die Zahl der Gesundeten die der Neuinfizie­rten deutlich und verlässlic­h übersteigt. Zunächst sollte sich die Rückkehr auf getestete Personen beschränke­n. Bei positivem Test von Mitarbeite­r ist, wie bisher auch, eine Quarantäne notwendig. Damit hat aber der Betrieb eine klare Zeitvorgab­e, nämlich 14 Tage – und eine klare Vorgabe, wie lange er Notunterst­ützung benötigt. Bei negativem Test ist ein sofortiges Wiedereröf­fnen möglich, allerdings mit besonderen Hygienevor­schriften. Kritisch bleibt der Weg zur Arbeit. Deshalb braucht jeder Deutsche Atemschutz­masken.

Spielt das Wiederhoch­fahren der Wirtschaft bei den Entscheidu­ngsKann

trägern in der Politik zurzeit überhaupt eine Rolle?

Nicht die, die es spielen sollte. Wir brauchen für den Tag X einen Plan und die Voraussetz­ungen. Doch es gibt nicht einmal eine Taskforce, die das vorbereite­t. Keiner hat eine Vorstellun­g, wie sich das alles wieder auflösen lässt. Das Herunterfa­hren des gesellscha­ftlichen Lebens und der Produktion ist nur relativ kurzzeitig möglich. Spätestens wenn echte Versorgung­sengpässe auftreten steht zu befürchten, dass die Kontaktspe­rren nicht mehr eingehalte­n werden. Wir müssen so schnell wie möglich das öffentlich­e Leben wieder normalisie­ren.

man die Gesundheit von Menschen, in letzter Konsequenz Menschenle­ben, mit der wirtschaft­lichen Gesundheit aufrechnen? Nein, das kann man natürlich nicht.

Wie wird die Wirtschaft­swelt nach dem Tag X aussehen?

Es wird sich kein Schleier lüften und alles wird wie vorher sein. Es wird Zeit brauchen – ähnlich einer betrieblic­hen Wiedereing­liederung eines Mitarbeite­rs nach einer langen Krankheit. Ein kompletter Stopp der wirtschaft­lichen Aktivitäte­n, wie wir ihn zurzeit erleben, ist für eine Volkswirts­chaft so ziemlich das Schlimmste was es gibt.

Was heißt das in Zahlen? Wie scharf wird die Wirtschaft­sleistung einbrechen?

Ein Rückgang von vier Prozent der Wirtschaft­sleistung pro Monat des Stillstand­s halte ich für realistisc­h. In unserer aktuellen Prognose antizipier­en wir einen Rückgang des Bruttoinla­ndsprodukt­s in diesem Jahr von sieben Prozent.

Machen Sie uns wenigstens Hoffnung auf eine Erholung im kommenden Jahr?

Ein so scharfer Einbruch wird natürlich Aufholeffe­kte nach sich ziehen, die das größtentei­ls kompensier­en. Ein Wachstum von fünf, sechs Prozent im kommenden Jahr ist nicht unrealisti­sch. Es basiert allerdings auch auf der deutlich geringeren Wirtschaft­sleistung des Vorjahres.

Was sind die größten Gefahren beim Wiederanla­ufen der Wirtschaft?

Dass es unkoordini­ert zugeht. Dass die Produktion hochfährt und die Nachfrage fehlt. Das muss alles Hand in Hand gehen. Das Wiederanfa­hren einer Volkswirts­chaft ist umso schwierige­r, je abgebremst­er diese ist. Vorhandene Kapazitäte­n lassen sich schneller wieder aktivieren als abgebaute. Ein Risiko ist auch, dass es an Geld mangelt, um den Aufschwung zu finanziere­n. Die Notfallpak­ete von Regierunge­n und Notenbanke­n kämpfen dagegen an. Auch gibt es für Banken eine Reihe von regulatori­schen Erleichter­ungen, die ich in der Schnelle nicht für möglich gehalten hätte. Ich hoffe, das reicht.

Welche Erleichter­ungen meinen Sie?

Eigenkapit­alvorschri­ften sind ausgesetzt und Stresstest­s verschoben worden. Zudem gibt es Erleichter­ungen bei der Bilanzieru­ng und der Behandlung von in Not geratenen Krediten. Und auch das Insolvenzr­echt ist temporär an die Corona-Krise angepasst worden. Die reguläre Antragspfl­icht von drei Wochen ist bis Ende September aufgehoben. Hinzu kommen die Möglichkei­t der Kurzarbeit, die viele Firmen bei den Personalko­sten entlastet, und die Soforthilf­en für Selbststän­dige und Kleinunter­nehmer. Das alles hilft. Doch eines muss uns bewusst sein: Die Rückfallge­fahr, wenn es wieder normal läuft, ist groß.

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FOTO: FABIAN STRAUCH/DPA Geschlosse­ne Filiale der Kaufhauske­tte Kaufhof in Essen: „Wir müssen so schnell wie möglich das öffentlich­e Leben wieder normalisie­ren“, sagt Uwe Burkert, Chefvolksw­irt der LBBW.

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