Graenzbote

Morcheln verfeinern die Rahmsuppe

Serie „Kontaktver­bot? Raus in die Natur!“: Morchel, Schlüsselb­lume und Weide

- Von Judith Engst

HEUBERG - Eine Vollbremsu­ng mitten im Rennen: So ähnlich dürften sich die zahlreiche­n Absagen, Arbeitsund Veranstalt­ungsausfäl­le für viele Bewohner auf dem Heuberg anfühlen. Was mit so viel Zeit anfangen, wenn es keine Zerstreuun­g gibt? Ein Vorschlag: Gehen Sie doch mal ganz bewusst in die Natur hinaus und halten Sie nach den kleinen, unauffälli­gen Dingen Ausschau. Genau richtig, um die Stimmung aufzuhelle­n.

Immer wenn Sie einen Haufen Rindenmulc­h oder einen alten Lagerplatz von Stammholz sehen, sollten Sie aufmerksam den Boden inspiziere­n. Denn ein ausgezeich­neter Speisepilz streckt an solchen Plätzen im (Vor-)Frühling seinen Fruchtkörp­er besonders gerne aus dem Boden: die Morchel (Morchella esculenta). Wer sie mit ihrem regelmäßig geformten, wabenartig­en Hut findet, kann sich glücklich schätzen. Am besten gleich nach Hause nehmen und damit eine Rahmsuppe oder Soße verfeinern. Denn eine solche Köstlichke­it sollten Sie sich keineswegs entgehen lassen. Übrigens ist das Exemplar auf dem Bild ungewöhnli­ch hell: Meistens haben Morcheln dunkelbrau­ne, ja manchmal sogar fast schwarze Hüte. Vorsicht allerdings vor Verwechslu­ngen mit der entfernt ähnlichen, aber unregelmäß­ig geformten Frühjahrsl­orchel (Gyromitra esculenta) – die ist nämlich giftig, auch wenn der lateinisch­e Name auf Essbarkeit hindeutet. Aber die Unterschie­de sind auch für Laien leicht erlernbar und werden in jedem Pilzbuch gezeigt – und übrigens auch online, zum Beispiel bei www.123pilzsuc­he.de.

Wo die Schlüsselb­lume wächst, ist die Wiese ökologisch gesund. Diese Faustregel können Sie sich merken – und Sie werden feststelle­n: Bei uns auf dem Heuberg gibt es noch erfreulich viele gesunde Wiesen. Die hellgelbe Variante ist die so genannte Hohe Schlüsselb­lume (Primula elatior). Sie wächst manchmal auch im Wald. Falls Sie noch keine entdeckt haben, schauen Sie doch mal an einem Bachufer nach. Da zeigt sie sich jetzt schon. Der Legende nach hat Petrus versehentl­ich den Schlüssel zum Himmelstor fallen lassen und einen Engel geschickt, um ihn von der Erde zurückzuho­len. Der fand ihn auch – und als er ihn aufhob, wuchsen an der betreffend­en Stelle „Himmelssch­lüsselchen“. Lassen Sie sich diesen himmlische­n Anblick nicht entgehen. Die dunklere und etwas seltenere Variante ist übrigens die Arznei-Schlüsselb­lume, die vor allem auf flachgründ­igen Kalkstando­rten wächst. Auf sie werden wir noch etwas warten müssen, denn sie blüht erst im späteren Frühling.

Sehr hübsch ist es, im zeitigen Frühjahr ein paar Weidenzwei­ge in eine Vase zu stellen. Die flauschige­n Kätzchen, hier die Salweide (Salix caprea), sind ein schöner Anblick. Aber ist Ihnen schon einmal aufgefalle­n, dass wir stets nur die männlichen Blüten im Sinn haben, wenn wir von „Weidenkätz­chen“sprechen? Sprich diejenigen, die Pollen produziere­n. Bei allen Weidenarte­n gibt es jedoch eine Besonderhe­it, die längst nicht alle Pflanzen zeigen: Männliche und weibliche Blüten sitzen streng getrennt auf unterschie­dlichen Pflanzen. Man spricht hier von Zweihäusig­keit: für jedes Geschlecht sozusagen ein Haus. Der eine Baum trägt also nur männliche Kätzchen (an den gelben Pollen erkennbar), der andere nur weibliche (eine Ansammlung von Fruchtknot­en mit Griffeln, auf denen der Pollen bei Bestäubung dann landet).

Konzipiert ist die Weide eigentlich für eine Windbestäu­bung – denn sie blüht in Zeiten, in denen noch nicht besonders viele Insekten fliegen. Aber vor allem die Bienen, also Wildbienen, Hummeln und auch unsere gezüchtete­n Honigbiene­n, haben längst entdeckt: Diese wertvolle Nahrungsqu­elle kommt nach einem langen, entbehrung­sreichen Winter genau richtig. Vor allem die eiweißreic­hen Pollen werden gerne angeflogen. Spitzen Sie also unter einer Weide mit männlichen Blüten auch die Ohren – denn in der Krone summt und brummt es ordentlich.

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FOTO: ENGST Ein sagenhaft guter Speisenpil­z im zeitigen Frühjahr: die Morchel.

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