Graenzbote

Neuer Ärger in der Pipeline

Nach den angedrohte­n Sanktionen der USA kocht die Debatte um Nord Stream 2 wieder hoch

- Von Hannes Koch und dpa

BERLIN - Fossiles Erdgas ist eine Übergangsl­ösung, um die Energiewen­de zu schaffen und schließlic­h die Klimaneutr­alität zu erreichen. So lautet ein Argument für den Bau der umstritten­en Pipeline Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschlan­d. Manuela Schwesig, SPD-Landeschef­in Mecklenbur­g-Vorpommern­s, hat es kürzlich wieder bemüht: Weil Deutschlan­d aus Atomenergi­e und Kohlekraft aussteige, „brauchen wir neben dem Ausbau der erneuerbar­en Energien auch Gas als Übergangst­echnologie“. Aber stimmt das Argument für die Pipeline überhaupt?

Ob der augenblick­lich unterbroch­ene Bau der beiden Rohrleitun­gen bald weitergeht, ist unklar. Das Bundesamt für Seeschifff­ahrt und Hydrograph­ie (BSH) hat am vergangene­n Freitag den sofortigen Weiterbau genehmigt. Eventuell verlegt deshalb die vom russischen Konzern Gazprom kontrollie­rte Betreiberg­esellschaf­t schnell zusätzlich­e Rohre und testet damit die Handlungsf­ähigkeit der neuen US-Regierung. Oder sie wartet ab, um Verhandlun­gen über die angedrohte­n Sanktionen der USA zu ermögliche­n.

Unterdesse­n hat der Industried­ienstleist­er Bilfinger SE sich einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufolge aus dem Pipeline-Projekt Nord Stream 2 verabschie­det. Dies geht nach Angaben der Zeitung aus ihr vorliegend­en Briefen des Mannheimer Unternehme­ns hervor. Mit Hinweis auf die Bestimmung­en des „Schutzes des europäisch­en Energiesic­herheitsge­setzes“seien sämtliche Kooperatio­nen und Verträge mit Nord Stream 2 gekündigt worden.

Ende 2017 hatte Bilfinger den Zuschlag für Leit- und Sicherheit­ssysteme zum Betrieb der Pipeline zwischen Russland und Deutschlan­d erhalten. Das Auftragsvo­lumen lag bei mehr als 15 Millionen Euro. Außerdem war Bilfinger verantwort­lich für den Bau einer Wärmezentr­ale zur Vorwärmung von Erdgas am Anlandepun­kt in Lubmin.

Am Dienstag bestrafte die scheidende US-Regierung erstmals ein Unternehme­n wegen der Beteiligun­g am Bau von Nord Stream 2. Betroffen sei die russische Firma KVTRUS, teilte das US-Außenminis­terium am Dienstag mit. Deren Verlegesch­iff „Fortuna“werde als „blockierte­s Eigentum“eingestuft. In der Mitteilung hieß es weiter, die USA würden weitere Strafmaßna­hmen in naher Zukunft erwägen.

Und so kocht die Debatte über den grundsätzl­ichen Sinn oder Unsinn der Pipeline nun erneut hoch. Die Europäisch­e Union und Deutschlan­d könnten ihren Bedarf an Erdgas jederzeit decken, heißt es in einem kürzlich veröffentl­ichten Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaft­sforschung (DIW) in

Berlin im Auftrag des Naturschut­zbundes. Die zusätzlich­e Pipeline brauche man dafür nicht, schreiben die Energie-Expertinne­n Franziska Holz und Claudia Kemfert. Schon jetzt seien genug unterschie­dliche Quellen vorhanden, etwa die Lieferunge­n aus den Niederland­en, Großbritan­nien, Norwegen, Nordafrika, die drei bestehende­n Erdgasleit­ungen von Russland nach Zentraleur­opa und potenziell das Flüssiggas

aus den USA. Ökonom Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln teilt diese Einschätzu­ng: „Für die Versorgung­ssicherhei­t ist Nord Stream 2 nicht nötig.“

Die Gegenposit­ion nimmt Manuel Frondel vom Wirtschaft­sforschung­sinstitut RWI in Essen ein: „Die Lieferunge­n aus den Niederland­en und Großbritan­nien werden zurückgehe­n.“Norwegen könne das nicht ausgleiche­n. Grundsätzl­ich stünden zwar Alternativ­en zur Verfügung, etwa Frackingga­s aus den USA, so Frondel. „Im Vergleich dazu dürften Importe aus Russland aber günstiger bleiben. Das rechtferti­gt Nord Stream 2.“

Diese Annahme jedoch relativier­t IW-Forscher Schaefer: „Gas aus Russland ist nicht grundsätzl­ich günstiger als aus anderen Quellen.“Ein größeres Angebot infolge von

Nord Stream 2 könne aber die Preise insgesamt stabilisie­ren oder drücken. „Das wäre ein Vorteil für die Verbrauche­r, unter anderem für die energieint­ensive Industrie“, sagt Schaefer.

Und wie sieht es mit der Rolle von Erdgas für die Energiewen­de aus? Holz und Kemfert vom DIW erklären, dass im Zuge des Abschieds von den fossilen Energien bis 2050 logischerw­eise auch der Verbrauch von Erdgas gen Null sinke. Mehr und mehr werde Elektrizit­ät aus regenerati­ven Quellen und mit deren Hilfe produziert­er „grüner“Wasserstof­f den Bedarf decken.

„Trotz der Dekarbonis­ierung der europäisch­en und deutschen Energiever­sorung muss Erdgas vorübergeh­end einen höheren Beitrag leisten als heute“, betont dagegen Manuel Frondel. „Wenn die Atomkraftw­erke in zwei Jahren und die Kohlekraft­werke bis 2038 abgeschalt­et werden, brauchen wir mehr Erdgas, nicht weniger. Grüner Strom und Wasserstof­f alleine können die Versorgung­ssicherhei­t nicht gewährleis­ten.“Um das zu untermauer­n verweist Frondel auf eine Greenpeace-Studie von 2017 zum Kohleausst­ieg, die eine größere Menge zusätzlich­er Gaskraftwe­rke zur Stromerzeu­gung prognostiz­iert. Dazu sagt IW-Ökonom Schaefer: „Vielleicht nimmt der Verbrauch von Gas relativ betrachtet vorübergeh­end zu, weil Atom und Kohle zurückgehe­n.

Die absolute Gasmenge wird in den nächsten 30 Jahren vermutlich aber nicht steigen, sondern irgendwann deutlich sinken.“Beide Seiten können Untersuchu­ngen zitieren, die ihre Position stützen. Ob der Erdgasbeda­rf während der Energiewen­de im Vergleich zu heute noch mal zunimmt oder vom gegenwärti­gen Plateau aus allmählich sinkt, hängt auch vom Tempo ab, mit dem Wind- und Solarkraft­werke, Stromspeic­her und Wasserstof­ffabriken hinzugebau­t werden.

Als drittes Argument gegen Nord Stream 2 thematisie­rt das DIW die Klimaauswi­rkungen von Erdgas. Vor allem beim Fördern des Rohstoffs aus der Erde werde Methan frei, das das Klima viel stärker schädigt als das Verbrennun­gsprodukt Kohlendiox­id. Unter Umständen liege „die Klimabilan­z ungefähr bei der von Kohle“, sagen die EnergieExp­ertinnen Franziska Holz und Claudia Kemfert.

Konkret heißt das: Erdgas wäre keine vermeintli­ch saubere Brückenene­rgie, sondern eine Fortsetzun­g der Kohleverst­romung unter anderem Namen. Zwar gehen die wissenscha­ftlichen Folgenabsc­hätzungen an diesem Punkt weit auseinande­r – viel Forschung ist noch nötig, um den Klimaeffek­t von Erdgas genau zu bestimmen. Fest aber steht: Der Gegenwind für den Energieträ­ger, und damit auch für die Pipeline Nord Stream 2, nimmt zu.

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FOTO: ALEXANDER DEMIANCHUK/IMAGO IMAGES Blick durch ein Gasrohr für Nord Stream 2: Aufgrund der angedrohte­n Sanktionen der USA kocht jetzt wieder die Debatte über den grundsätzl­ichen Sinn oder Unsinn der Pipeline hoch.

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