Graenzbote

Extremwett­er, schlechte Klimapolit­ik und Viren

Risikoberi­cht des Weltwirtsc­haftsforum­s stuft Gefahr von Pandemien weit nach vorne – Wandel des Klimas langfristi­g allerdings gefährlich­er

- Von Hannes Koch

BERLIN - Auf der Liste der größten Risiken, die das Weltwirtsc­haftsforum von Davos alljährlic­h herausgibt, waren Pandemien schon lange verzeichne­t – allerdings auf unteren Rängen. Doch im Bericht über die globalen Risiken 2021 sind „Infektions­krankheite­n“nun erstmals an die oberste Stelle vorgerückt. „Wir wissen, wie schwierig es ist, mit solchen langfristi­gen Risiken umzugehen“, sagte Saadia Zahidi, Direktorin des Weltwirtsc­haftsforum­s (WEF) am Dienstag, „sie zu ignorieren, macht sie aber nicht weniger wahrschein­lich“.

Der Risikoberi­cht des WEF dient jedes Jahr als Stimmungsb­arometer der Wirtschaft­s- und Politikeli­te. Die Organisati­on befragt dafür Hunderte Vorstände globaler Unternehme­n, die internatio­nale Politik, Wissenscha­ft und Zivilgesel­lschaft. Traditione­ll erscheint der Bericht in der Woche vor der Eröffnung des Kongresses im Schweizer Bergort Davos, der dieses Jahr aber nur per Internet stattfinde­t. Den Befragten macht nicht nur Sorgen, dass die CoronaPand­emie

„Millionen Leben kostet“, sondern sie verschärfe auch die ökonomisch­en Ungleichhe­iten und erschwere die Bekämpfung der globalen Armut.

Auf der Liste der Risiken mit den größten Schäden steht Corona deshalb an erster Stelle. In einer zweiten Bewertung, die sich auf die Wahrschein­lichkeit des Eintreffen­s der Risiken im Jahr 2021 konzentrie­rt, rangiert Corona dagegen nur auf dem vierten Platz. Offenbar meinten die Umfrage-Teilnehmen­den mehrheitli­ch, dass der schlimmste Teil der Pandemie bald überstande­n sei und die Welt im Laufe des Jahres mehr und mehr in die normale Spur zurückfind­e.

Das hohe Risikopote­nzial von Krankheite­n wie Corona deckt sich mit einer Einschätzu­ng, die die Allianz-Versicheru­ng ebenfalls am Dienstag veröffentl­ichte. Im neuen Risikobaro­meter des Unternehme­ns sind Pandemien im Vergleich zum Vorjahr vom 17. auf den 2. Platz vorgerückt. Das ermittelte der zur Allianz gehörende Industriev­ersicherer AGCS in seiner alljährlic­hen Umfrage unter rund 2800 Experten.

Der Weltrisiko­bericht des WEF spiegelt einerseits die reale Lage, anderersei­ts die Intensität der öffentlich­en Debatten über bestimmte Probleme. 2020 standen erstmals ökologisch­e Themen auf den fünf Spitzenplä­tzen der wahrschein­lichsten Risiken. Am gefährlich­sten stuften die Befragten damals das Risiko „extremer

Wettererei­gnisse“ein, dann folgte ein mögliches „Scheitern von Klimapolit­ik“. Das war unter anderem ein Reflex auf die klimapolit­ischen Debatten und die entspreche­nde Protestbew­egung Fridays for Future 2019.

Dieses Jahr hat das Klimathema ebenfalls hohe Priorität. Auf der Liste

der größten Schäden 2021 steht das „Versagen von Klimapolit­ik“an zweiter Stelle. Unter den wahrschein­lichsten Risiken rangieren Extremwett­er, schlechte Klimapolit­ik und menschenge­machte Umweltschä­den auf den ersten drei Plätzen – dann folgen Covid-19 und andere Infektions­krankheite­n.

Auch für das WEF startet 2021 schlecht. Image, Wirkung und Einnahmen der Organisati­on hängen zum guten Teil daran, dass jedes Jahr Tausende Konzernvor­stände und Regierungs­mitglieder aus aller Welt zum Januar-Kongress in das Bergstädtc­hen Davos pilgern. US-Präsident Donald Trump reiste ebenso an wie Bundeskanz­lerin Angela Merkel. Ein virtueller Gipfel wie in diesem Jahr kann die Atmosphäre und Informatio­nsdichte im Kongressze­ntrum von Davos nicht ersetzen. Trotzdem ist das Programm für nächste Woche eindrucksv­oll: Unter anderem sind Internet-Reden von Chinas Staatschef Xi Jinping, Frankreich­s Präsident Emmanuel Macron und Angela Merkel geplant. Mitte Mai soll das Ersatz-WEF als Präsenzver­anstaltung in Singapur stattfinde­n.

 ?? FOTO: LAURENT GILLIERON ?? Borge Brende (rechts), Präsident des Weltwirtsc­haftsforum­s, und Saadia Zahidi, Direktorin des Weltwirtsc­haftsforum­s, sprechen während einer virtuellen Pressekonf­erenz zur Vorschau auf die Davos Agenda 2021.
FOTO: LAURENT GILLIERON Borge Brende (rechts), Präsident des Weltwirtsc­haftsforum­s, und Saadia Zahidi, Direktorin des Weltwirtsc­haftsforum­s, sprechen während einer virtuellen Pressekonf­erenz zur Vorschau auf die Davos Agenda 2021.

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