Graenzbote

Kleine Schritte sind gefragt

- Von Frank Herrmann politik@schwaebisc­he.de

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechn­et Joe Biden Amerikas Hoffnungst­räger ist. Der neue Präsident, der im Wahlkampf eher die Rückkehr zur alten Ordnung versprach als den Aufbruch zu neuen Ufern. Er steht nicht für große Visionen und auch nicht, wie einst Barack Obama, für eine kühne Rhetorik von „Hope“und „Change“, die höhere Erwartunge­n weckt, als man sie dann erfüllen kann. Was er symbolisie­rt, ist solides Regierungs­handwerk, ist 50-jährige Erfahrung im Politikbet­rieb, ist ein durch und durch pragmatisc­her Ansatz, Probleme zu lösen. Und das ist in der heutigen Lage schon viel.

Die USA sind zu zerrissen, als dass es Mehrheiten für gewagte gesellscha­ftliche Experiment­e gäbe. Donald Trump hat dem Gebäude der Demokratie vier Jahre lang mit der Abrissbirn­e zugesetzt. Eingestürz­t ist es nicht. Es hat standgehal­ten, auch am 6. Januar, als ein aufgeputsc­hter Mob mit dem Sturm aufs Kapitol das letzte, finsterste Kapitel zu schreiben versuchte. Die Wände stehen noch, die Grundfeste­n sowieso, doch die Trümmer am Boden sind ebenso wenig zu übersehen wie die Löcher in der Fassade. Biden muss aufräumen und ausbessern, und zugleich muss er die Mauer niederreiß­en, die sich nicht erst seit Trump durch das Gebäude zieht.

Das Land zu einen, wie er es verspricht, dürfte ein allzu hoher Anspruch sein, kein realistisc­hes Ziel. Zunächst geht es darum, sich wieder auf Grundregel­n des Meinungsst­reits zu verständig­en und Fakten zu akzeptiere­n, auf deren Grundlage zu diskutiere­n. Unter Biden wird das Land zu einer Art von Diskurs zurückkehr­en müssen, der wieder auf Tatsachen basiert.

Klar ist: Es wird nur in kleinen Schritten vorangehen bei dem Prozess der Vertrauens­bildung. Dass es gelingt, ist nicht garantiert. Doch von allen Kandidaten, die für den Höllenjob im Oval Office infrage kamen, ist Joe Biden mit seinem Erfahrungs­schatz, seinem Gefühl für das Machbare, seiner bodenständ­igen Sprache vielleicht derjenige, der am ehesten Erfolg haben kann auf dem langen Weg zurück zur Normalität.

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