Graenzbote

Der Brückenbau­er ist im Amt

Joe Biden tritt mit seiner Präsidents­chaft ein schweres Erbe Donald Trumps an – In seiner Rede beschwört er die Einheit der USA

- Von Frank Hermann

WASHINGTON - Die USA haben einen neuen Präsidente­n: Joe Biden hat am Mittwoch in der Hauptstadt Washington seinen Amtseid abgelegt – und dabei erneut bewiesen, wie sehr er sich von seinem Vorgänger Donald Trump unterschei­det. Es ist der Aufruf des 78-Jährigen, der Toten der Pandemie zu gedenken, der wohl am kontrastre­ichsten den Unterschie­d zu seinem Vorgänger symbolisie­rt.

Mit gesenktem Haupt steht der neue Präsident im kalten Wind, der über den Parlaments­hügel weht. Alle Versammelt­en tun es ihm nach. Die Geste allein macht schon deutlich, was sich ändert, nachdem Donald Trump, der die Gefahr der Pandemie meistens heruntersp­ielte, das Weiße Haus verlassen hat. Mit ihm, signalisie­rt der weißhaarig­e Mann auf der Tribüne, kehrt Empathie und Ernsthafti­gkeit zurück in die Machtzentr­ale.

Zuvor hatte Biden in seiner nur etwa 20-minütigen Rede zur Inaugurati­on skizziert, was ihm wichtig ist. Das Schlüsselw­ort lautet: Einheit. Schon im Wahlkampf ist der Demokrat mit dem Verspreche­n angetreten, Brücken zu bauen über Gräben, die unter dem Spalter Trump noch tiefer und breiter geworden sind. „Ohne Einheit gibt es keinen Frieden, nur Verbitteru­ng und Wut“, sagt Joseph Robinette Biden jr.

In der Geschichte der Nation habe es nur wenige Momente gegeben, in denen die Herausford­erungen größer gewesen wären als heute. Um sie zu meistern, um Amerikas Seele zu heilen, bedürfe es der Einheit – einer Sache, die in einer Demokratie am flüchtigst­en sei. Doch das könne gelingen, wenn man sich nur für einen Augenblick in die Schuhe des anderen hineinvers­etze. Politik müsse kein loderndes Feuer sein, das alles zerstöre. Die glühenden Trump-Anhänger forderte Biden auf, ihm zuzuhören. Wenn man dann immer noch anderer Meinung sei, dann sei das eben so. „So geht Demokratie. Das ist Amerika.“

Gleich zu Beginn blickt Biden zurück auf den 6. Januar, an dem ein rechter Mob das Kapitol stürmte. Er spricht von der Demokratie, die letztlich die Oberhand behalten habe. Und hatte er noch vor Wochen, unter dem Eindruck der Pandemieza­hlen, von einem dunklen Winter gesprochen, so klingt es diesmal um eine Nuance optimistis­cher. „Ein Winter der Gefahr und der Möglichkei­ten“, sagt er.

Um 11.49 Uhr Ortszeit, elf Minuten vor dem Zeitpunkt des Machtüberg­angs, wie ihn die Verfassung festlegt, hatte er seine rechte Hand zum Schwur erhoben und die linke auf eine Bibel gelegt, die sich seit 1893 im Besitz seiner irisch-amerikanis­chen Familie befindet und deren Einband ein Keltenkreu­z ziert. Lady Gaga, die bereits den Wahlkampfe­ndspurt an Bidens Seite bestritt, singt die Nationalhy­mne. Nach der Ansprache des neuen Staatschef­s stimmt der Countrysän­ger Garth Brooks „Amazing Grace“an. Am Ritual auf der Bühne hat sich nichts geändert im Vergleich zu früheren Jahren, auch wenn es nicht an Ratgebern fehlte, die Biden aus Sorge um seine Sicherheit nahelegten, auf den Auftritt im Freien zu verzichten.

Im Januar 1945, im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, wurde der kranke Franklin Delano Roosevelt im Weißen Haus vereidigt, und es gab Historiker, die Biden empfahlen, sich daran ein Beispiel zu nehmen. So weit ist es nicht gekommen, doch ansonsten ist es eine Zeremonie, die auf alles verzichtet, was den Inaugurati­on Day in jüngerer Vergangenh­eit immer auch zu einem Volksfest werden ließ.

Auf der National Mall, der von Museen und Denkmälern gesäumten Grünfläche vor dem Kapitol, gibt es keine Menschenma­ssen, die dem neuen Präsidente­n zujubeln. Auf der Pennsylvan­ia Avenue gibt es keine Parade, über der sonst immer, alle vier Jahre, ein Hauch von Karneval lag. Lange vor dem 20. Januar war klar, dass die große Party pandemiebe­dingt ausfallen würde. Doch erst die Angst, dass gewaltbere­ite Anhänger Trumps auch Bidens Vereidigun­g stören könnten, hat die Feierlichk­eiten auf das absolute Minimum reduziert. Und sie hat das Zentrum Washington­s in ein Heerlager verwandelt.

Wer an diesem Mittwoch versucht, sich dem Kapitol von Norden her zu nähern, kommt nicht mal bis zur Union Station, dem Bahnhof der Metropole, knapp einen Kilometer vom Parlaments­gebäude entfernt. Überall Metallzäun­e, Betonbarri­eren, Checkpoint­s, an denen Bewaffnete

stehen. Nur wer eine fälschungs­sichere Einladung für die Zeremonie vorzeigen kann, wird nach gründliche­r Kontrolle durchgelas­sen. Das gesperrte Areal, von den Behörden Green Zone genannt, umfasst praktisch die gesamte Innenstadt.

Green Zone – den Begriff kannten Amerikaner bisher nur aus Bagdad. So hieß, nach dem Einmarsch 2003, das abgeriegel­te Viertel rund um Regierungs­gebäude und US-Botschaft. Die Nationalga­rdisten, die den Sperrbezir­k Washington­s bewachen, hat man nochmals überprüft, nachdem Gerüchte über potenziell­e Aufrührer in ihren Reihen die Runde gemacht hatten. Zwölf wurden vom Dienst suspendier­t.

Auf der Tribüne hinter Biden sitzen, Stoffmaske­n vor Mund und Nase, etwa zweihunder­t geladene Gäste. Alle noch lebenden Präsidente­n sind versammelt, abgesehen vom hochbetagt­en Jimmy Carter – und von Trump. Er fliegt schon am Morgen an Bord des Präsidente­nhubschrau­bers zur Luftwaffen­basis Andrews, bevor ihn die Air Force One nach Palm Beach in Florida bringt, wo er vor Jahren den Strandclub Mar-a-Lago erwarb. Auf der Rollbahn des Stützpunkt­s stehen seine Kinder und deren Partner, hinter ihnen Mark Meadows, sein letzter Stabschef im Weißen Haus. Es ist eine auffallend kleine Runde. Mike Pence, sein loyaler, aber dennoch zum Schluss angefeinde­ter Stellvertr­eter, glänzt durch Abwesenhei­t, während er später bei Biden auf der Tribüne sitzt. Logistisch­e Gründe, heißt es offiziell, was freilich kein neutraler Beobachter glaubt.

Trump hat Biden nie zum Sieg gratuliert. Als er nun über ihn redet, nennt er ihn nicht beim Namen. Zwar wünsche er Bidens Regierung Glück und Erfolg, wie er sagt. Allerdings verbindet er das mit einer gehörigen, für ihn so typischen Prise Selbstlob. Bidens Ausgangspo­sition könnte dank seiner, Trumps, Vorarbeit kaum besser sein. „Ich denke, sie werden große Erfolge haben. Sie haben das Fundament, um etwas wirklich Spektakulä­res zu tun.“Schließlic­h, ehe er zu Klängen des Siebziger-JahreSongs YMCA von den Village People ins Flugzeug steigt, äußert Trump das vage Verspreche­n eines Comebacks – in den Ohren seiner Gegner eher eine Drohung. „Wir werden in irgendeine­r Form zurückkehr­en“, sagt Trump. „Habt ein gutes Leben. Wir sehen uns bald.“

Seit 1869, als Andrew Johnson der Inaugurati­on des Bürgerkrie­gsgenerals Ulysses Grant fernblieb, ist er der erste scheidende Präsident, der die feierliche Amtseinfüh­rung seines Nachfolger­s boykottier­t. Tags zuvor hatte er, sich zum letzten Mal seiner Macht bedienend, 143 Begnadigun­gen ausgesproc­hen. Der prominente­ste Fall: Der Rechtspopu­list Steve Bannon, einst Chefstrate­ge im Weißen Haus, muss sich vor Gericht nicht mehr dafür verantwort­en, dass er um Spenden für den Bau eines Mauerabsch­nitts an der Grenze zu Mexiko trommelte und dann, als das Geld floss, fast eine Million Dollar abzweigte, um seinen opulenten Lebensstil zu finanziere­n.

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FOTO: ANDREW HARNIK/AFP Nur wenige Gäste erleben am Fuß des US-Kapitols mit, wie Joe Biden seinen Amtseid zum 46. Präsidente­n der Vereinigte­n Staaten ablegt.
 ?? FOTO: MANDEL NGAN/AFP ?? Abschied vom Weißen Haus: Donald Trump hat die US-Hauptstadt noch vor dem Amtsantrit­t seines Nachfolger­s Joe Biden verlassen.
FOTO: MANDEL NGAN/AFP Abschied vom Weißen Haus: Donald Trump hat die US-Hauptstadt noch vor dem Amtsantrit­t seines Nachfolger­s Joe Biden verlassen.

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