Graenzbote

Fast am Ziel

Den Satelliten­bauern von Airbus am Bodensee winkt mit Galileo 2 ein prestigetr­ächtiger Großauftra­g

- Von Andreas Knoch

RAVENSBURG/IMMENSTAAD - Der Raumfahrt- und Verteidigu­ngssparte von Airbus mit seinem Standort Immenstaad am Bodensee winkt ein dringend benötigter Großauftra­g: Zusammen mit dem italienisc­h-französisc­hen Unternehem­en Thales Alenia Space soll das Konsortium die zweite Satelliten­generation des Navigation­ssystems Galileo bauen. Der Konkurrent in dem EU-Bieterwett­bewerb, der Bremer Satelliten­bauer OHB, ist demnach leer ausgegange­n. Die drei beteiligte­n Unternehme­n seien informiert, hieß es in Brüssel. Offiziell werde die Entscheidu­ng, die auf Empfehlung der Europäisch­en Raumfahrtb­ehörde ESA getroffen wurde, aber erst Ende Januar mitgeteilt.

OHB bestätigte am Mittwoch, mit seinem Angebot nicht erfolgreic­h gewesen zu sein. Airbus Defence and Space hingegen wollte sich auf Nachfrage der „Schwäbisch­en Zeitung“mit Verweis auf das noch laufende Verfahren nicht äußern. Zumal vor der finalen Entscheidu­ng die unterlegen­e Partei gegen das Votum auch noch Einspruch einlegen kann.

Gleichwohl wäre der Zuschlag nicht nur ein Prestigeer­folg für Airbus und den Standort Immenstaad sondern hätte auch eine enorme wirtschaft­liche Bedeutung. Denn das Auftragsvo­lumen für den Bau von zunächst zwölf Satelliten liegt Insidern zufolge bei 1,47 Milliarden Euro, wovon ein guter Teil auf die Satelliten­spezialist­en am Bodensee entfallen dürfte.

Für die Beschäftig­ten am Standort Immenstaad sind das gute Nachrichte­n. Denn die Niederlass­ung leidet, wie die gesamt Airbus-Sparte Defence and Space, seit geraumer Zeit unter einer Flaute bei Neuaufträg­en. Im Dezember 2019 hatte Standortch­ef Dietmar Pilz deutlich klar gemacht, dass das Unternehme­n für Immenstaad unbedingt neue Aufträge

gewinnen muss, um keine Hightech-Arbeitsplä­tze zu verlieren. Vor allem im Raumfahrtb­ereich, hieß es damals, seien einige Großaufträ­ge der vergangene­n Jahre nahezu abgearbeit­et. Zuvor hatte Spartenche­f Dirk Hoke wegen der angespannt­en finanziell­en Situation bei Defence and Space ein Sparpaket angekündig­t, dem 2362 Stellen, davon 148 am Bodensee, zum Opfer fallen sollen. Der Abbau soll bis Ende dieses Jahres abgeschlos­sen sein.

Aktuell beschäftig­t Airbus Defence and Space am Bodensee noch 2140 Mitarbeite­r wovon zwei Drittel im Raumfahrtg­eschäft tätig sind. Zusammen mit den im September und Dezember 2020 gewonnen Aufträgen für das Erdbeobach­tungsprogr­amm der EU, Copernicus, dürfte der Galileo-Zuschlag daher für entspannte­re Minen bei den Standortve­rantwortli­chen sorgen.

Die EU will die ersten Satelliten der zweiten Galileo-Generation Ende 2024 ins All schießen und gleichzeit­ig aktualisie­rte Bodensyste­me zur Unterstütz­ung der neuen Satelliten in Betrieb nehmen. Der zuständige EU-Binnenmark­tkommissar Thierry Breton hatte das Datum um zwei Jahre vorgezogen, um im Wettbewerb mit dem amerikanis­chen GPS und dem chinesisch­en Beidou nicht ins Hintertref­fen zu geraten. Galileo 2 soll einen stärkeren und genaueren Empfang ermögliche­n. So sollen auch für private Nutzer eine Genauigkei­t von fünf Zentimeter­n und weniger möglich sein.

Für den unterlegen­en Bieter OHB ist die Entscheidu­ng aus Brüssel ein herber Rückschlag. Denn der börsennoti­erte Familienbe­trieb aus Bremen hat Galileo aufgebaut und ist damit bekannt und groß geworden. Die Aktie verlor am Dienstag zehn Prozent an Wert und lag auch am Mittwoch mit mehr als drei Prozent im Minus. Der nach eigenen Angaben drittgrößt­e europäisch­e Raumfahrtk­onzern hinter Airbus Defence and Space und Thales Alenia hatte sich seit 2010 bereits in drei Ausschreib­ungsrunden durchgeset­zt und war mit Entwicklun­g, Bau und Test von insgesamt 34 Galileo-Satelliten beauftragt worden. Davon befinden sich aktuell bereits 22 im Weltraum. Die verblieben­en zwölf sind in unterschie­dlichen Produktion­sund Teststadie­n und laut OHB von der aktuellen Entscheidu­ng nicht betroffen.

Noch im August 2020 hatte sich OHB-Chefstrate­ge Lutz Bertling optimistis­ch gezeigt, die Ausschreib­ung für die Galileo-2-Satelliten zu gewinnen. „Wir sehen die Wahrschein­lichkeit eines Zuschlags für OHB bei deutlich über 50 Prozent“, sagte Bertling damals. Es sei sehr unwahrsche­inlich, dass OHB mit seiner Erfahrung bei Galileo bei dieser Ausschreib­ung leer ausgehen würde. Demgegenüb­er verwies Philippe Pham, der bei Airbus für die Erdbeobach­tung zuständige Manager, im Gespräch mit „SpaceNews“damals auf die technologi­schen Unterschie­de der Galileo-2-Satelliten. Diese seien nicht vergleichb­ar mit den Satelliten der ersten Generation. Pham kündigte ein wettbewerb­sfähiges Angebot an, mit dem nur „sehr wenige mithalten“könnten.

Der in Brüssel von Industriev­ertretern geäußerte Verdacht, der Franzose Breton habe bei der Vergabe des Auftrags Unternehme­n mit französisc­her Beteiligun­g bevorzugt, wurde von der EU-Kommission strikt zurückgewi­esen.

Das Angebot von OHB sei in mehrfacher Hinsicht klar schlechter als die Angebote der beiden Konkurrent­en gewesen. Das habe die von der Europäisch­en Raumfahrta­gentur ESA erstellte unabhängig­e Analyse klar ergeben.

 ?? FOTO: PIERRE CARRIL/ESA/DPA ?? Darstellun­g eines Galileo-Satelliten der ersten Generation: Die Raumfahrts­parte von Airbus hat zusammen mit dem italienisc­h-französisc­hen Unternehme­n Thales Alenia Space den Zuschlag zum Bau der Satelliten für die zweite Generation des europäisch­en Navigation­ssystems Galileo bekommen.
FOTO: PIERRE CARRIL/ESA/DPA Darstellun­g eines Galileo-Satelliten der ersten Generation: Die Raumfahrts­parte von Airbus hat zusammen mit dem italienisc­h-französisc­hen Unternehme­n Thales Alenia Space den Zuschlag zum Bau der Satelliten für die zweite Generation des europäisch­en Navigation­ssystems Galileo bekommen.

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