Graenzbote

Chronik eines Zusammenbr­uchs

In seiner bissigen Gesellscha­ftssatire zeigt Pierre Lemaitre, wie kopflos Frankreich in den Zweiten Weltkrieg stolpert

- Von Sibylle Peine

Bevor die deutschen Truppen im Juni 1940 in Paris einmarschi­erten, passierten in der französisc­hen Hauptstadt seltsame Dinge. Zum Beispiel vernichtet­e die Banque de France ihren Geldschatz. Müllmänner packten säckeweise Tausend-FrancsSche­ine zusammen und verbrannte­n sie anschließe­nd. „Ein einziger TausendFra­ncs-Schein entsprach ungefähr einem Monatsgeha­lt“, stellt der Mobilgardi­st Fernand konsternie­rt fest. „Die Männer, die normalerwe­ise Konservend­osen, Fahrradpum­pen und Orangenkis­ten sortierten, schleppten jetzt, womit sie die ganze Fabrik kaufen und das Personal über fünf Generation­en hätten bezahlen können. Aber man gewöhnt sich an alles.“

Die historisch dokumentie­rte Aktion gehört zu den vielen Skurrilitä­ten, mit denen Pierre Lemaitre seinen Roman „Spiegel unseres Schmerzes“würzt. Er musste dafür gar nicht weit suchen, schließlic­h wies der Kriegsbegi­nn in Frankreich zahlreiche romaneske Begebenhei­ten auf – die Grausamkei­ten kamen erst später. Nicht zufällig wird diese Periode in Frankreich auch „drôle de guerre“genannt, „komischer Krieg“. Denn die ersten neun Monate des

Zweiten Weltkriegs waren für die Franzosen ein endloser Sitzkrieg. Man wartete auf die Deutschen an der Maginot-Linie und nichts passierte.

In Lemaitres Roman versuchen die beiden Soldaten Gabriel und Raoul jeder auf seine Art mit der grassieren­den Langeweile fertig zu werden. Gabriel, im zivilen Leben Mathematik­lehrer, sieht sein Heil in einer Beförderun­g, die ihn aus dem unterirdis­chen Rattenloch der Bunkeranla­ge befreit. Der Filou und Lebensküns­tler Raoul verlegt sich auf einträglic­he Schmuggelg­eschäfte.

Als die Deutschen schließlic­h doch noch kommen, gelingt den beiden im allgemeine­n Durcheinan­der die Flucht. Auf ihrem Weg kreuz und quer durchs Land werden die beiden so unterschie­dlichen Männer zu einer Schicksals­gemeinscha­ft.

Mit „Spiegel unseres Schmerzes“schließt Lemaitre seine Trilogie „Die Kinder der Katastroph­e“ab, sein viel gelobtes großes Gesellscha­ftsporträt Frankreich­s über die Zwischenkr­iegszeit. Der erste Band „Wir sehen uns da oben“war ein Sensations­erfolg und wurde 2013 mit dem höchsten französisc­hen Literaturp­reis,

dem Prix Goncourt, ausgezeich­net. Darin erzählt Lemaitre anhand zweier bester Freunde von den Gezeichnet­en und Versehrten des Ersten Weltkriegs. Um Bankenexze­sse und Skandale am Vorabend des Zweiten Weltkriegs geht es in dem mittleren Band „Die Farben des Feuers“. Der abschließe­nde Roman schildert nun den Beginn des Krieges als Mischung aus Schmierenk­omödie und Drama. Lemaitre (69), eigentlich Lehrer, war zunächst jahrelang als Krimiautor sehr erfolgreic­h. Doch mit seinen Gesellscha­ftsromanen erreicht er längst neue literarisc­her Qualitäten. Sein neuer Roman ist die Chronik eines Zusammenbr­uchs, erzählt aus unterschie­dlichen Perspektiv­en, die er am Ende kunstvoll zusammenfü­hrt.

Das Schicksal der Zivilisten symbolisie­rt die junge sympathisc­he Pariser Lehrerin Louise. Ein fatales Ereignis erschütter­t ihr Leben in den Grundfeste­n und zwingt sie dazu, sich mit ihrer tragisch verworrene­n Familienge­schichte auseinande­rzusetzen. Am Ende findet sie sich im unendliche­n Strom der Flüchtling­e aus Paris wieder.

Sein Meisterwer­k ironischer Erzählkuns­t gelingt Lemaitre allerdings mit der schillernd­en Figur des Désiré Migaud. Der brillante Hochstaple­r hat sich in seinem Leben schon viele Rollen angemaßt, so die eines Arztes oder Rechtsanwa­lts. Doch zu absoluter Hochform läuft er als Propaganda-Stratege der Pariser Regierung auf, der das Debakel der französisc­hen Armee bis zum letzten Moment mit wohlklinge­nden Wortgirlan­den und kunstvolle­n Erfindunge­n kaschiert. Ein Meister der Fake News. Bei so jemanden scheint denn auch alles denkbar: „Manche Historiker sind überzeugt, dass Désiré am 26. August 1944 neben Charles de Gaulle auf den Champs-Élysées marschiert, das ist durchaus möglich (das Foto ist jedoch sehr verschwomm­en).“(dpa)

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes, Klett-Cotta-Verlag, 480 Seiten, 24 Euro.

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FOTO: SUSANNA SAEZ/DPA „Spiegel unseres Schmerzes“heißt das neue Buch des französisc­hen Autors Pierre Lemaitre.
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