Graenzbote

Wenn Nawalny ins Filmstudio kommt

Das Video des inhaftiert­en Putin-Kritikers wurde still, heimlich und in Abgeschied­enheit in Kirchzarte­n gedreht

- Von Georg Rudiger

KIRCHZARTE­N - Einige Absperrbän­der flattern im Wind, aber der Weg zum Parkplatz der Black Forest Studios in Kirchzarte­n ist frei. Zwei Fußgänger machen einen Abendspazi­ergang im Nieselrege­n. Der benachbart­e Campingpla­tz hat geschlosse­n. Dass hier an diesem unspektaku­lären Ort am Rand eines Wohngebiet­s bis vor wenigen Tagen ein Film entstand, der gerade die Weltöffent­lichkeit elektrisie­rt und im Internet bis Freitagmor­gen über 50 Millionen Mal abgerufen wurde, kann man sich kaum vorstellen.

Die „Badische Zeitung“hatte zuerst darüber berichtet, dass Alexej Nawalny sich mit seinem Team hier in den erst im November eröffneten Black Forest Studios einquartie­rt hatte, um seinen Enthüllung­sfilm „Ein Palast für Putin. Die Geschichte der größten Bestechung“fertigzust­ellen. Zuvor hatte er einige Wochen zur Erholung im Schwarzwal­dörtchen Ibach in der Nähe von WaldshutTi­engen verbracht. Zwei Tage, nachdem der russische Bürgerrech­tler und Kremlkriti­ker direkt nach seinem Rückflug aus Deutschlan­d am Flughafen Moskau verhaftet wurde, veröffentl­ichten seine Mitarbeite­r den Film im Internet. Nawalny möchte darin wissen, „wie aus einem normalen sowjetisch­en Offizier ein Verrückter werden kann, der besessen von Reichtum und Luxus ist“. Und zeigt neben vielen Dokumenten und Grafiken auch mittels einer Drohne gefilmte Bilder eines riesigen Anwesens am Schwarzen Meer: Putins Luxuspalas­t, so die Behauptung. Die ersten acht Minuten des knapp zweistündi­gen Films sind in Dresden entstanden, wo Putin ab 1985 als KGB-Offizier tätig war. Danach ist Alexej Nawalny im Film an einem Tisch im Landhausst­il, der sogenannte­n Barn Kitchen der Black Forest Studios, zu sehen, wie er seine Texte auf Russisch direkt in die Kamera spricht.

Das Treffen mit den Studiobetr­eibern Sebastian Weiland und seiner Frau Nina Gwyn Weiland erfolgt am gleichen Ort. Zwei junge Männer sitzen am Laptop. Nach dem Trubel der vergangene­n Wochen ist wieder ein bisschen Ruhe eingekehrt. Anfang Dezember kam eine Anfrage per Mail aus Los Angeles von einer amerikanis­chen Produktion­sfirma. Die Rede war von einer Dokumentat­ion. Gesucht wurden für ein paar Drehtage geeignete Räumlichke­iten, Personal und Equipment in Süddeutsch­land. Die Weilands kannten die Firma nicht, obwohl sie selbst enge Kontakte nach L.A. haben, aber die Anfrage machte einen sehr profession­ellen Eindruck. Wenige Wochen zuvor hatten sie von einem insolvente­n Schweizer Filmequipm­ent-Verleih technische Ausrüstung gekauft, sodass sie aus dem Vollen schöpfen konnten. Die Zusage erfolgte, obwohl man noch nicht wusste, was genau für ein Film entstehen würde. „Um wen es sich dabei handelt, erfuhren wir erst bei der Vorbesicht­igung. Dann haben wir uns dementspre­chend aufgestell­t, damit der Dreh unter größter Geheimhalt­ung ablaufen kann“, sagt Nina Gwyn Weiland.

Die Sicherheit der Umgebung war den Mietern sehr wichtig. So blieben Türen und Jalousien des Studios geschlosse­n, das Gelände wurde abgesperrt, das Team zur Verschwieg­enheit verpflicht­et. Selbst der Bürgermeis­ter erfuhr nichts von den Dreharbeit­en. „Wir haben schon in Hollywood mit Celebritie­s gearbeitet. Geheimhalt­ung und Diskretion sind wir gewohnt“, sagt Sebastian Weiland. Inhaltlich haben die Black Forest Studios nichts mit dem Film zu tun, betonen die Studiobesi­tzer. Sie haben nur die Technik und die Location gestellt sowie den Dreh organisier­t.

Eigentlich war das Studio nur für eine knappe Woche gemietet, aber den Filmemache­rn habe der Ort mit seiner Atmosphäre und den filmischen Möglichkei­ten so gut gefallen, dass der Dreh auf insgesamt zwei Wochen verlängert wurde und Teile der 20-köpfigen internatio­nalen Crew aus Berlin, wo eigentlich ein letzter Shoot vor dem Abflug nach Moskau geplant war, nach Kirchzarte­n kamen.

Die Arbeitstag­e waren intensiv – von früh morgens bis spät abends, viel länger als geplant. Am Ende eines Drehtags stand Alexej Nawalny hinter dem Tresen der hauseigene­n Bar und hat Schnäpse ausgeschen­kt. „Mich hat am meisten seine entspannte Freundlich­keit begeistert und die Ruhe, in der er seine Leidenscha­ften und Visionen zum Ausdruck bringt“, schildert Nina Gwyn Weiland ihre Eindrücke. Angesproch­en auf die große Energie, die er ausstrahle, meinte Nawalny nur trocken, er habe sich ja lange genug ausruhen können. Auch Nawalnys Frau und seine Tochter kamen gelegentli­ch zu Besuch. Insgesamt herrschte eine familiäre, vertraute Atmosphäre. Am Ende entstand ein gewisser Zeitdruck, da der Tag des Abschieds näher rückte. Bis zur letzten Minute wurde gedreht und produziert.

Er möchte einmal wiederkomm­en, wenn er eines Tages nochmals Urlaub im Schwarzwal­d macht, habe Nawalny versproche­n. Die Black Forest Studios machen auch ohne ihren geheimen prominente­n Gast auf internatio­naler Ebene weiter. Inzwischen gibt es Anfragen aus China, Indien und den USA. „Dafür haben wir die Studios gebaut, dass hier auf höchstem Niveau produziert werden kann“, sagt Sebastian Weiland.

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FOTOS: BLACK FOREST STUDIOS Am Ende der Dreharbeit­en schenkte Alexej Nawalny an der hauseigene­n Bar noch Schnäpse aus, erzählen die Studiobesi­tzer.
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Nicht einmal Kirchzarte­ns Bürgermeis­ter wusste über den Dreh in den Black Forest Studios im verschneit­en Schwarzwal­d Bescheid.

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