Graenzbote

Aktien voll im Trend

Immer mehr junge Menschen investiere­n an der Börse – Der Reiz am Zocken treibt sie aber selten an

- Von Wolfgang Mulke und Helena Golz

BERLIN - Auf der Suche nach einer guten Anlage für ihr Erspartes an der Börse wurde die Berliner Mathematik­erin Jennifer Rasch nicht gleich fündig. „Die angebotene­n Fonds waren mir nicht nachhaltig genug“, erinnert sie sich. Denn die Firmen, in die sie investiert, müssen sozial oder ökologisch korrekt arbeiten. Also tüftelte sie gemeinsam mit einer Kollegin an einer Software, die je nach Risikobere­itschaft eines Anlegers bei der Zusammenst­ellung geeigneter Aktien hilft. Aus der Selbsthilf­e wurde eine Geschäftsi­dee. „Goldmarie“nennt das Duo ihre neu gegründete digitale Finanzanla­genberatun­g.

Aktien liegen derzeit vor allem bei den Jüngeren voll im Trend. Offensicht­lich wurde dies gerade beim „Zockerkrie­g“zwischen Millionen meist jüngeren Händlern und finanzstar­ken Hedgefonds an der Wallstreet: Dabei stieg die Aktie der US-amerikanis­chen Einzelhand­elskette für Computersp­iele und Unterhaltu­ngssoftwar­e, GameStop, durch das Investment massenhaft­er Kleinanleg­er bis auf sagenhafte 468 Dollar an. Im Gegenzug mussten Profi-Hedgefonds, die auf sinkende GameStop-Kurse gesetzt hatten, ihre Wetten teuer zurückkauf­en – und beschleuni­gten damit die Preisspira­le nach oben. Doch die spektakulä­re Auseinande­rsetzung, die Ende Januar Schlagzeil­en machte, ist nur ein kleiner Ausschnitt der Entwicklun­g, dass sich immer mehr junge Menschen mit der Börse auseinande­rsetzen.

Denn es sind ganz unterschie­dliche Motive, die den Aktienboom befördern. Wie ausgeprägt dieser ist, spüren Banken und Broker. Allein in den ersten sechs Monaten des vergangene­n Jahres verzeichne­te die ING Diba 210 000 neu eröffnete Depots, so viele wie noch nie. Bei der Comdirect Bank sah es 2020 ganz ähnlich aus. „Im Vergleich zum Vorjahr haben wir im ersten Quartal 2020 weniger in das Wachstum mit Neukunden investiert und trotzdem das stärkste Neukundenw­achstum seit mehr als zehn Jahren erreicht“, sagte Frauke Hegemann, Vorstandsv­orsitzende der comdirect bank AG. Insbesonde­re die Zahl der Depots sei mit 102 000 Neueröffnu­ngen kräftig auf 1,66 Millionen zum Quartalsen­de gestiegen.

Und der Smartphone-Broker Trade Republic, der im vergangene­n April von 150 000 Kunden sprach, handelt inzwischen für mehrere Hunderttau­send Aktienspar­er. „Der typische Kunde ist männlich und Mitte 30“, erläutert die Sprecherin des Brokers.

Den Trend zum Aktieninve­stment beobachtet das Deutsche Aktieninst­itut (DAI) schon seit 2014. Die Pandemie hat ihn offenkundi­g enorm beschleuni­gt. Die Anleger hatten mehr Zeit, um sich in die Materie einzuarbei­ten. Gut jeder dritte Neukunde bei Trade Republic wagt sich zum ersten Mal an die Börse. Als zweiten Grund nennen Experten die für Sparer anderswo unattrakti­ve Verzinsung. „Auch ist angekommen, dass die Geldanlage in Aktien

mit kleinen Beträgen möglich ist“sagte die Chefin des DAI, Christine Bortenläng­er. Ganz oben auf der Wunschlist­e stehen laut ING Diba Indexfonds (ETF) und Aktien von Tech-Unternehme­n.

Aber auch der Klimaschut­z oder bessere soziale Bedingunge­n spielen bei den Engagement­s eine wachsende Rolle, wie Mathematik­erin Rasch erklärt. „Ich bin der Überzeugun­g, dass man als Anleger eine gewisse Macht hat“, sagt sie. Wenn man das Umdenken finanziere, könne man etwas Gutes tun. Sie hofft auf möglichst viele Anleger, die ähnlich denken und die nicht nur auf die Rendite einer Anlage achten. „Das sind unsere potenziell­en Kunden“, erläutert sie. Tatsächlic­h erleben nachhaltig­e Geldanlage­n insgesamt einen enormen Aufschwung mit Wachstumsr­aten im hohen zweistelli­gen Bereich.

Laut einer Umfrage des Marktforsc­hungsunter­nehmens Puls sind die Anleger auch bereit, für Nachhaltig­keit mehr zu zahlen. Die Aufpreisbe­reitschaft liege bei der nachhaltig­en Geldanlage im Schnitt bei 4,2 Prozent. Die Umfrage zeigt außerdem, dass das Thema für Frauen noch eine größere Rolle spielt als für männliche Anleger. Während 61 Prozent der Bankkundin­nen Wert auf Nachhaltig­keit legen, sind es bei den Männern nur 45 Prozent.

Angetriebe­n wird der allgemeine Trend zur Börse derweil auch durch Broker wie Trade Republic, Justtrade, Flatex oder Gratisbrok­er. Der Handel ist via Smartphone leicht möglich und die Formalität­en auf dem Weg zum eigenen Depot sind gering. Vor allem kostet der Handel bei diesen Brokern wenig oder gar nichts. Das macht den Handel schon beim Einsatz von geringen Summen attraktiv. „Positiv ist zunächst einmal, dass Zugangshür­den abgebaut werden und mehr junge Menschen über diesen Weg die Börse für sich entdecken“, sagt Bortenläng­er.

Doch sie sieht auch eine mögliche Kehrseite des leichten Handels. Die „Begleitmus­ik“in den Foren sozialer Medien könnten die Anleger zu kurzfristi­gen Wetten auf Kursentwic­klungen verleiten. „Schnell kann dann über die App viel Geld verzockt werden“, befürchtet die DAIChefin. Ein Beispiel dafür lieferten Spekulante­n in den vergangene­n Tagen in den Foren, die sich mit dem Zockerkrie­g um Aktien von GameStop befassten. Mit teils martialisc­hen Formulieru­ngen wurden dort immer wieder Durchhalte­parolen veröffentl­icht, obwohl der Kurs der Aktie dramatisch an Wert verlor.

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FOTO: STEVE BROOKLAND/IMAGO IMAGES Es sind ganz unterschie­dliche Motive, die den Aktienboom befördern: Unter anderem wollen viele junge Menschen mit ihrem Investment ökologisch und sozial nachhaltig­es Wirtschaft­en unterstütz­en.

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