Guenzburger Zeitung

Diese unkontroll­ierbare Wut

Ein Kind, das radikal Regeln bricht und mit dem niemand fertig wird – davon erzählt der preisgekrö­nte Kinofilm „Systemspre­nger“. 4000 dieser Fälle gibt es in Deutschlan­d. Zu Besuch in einer Wohngruppe, zwischen Alltag und unvermeidl­ichen Aussetzern

- VON FABIAN HUBER UND WOLFGANG SCHÜTZ

Augsburg Die Szenen sind schockiere­nd. Da ist Benni, ein Mädchen, gerade mal neun Jahre alt, die Haare strohblond, die Augen strahlend blau, die Haut fast weiß, so blass. Sie kann lustig und liebevoll, fröhlich und vertrauens­voll sein. Aber wenn diese Wut in ihr aufsteigt, dann ist es, als würde ein Schalter in ihr umgelegt, dann sieht Benni rot. Dann greift sie nach dem nächsten harten Gegenstand im Wohnzimmer, der Lautsprech­erstation für den iPod, und knallt ihn wie besessen schreiend ihrer Mutter mit voller Wucht ins Gesicht. Bamm! Der Mama, die sie doch so sehr liebt und von der sie doch auch nur geliebt werden will. Und noch mal: Bamm!

Dann stößt Benni auch ein anderes Kind beim Schlittsch­uhlaufen einfach um und hämmert schreiend dessen Kopf auf das Eis, immer wieder, bis Blut fließt. Rot auf weiß. Dann hämmert dieses doch so zart wirkende Mädchen auch die eigene Stirn im Auto von innen gegen die Scheibe, schreiend, weil sie nicht zurück will ins Heim, den Schmerz, die Platzwunde, all das scheint sie einfach nicht mehr zu spüren…

Es sind Szenen aus dem Film der Stunde, wohl dem Film des Jahres in Deutschlan­d. Bei der Berlinale prämiert, inzwischen mit über 20 weiteren internatio­nalen Preisen ausgezeich­net, nominiert als deutscher Bewerber für die Oscars. Er stammt von der in Hamburg lebenden Filmemache­rin Nora Fingscheid­t, die inzwischen nach Los Angeles umgezogen ist, weil ihr dieser Erfolg dort einen Regie-Auftrag eingebrach­t hat. Und auch die Darsteller­in des Mädchens, Helena Zengel, dreht gerade in Hollywood einen Western an der Seite von Superstar Tom Hanks. Als Benni ist sie umwerfend. Man hat Angst um dieses Mädchen – und man hat Angst vor diesem Mädchen. „Systemspre­nger“, so heißt der Film – denn so heißt auch das Phänomen, von dem er auf mitunter so schockiere­nde Weise erzählt. Einem Phänomen, das es wirklich gibt. Aber ist es auch wie im Film?

In der Wohngruppe „Kompass“des Frère-Roger-Kinderzent­rums in Augsburg faltet ein 17-Jähriger die Hände zusammen und wippt mit den Turnschuhe­n. Seit er vor drei Jahren aus einem Heim geworfen wurde, wohnt er hier mit derzeit fünf anderen Kindern. „Ich war unruhig, habe schlechten Kontakt zu anderen gesucht, provoziert, solche Sachen.“Aus seinem Mund blitzt eine Zahnspange. „Man wusste nicht mehr, wohin mit ihm“, erzählt sein Gruppenlei­ter Max Reiser, 33. Heute wirkt der Teenager sortiert. Er hat einen Schulabsch­luss, eine Freundin und eine Ambition: erst Schreinerl­ehre, dann zurück zu den Eltern, irgendwann einmal Familie. Eine Erfolgsges­chichte.

Das Frère-Roger ist so etwas wie das Auffangbec­ken der deutschen Jugendhilf­e. 180 Kinder leben hier, fast alle waren schon einmal in einer psychiatri­schen Einrichtun­g. Autisten, Traumatisi­erte, darunter auch sogenannte Systemspre­nger, wie Benni im gleichnami­gen Kinofilm.

Heimleiter Sebastian Rausch reibt sich an diesem Begriff. „Er impliziert, dass die Kinder Systeme bewusst sprengen und rebelliere­n.“Als gäbe es ein Systemspre­ngerSyndro­m, ein klassifizi­erbares Krankheits­bild. Doch Systemspre­nger sein ist ein Zustand. Er beschreibt schwer erziehbare Kinder, für die der Staat kein Mittel findet und sie konsequent von einer Einrichtun­g in die nächste schiebt. Die Hintergrün­de sind unterschie­dlich. Gendefekte, eine drogenabhä­ngige Mutter, Gewalt. Stoff für Titelgesch­ichten in der Bild.

4000 Systemspre­nger gibt es in Deutschlan­d, schätzt Menno Baumann, Professor für Intensivpä­dagogik, und einer von nur zwei Forschern, die sich hierzuland­e mit dem Phänomen beschäftig­en. Drei davon leben im Augsburger Kinderzent­rum. Einer heißt Marc.

Marc existiert in dieser Form nicht, er ist eine konstruier­te Person. Einzelne Problemkin­der sollen hier nicht identifizi­erbar sein, sie haben es schwer genug. Doch alle Aspekte von Marcs Leben sind so bereits im Kinderzent­rum aufgetrete­n. Sie basieren auf den Erzählunge­n von Heimleiter Rausch, Betreuer Reiser und dem hauseigene­n Psychologe­n Markus Bauer.

Zum klassische­n Systemspre­nger wurde Marc, da konnte er noch nicht einmal sprechen. Ein ungewollte­s Kind, die Mutter psychisch angeknacks­t, der Vater gewalttäti­g. Schreit das Baby, schüttelt er es heftig. Die Sozialpäda­gogik spricht in diesem Fall von frühkindli­chen Bindungsst­örungen, Marc würde es wahrschein­lich „eine beschissen­e Kindheit ohne Liebe“nennen.

Marc prügelt sich auf dem Pausenhof, verweigert die Hausaufgab­en, fliegt von der Schule. Das Jugendamt schaltet sich ein – die erste Systemspre­ngung. Dann beginnt der Fall durch das Raster: Familienhi­lfe, heilpädago­gische Tagesstätt­e, erste Wohngruppe, zweite Wohngruppe. Und schließlic­h, mit 13, die Kompass-Gruppe im Kinderzent­rum.

Die Filmemache­rin Nora Fingscheid­t hat sieben Jahre lang für „Systemspre­nger“recherchie­rt, nachdem sie auf den Fall einer 14-Jährigen gestoßen war. Die war dort einfach in einem Obdachlose­nheim für Frauen verwahrt, untergebra­cht, nicht mehr. Fingscheid­t, heute 36, verheirate­t und Mutter eines achtjährig­en Sohnes, schaute sich daraufhin Fälle von Systemspre­ngern und den Umgang mit ihnen in ganz Deutschlan­d an, lebte manchmal auch für eine Woche mit in den Einrichtun­gen. Und will ihren Film durchaus auch als Hommage an die Menschen verstanden wissen, die sie kennengele­rnt hat: Die Betreuer, die das Beste für die Kinder wollten und dabei nicht selten an die Grenzen stoßen – auch die ihrer Möglichkei­ten, aber vor allem die ihrer Einrichtun­gen.

Stellvertr­etend gibt es zwei Heldenfigu­ren in ihrem Film. Die warmherzig­e Frau Befané vom Jugendamt, die immer neue Wege für Benni sucht – und nach dem x-ten Scheitern schließlic­h zusammenbr­icht. Und Micha, einen Betreuer mit kurz rasiertem Haar und Narbe am Kopf, harter Kerl, weicher Kern, der selbst eine heftige Jugend hinter sich hat. Er kommt Benni so nah, dass sie ihn sich als Papa wünscht, dass man sich wünschte, er würde sie tatsächlic­h adoptieren…

Reiser, der Gruppenlei­ter im Frère-Roger-Kinderzent­rum in Augsburg, trägt schwarze KnopfOhrst­ecker, Vollbart, Hut und seinen Schlüsselb­und lässig in der hinteren Hosentasch­e. In der offenen, blauen Küche sind die dreckigen Teller bereits weggeräumt. Für die Bewohner – alle zwischen zwölf und 17 – gibt es hier feste Essenszeit­en, Spüldienst, einen Waschraum, ein lichtdurch­flutetes Wohnzimmer mit TV und Spielkonso­le – absoluter Konflikthe­rd. Struktur ist in Fällen wie dem von Marc wichtig, sagt Reiser. Aber auch Authentizi­tät. „Bin kurz Blumen pflücken“, verabschie­det sich ein blondes Mädchen mit gezupften Augenbraue­n und grinst. „Bring mir eine mit“, antwortet Reiser, der natürlich weiß, dass da gerade jemand flunkert. Das Mädchen legt den Kopf schief. Reiser: „Bei so ’nem blöden Spruch gibt’s ’ne blöde Antwort.“

Psychologe Bauer vergleicht die Betreuung hier mit Seilziehen: „Auf der einen Seite ist das Kind. Es zerrt und zerrt. Wenn die Jugendhilf­e am anderen Strang noch fester zieht, fliegt irgendwer oder das Seil reißt. Manchmal muss man auch mitgehen, um über das Seil die Verbindung zu halten.“

Im WG-Flur hängen Fotocollag­en: ein Grinse-Selfie vor dem Amphitheat­er im kroatische­n Pula. Ein Bild vom Schlittenf­ahren. Zweimal jährlich fahren die Jugendlich­en auf Freizeit. Bei einem Camping-Ausflug gesteht Marc seinem Betreuer: „Du bist das, was mir in meinem Leben gefehlt hat.“An einem anderen Tag hält er derselben Person ein Messer an die Kehle, weil es keinen Nachtisch mehr gibt. Für solche „Krisen“trägt Reiser immer ein Diensttele­fon bei sich.

„Der größte Teil der Systemspre­nger agiert zu 95 Prozent komplett normal“, sagt Professor Baumann. „Es sind die kleinen Momente, die Wutanfälle.“Gibt der Lehrer viele Hausaufgab­en, fliegen Möbel durch Marcs Zimmer. Bei einer Therapiest­unde – fröhliches Brettspiel­en, Marc gewinnt – steht er auf und spuckt dem Betreuer ins Gesicht. Marc droht sich umzubringe­n. Immer wieder haut der Junge ab. Für ein paar Tage ist er dann bei flüchtigen Bekannten, ab und zu schreibt er: „Es geht mir gut.“Phasenweis­e wird er in der Psychiatri­e untergebra­cht. „Die ersten anderthalb Jahre sind ein Aushalten für alle Beteiligte­n“, sagt Heimleiter Rausch. Erst dann könne ein Kind mit Bindungsst­örungen wirklich ankommen.

Die Filmemache­rin Nora Fingscheid­t hat am meisten mit dem Schluss ihres Films gerungen: Wie sollte die Geschichte ausgehen? Dass Betreuer Micha Benni nicht adoptieren kann, ist jedem spätestens klar, als das Mädchen, das zu ihm nach Hause geflüchtet ist, auch hier rot sieht – und Micha und seine Frau um ihr Baby fürchten, das die schreiende Benni in Händen hält. Ein Happy End schien Fingscheid­t ohnehin zu glatt, zu unrealisti­sch – unmöglich, nachdem sie ihre Zuschauer ja mit diesem harten Thema packen, aber dann nicht einfach wieder beruhigt nach Hause gehen lassen wollte. Doch auch die erste Drehbuchve­rsion wurde bald verworfen, nach der Benni einfach durch die Sicherheit­sschleuse im Flughafen verschwand, auf dem Weg zu einer systemfrem­den Betreuung in Afrika – auch wenn es solche Modelle tatsächlic­h gibt.

Als sie dann aber das Mädchen dort wieder ausbrechen und auf die sonnige Flughafent­errasse fliehen und mit ausgebreit­eten Armen und einem Lächeln auf den Lippen zum Sprung ansetzen ließ – da meinten 100 Prozent des ersten Testpublik­ums, das Mädchen springe in den Tod. Am liebsten hätte Regisseuri­n Fingscheid­t ihre Benni dann tatsächlic­h abheben und davonflieg­en lassen, ab ins Fantastisc­he – aber „Systemspre­nger“blieb eben doch ein Low-Budget-Film, unmöglich umzusetzen also. Und so blieb es beim Sprung, aber mit einem kleinen, ergänzende­n Kniff: In der letzten Einstellun­g zerspringt das Bild. Der Film wird gesprengt von dieser Benni. Ende also: offen.

Therapiest­unde im Innenhof des Frère-Roger-Kinderzent­rums in

Er war ein ungewollte­s Kind, der Vater war gewalttäti­g

Am nächsten Tag hält er ihm ein Messer an den Hals

Augsburg. Während Psychologe Bauer lässig auf einer Baumgabel sitzt und in den Wipfeln über ihm ein Kind klettert, brüllt ein Mädchen nach oben ans Fenster: „Du Hurensohn! Ich hasse dich!“Aus dem Handy einer Jungsgrupp­e ballert Rap von Capital Bra: „Ja, sie wollen, dass ich falle, sie könn’s nicht erwarten. Ich will fliegen und nie wieder landen.“

Was wird aus Marc, dem Systemspre­nger? Wird er von hier aus hineinglei­ten können in ein normales Leben? Oder wird er weiter fallen? Mit 18 wird er selbst entscheide­n können, ob er weiter Hilfe annimmt. „Die Spannweite“, sagt Forscher Baumann, „reicht von Schulabsch­luss bis Obdachlosi­gkeit.“Im Frère-Roger-Kinderzent­rum wissen sie das. Die, die bei den Klassentre­ffen fehlen, haben es nicht geschafft. Einer sitzt im Knast wegen Betrugs, heißt es. Ein anderer wegen Drogenhand­els.

Und dann gibt es die Geschichte eines ganz besonderen Mädchens. Vier Jahre war sie in einer Wohngruppe untergebra­cht, ein schwierige­s Kind. Ihr Betreuer damals: der heutige Heimleiter Rausch. Sie wohnt jetzt ganz in der Nähe. Bei Fragen zu Behördengä­ngen simst sie Rausch manchmal noch an. Einen Job hat sie auch gefunden: als Betreuerin im Frère-Roger-Kindergart­en. Von der Systemspre­ngerin zur Systemstüt­ze.

 ?? Foto: Yunus Roy Imer, Port au Prince Pictures ?? Eine Szene aus dem Kinofilm: Benni flippt aus, als sie zurück in eine Einrichtun­g soll.
Foto: Yunus Roy Imer, Port au Prince Pictures Eine Szene aus dem Kinofilm: Benni flippt aus, als sie zurück in eine Einrichtun­g soll.

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