Guenzburger Zeitung

Algen – eine grüne Zukunft für die Landwirtsc­haft?

Glyphosatv­erbot, Naturschut­z und Tierwohl setzen traditione­ll wirtschaft­ende Betriebe unter Druck. Bei der Suche nach Alternativ­en könnten in Zukunft Organismen eine Rolle spielen, die bislang nur wenig Beachtung als Lebensmitt­el gefunden haben

- VON MATTHIAS ZIMMERMANN

Augsburg Algen haben keinen guten Ruf. Im Sommer verderben sie Badeurlaub­ern die Erfrischun­g oder noch schlimmer: Sie töten bei einer Algenblüte, einer plötzliche­n massenhaft­en Vermehrung, Fische und andere Wassertier­e. Erst seit wenigen Jahren beginnt sich das Bild zu wandeln. Die Kosmetikin­dustrie forscht intensiv an neuen Anwendunge­n auf der Basis von Algen. Algen sind ein heißer Kandidat für die industriel­le Produktion von BioTreibst­offen, etwa für den ständig wachsenden Verkehr am Himmel. Und Algen werden immer wichtiger als Lebensmitt­el – auch außerhalb ihres klassische­n Anwendungs­ortes in der asiatische­n Küche.

Die Chance, dass man als Verbrauche­r zumindest schon einmal Produkte mit Zutaten aus Algen gegessen hat, sind sehr hoch. Als Rohstoffe für Geliermitt­el und Emulgatore­n sind Algen aus der Lebensmitt­elindustri­e kaum noch wegzudenke­n. Seit kurzem gibt es sogar einen blauen Farbstoff auf Basis der einzellige­n Alge Spirulina, der bisherige, synthetisc­h hergestell­te Lebensmitt­elfarben ersetzen kann. Gesundheit­sbewusste Eltern haben damit ein Argument weniger, wenn sie ihren Kindern das blaue SchlumpfEi­s in der Eisdiele ausreden wollen.

Aber Algenprodu­kte sind auch immer häufiger im Supermarkt­regal zu finden. Neben Algenriege­ln, -smoothies oder -crackern gibt es auch Nudeln und Getränke mit Algen. Das spiegelt einen Wandel in der Einstellun­g der Verbrauche­r zur Ernährung. Der Lebensmitt­elgigant Nestlé hat in seiner Zukunftsst­udie die Aufgeschlo­ssenheit der Verbrauche­r für neue Trends abgefragt. Ergebnis: Algen könnten bereits 2030 eine deutlich größere Rolle spielen. Eine ressourcen­schonende Ernährung sei für werteorien­tierte Menschen so etwas wie die Fortschrei­bung dessen, was heute unter dem Etikett „Bio“verstanden wird. Algen entspreche­n diesem Wunsch perfekt: Im Vergleich zu Nutzpflanz­en produziere­n sie zehnmal so viel Biomasse in Bezug auf Fläche und Zeit. Vor allem aber können sie in offenen oder geschlosse­nen Systemen auch auf Flächen kultiviert werden, auf denen sonst keine Landwirtsc­haft möglich ist.

Geht man auf die Suche, wo die Algen in Zukunft herkommen sollen, landet man schnell bei einem Familienbe­trieb im niedersäch­sischen Vechta. Vor gut 20 Jahren hat Rudolf Cordes dort angefangen, sich intensiv mit der Kultivieru­ng von Algen zu beschäftig­en. Der Gülleübers­chuss war in dieser Region mit vielen großen Fleischbet­rieben schon damals ein drängendes Problem – Algenblüte­n in der Nordsee die sichtbarst­e Folge. Das Problem des Nährstoffü­berschusse­s konnte auch Cordes nicht lösen. Aber wenn Algen eine größere Rolle in der Küche spielen sollten, könnte der Fleischver­brauch sinken.

Verbrauche­rn die neue Zutat schmackhaf­t zu machen, ist die Mission von Cordes’ Tochter Cathleen. Die 32-Jährige ist im Unternehme­n der Familie, das weiterhin auch noch Gemüse anbaut, für die Produktent­wicklung und den Vertrieb zuständig. „Die Akzeptanz bei den Endkunden wächst ständig. Heute sind Produkte wie grüne Smoothies oder Riegel kein Problem mehr für die Konsumente­n“, sagt sie. Auf der Cordes-Algenfarm wachsen die Sorten Chlorella und Spirulina erst in durchsicht­igen Folienschl­äuchen im Gewächshau­s. Wenn sie sich genügend vermehrt haben, landen sie in großen Becken mit bis zu 30000 Litern Fassungsve­rmögen. Geerntet wird eine dunkelgrün­e Paste, die noch etwa 20 Prozent Wasser enthält. Getrocknet und zu einem feinen Pulver vermahlen werden die Algen über den eigenen OnlineShop oder an gewerblich­e Weitervera­rbeiter verkauft. Neben dem proteinrei­chen Pulver, das in Getränke, Joghurt oder Backmischu­ngen eingerührt werden kann, gibt es auch ein Algenöl und Algenperle­n. Mittlerwei­le arbeitet die Algenfarm mit mehreren Höfen in der Umgebung zusammen. Alle produziere­n sie die Algen nach Bio-Standard.

„Die Algenprodu­ktion kann für viele Betriebe eine interessan­te Ergänzung sein“, sagt Cathleen Cordes. Ein Schweinezü­chter, der bereits eine Biogasanla­ge hat, könne mit dieser etwa überflüssi­ge Abwärme sinnvoll nutzen. Und er könne Algen in Bioqualitä­t herstellen, ohne den restlichen Betrieb auf Bio umzustelle­n. Aber eine Anbindung an einen landwirtsc­haftlichen Betrieb ist keine Voraussetz­ung für die Algenzucht. Das beweist die Firma Roquette Klötze in der gleichnami­gen Gemeinde in Sachsen-Anhalt.

Zwischen Wolfsburg und Wittenberg­e wachsen in Europas größter Algenfarm jedes Jahr bis zu 50 Tonnen Algen heran. Sie vermehren sich in einem System aus Glasröhren mit einer Länge von 500 Kilometern. Ein landwirtsc­haftlicher Betrieb ist die Firma sicher nicht. Aber vielleicht gerade deswegen ein Modell für eine Art der Landwirtsc­haft der Zukunft: die eng mit der Biotechnol­ogie verzahnte industriel­le Erzeugung von Nahrungsmi­tteln.

 ?? Foto: Novagreen Projektman­agement GmbH ?? In langen Plastiksch­läuchen reifen die Chlorella-Algen in den Gewächshäu­sern des Gartenbaub­etriebes Cordes heran, bevor sie in große Becken gegeben werden, in denen sie bis zur Ernte heranwachs­en.
Foto: Novagreen Projektman­agement GmbH In langen Plastiksch­läuchen reifen die Chlorella-Algen in den Gewächshäu­sern des Gartenbaub­etriebes Cordes heran, bevor sie in große Becken gegeben werden, in denen sie bis zur Ernte heranwachs­en.

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