Guenzburger Zeitung

Neuer Chef für „Tantchen“BBC

Der konservati­ve Multimilli­onär Richard Sharp leitet den wohl bekanntest­en Fernsehsen­der auf dem Erdball

- VON KATRIN PRIBYL

London Richard Sharp erfüllt, zumindest in konservati­ver Hinsicht, die beiden wichtigste­n Kriterien für den Job. Er ist ein äußerst vermögende­r Mann und kennt mit Premiermin­ister Boris Johnson und Schatzkanz­ler Rishi Sunak die zwei mächtigste­n Politiker im Vereinigte­n Königreich gut.

Die Beziehunge­n haben geholfen: Im Februar übernimmt Sharp den Vorsitz bei der BBC und leitet damit den 14-köpfigen Rundfunkra­t, der die Unabhängig­keit der BBC wahren soll. Damit hat die seit Monaten andauernde Suche nach einem Chairman bei der öffentlich­rechtliche­n Anstalt endlich ein Ende. Dem 64-Jährigen eile laut Telegraph der Ruf „eines scharfen unabhängig­en Denkers“voraus. Gleichwohl gilt er als zuverlässi­ger Kandidat, sowohl für die BBC als auch die Regierung.

Spötter verwiesen sofort darauf, dass Sharp zufälliger­weise auch ein gönnerhaft­er Großspende­r der konservati­ven Partei ist. Er agierte zudem als Berater von Johnson zu dessen Zeit als Londoner Bürgermeis­ter, war in seinem früheren Leben als Goldman-Sachs-Banker der Chef von Rishi Sunak und beriet den Finanzmini­ster im vergangene­n Jahr während der Coronaviru­s-Krise. Die Tätigkeit wurde nicht entlohnt – und macht sich nun doch mehr als bezahlt. Man darf ohne Zweifel sagen, dass Sharp, der künftig mit einem Jahresgeha­lt von 160 000 Pfund die Aufsicht über den Intendante­n führt, ein Glücksgrif­f für die Tories ist. Zum einen gehört der Finanzmann, so wird in Medien kolportier­t, zu den Anhängern des EUAustritt­s. Zum anderen gilt er als Verbündete­r ausgerechn­et jener Politiker, die seit Jahren die BBC attackiere­n. An vorderster Front steht Boris Johnson, der aus seiner Feindselig­keit gegenüber der renommiert­esten Rundfunkan­stalt der Welt nicht einmal ein Geheimnis macht. Auf Anweisung der Downing Street boykottier­ten Minister nach der Parlaments­wahl im Dezember 2019 sogar zahlreiche Sendungen, Interviews gab es auch vom Regierungs­chef keine. Das änderte sich erst wieder mit dem Start der Pandemie. Doch Frieden herrscht keineswegs.

Richard Sharp kommt zu einer

Zeit zur BBC, die für die Anstalt von einer beispiello­sen politische­n wie finanziell­en Ungewisshe­it geprägt ist. Bei der „Auntie“, dem Tantchen, wie die BBC im Volksmund genannt wird, darf man beinahe von einer Krise sprechen. Denn nicht erst seit dem EU-Referendum im Jahr 2016 wird die auf politische Unparteili­chkeit bedachte Rundfunkan­stalt von allen Seiten für ihre angebliche Voreingeno­mmenheit attackiert. Zuschauer,

Kommentato­ren sowie zahlreiche Politiker, insbesonde­re aus den Tory-Reihen, werfen dem ihrer Ansicht nach linkslasti­gen, „abgehobene­n“Sender unter anderem eine zu Brexit-kritische sowie eine zu sehr auf London zentrierte Berichters­tattung vor. Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass sich auch eher am linken politische­n Spektrum stehende Briten regelmäßig über „das Sprachrohr der Tories“beschweren.

Gemeinsam mit Tim Davie, der im vergangene­n Jahr zum neuen Generaldir­ektor ernannt wurde, soll Multimilli­onär Sharp „beschleuni­gte Reformen“voranbring­en, wie Kultusmini­ster Oliver Dowden forderte. Der traf die endgültige Personalen­tscheidung mit dem Segen des Premiermin­isters. Gemeint ist damit vor allem ein neues Finanzieru­ngsmodell. Die BBC kommt ohne Werbung aus, speist sich vielmehr zu 75 Prozent aus Rundfunkge­bühren. Jeder Haushalt auf der Insel bezahlt jährlich 157,50 Pfund, umgerechne­t rund 176 Euro. Der Rest der Einnahmen stammt aus dem gewinnträc­htigen Verkauf von Fernsehpro­duktionen ins Ausland. Konservati­ve Politiker bringen jedoch regelmäßig die Möglichkei­t eines Abo-Modells ins Spiel und verweisen als Vorbild auf kommerziel­le Rivalen wie Netflix.

Die alte Tante steht mehr denn je unter Druck, es geht um ihre Zukunft. Doch Sharp wird von Insidern als Mensch beschriebe­n, der schwierige Aufgaben nicht scheut. Vielmehr freue er sich auf die Aufgabe, wie er sagte. „Die BBC steht im Zentrum des britischen kulturelle­n Lebens und ich fühle mich geehrt, dass mir die Chance geboten wurde zu helfen, sie durch das nächste Kapitel in ihrer Geschichte zu führen.“

Der Sender ist in einer Phase tiefer Ungewisshe­it

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Foto: Bank of England/PA Wire Richard Sharp leitet die BBC ab Februar 2021.

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