Guenzburger Zeitung

Leuchtende Augen und kritische Worte

Wie Handballer in der Region auf das Turnier in Ägypten blicken und was sie über die Absagen der Spieler aus Kiel denken

- VON JAN KUBICA UND ALEXANDER SING

Günzburg/Krumbach So umstritten war wohl schon lange kein großes Handball-Turnier mehr. Wenn heute Abend Gastgeber Ägypten die Weltmeiste­rschaft der Männer gegen Chile eröffnet, schaut die von Corona gebeutelte Sportwelt besonders genau hin. Gerade in Deutschlan­d steht das Turnier in der Kritik. Prominente Spieler wie Steffen Weinhold, Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler (alle THW Kiel) sagten ihre Teilnahme mit Verweis auf die Pandemie aus familiären Gründen ab. Auch Handballer aus dem Landkreis Günzburg schauen sich das Treffen der Weltstars in der Wüste mit gemischten Gefühlen an. ● Pascal Buck (Rückraumsp­ieler VfL Günzburg): „Wenn man sieht, wie viele Menschen in dieser Corona-Krise um ihre Existenzen bangen, kann man natürlich schon fragen: Muss das sein, dass man jetzt eine Weltmeiste­rschaft spielt? Als Handballer und Fan freue ich mich trotzdem darauf. Die Kieler Fraktion muss man verstehen. Das gilt auch für die Entscheidu­ng der Handballer, in der Champions League für ihren Verein zu spielen. Da verdienen sie ihr Geld. Ich denke, es ist die schwerste Entscheidu­ng für einen Spieler, nicht für sein Land anzutreten, aber aus meiner Sicht ist sie völlig verständli­ch. Da uns der Kieler Block jetzt im Angriff wie in der Abwehr fehlt, wird es die deutsche Mannschaft in Ägypten sehr schwer haben. Die Vorrunde müssen wir allerdings ohne Wenn und Aber überstehen. Die einzige Hürde dürfte Ungarn sein, aber auch da sollten wir bestehen, um alle Punkte in die nächste Runde mitzunehme­n. Danach ist viel möglich. Deutsche Mannschaft­en haben in Turnieren meistens guten Charakter bewiesen und besitzen immer Außenseite­rchancen. Die Favoriten heißen aber Norwegen, Frankreich, Spanien und vor allem Dänemark.“

● Klaus Hornung (ehemaliger Bundesliga­spieler aus Ichenhause­n): „Ich freue mich darauf, dass endlich mal wieder Handball im Fernsehen kommt. Obwohl Handball ohne Publikum natürlich eine Farce ist. Unabhängig davon, dass ich es völlig absurd finde, so etwas ohne Zuschauer, ohne Theater rundherum auszuspiel­en. Aber wie heißt es:

„The Show must go on“. Jedenfalls dürfte die Wahrschein­lichkeit groß sein, dass Geld das Wichtigste an dieser Weltmeiste­rschaft ist. Zumal sich kein nationaler Verband erlauben wird, nicht mitzuspiel­en. Insofern finde ich es sogar gut, dass es in der deutschen Mannschaft ein paar Jungs gibt, die sagen, sie machen wegen Corona nicht mit. Da gibt es meiner Ansicht nach gar nichts zu kritisiere­n. Wer will schon sterben an dem Scheiß? Ob diese Spieler zu Hause bleiben oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheide­n. Und die anderen? Es war doch gar nicht schlecht, was sie gegen Österreich gezeigt haben. Ich denke halt, dass sie für höhere Ziele noch zu grün sind. Aber man ist ja auch schon mal Europameis­ter geworden, ohne im Vorfeld zu glauben, dass man gewinnen könnte. Und vielleicht spielen ja bei den anderen Ländern auch ein paar Stammkräft­e nicht mit.“

● Michael Thalhofer (Co-Trainer TSV Niederraun­au): „An sich tut es gut, dass das Turnier stattfinde­t. Ich glaube, die Leute haben jetzt Lust auf Handball. Und wenn die Hygiene-Konzepte gut sind und die Rahmenbedi­ngungen passen, kann man die WM aus meiner Sicht schon stattfinde­n lassen. Allerdings habe ich so meine Zweifel, dass in Ägypten alles perfekt umgesetzt wird. Bis vor Kurzem wollte man ja noch vor Zuschauern spielen, das wäre gar nicht gegangen. Da kann ich schon nachvollzi­ehen, dass der ein oder andere deutsche Spieler abgesagt hat. Aber die meisten Stars, auch bei den anderen Teams, sind ja dabei. Deutschlan­d hat auf vielen Positionen Weltklasse, vor allem im Tor und auf Außen. Auch der Rückraum hat sich zuletzt stark verbessert. Schwachste­llen sehe ich in der Abwehr und am Kreis. Eine Topplatzie­rung ist nur möglich, wenn die Spieler auf diesen Positionen über sich hinauswach­sen. Vielleicht sind die Absagen für den ein oder anderen jüngeren Spieler auch eine Chance, aus dem Schatten zu treten. Deutschlan­d ist auf jeden Fall in der Lage, die Topteams zu schlagen. Zu den Favoriten zähle ich aber Norwegen, Frankreich und Spanien. Ich werde mir jedenfalls die deutschen Spiele alle ansehen. Da ist das viele Homeoffice momentan von Vorteil. Schade nur, dass man es nicht, wie gewohnt, in größerer Runde sehen kann.“

 ?? Foto: dpa ?? Gut gemacht: Uwe Gensheimer beglückwün­scht Antonio Metzner zu einem Torerfolg im Spiel gegen Österreich. Der 2,07 Meter große Rückraumsp­ieler des HC Erlangen ab‰ solvierte am 10. Januar sein erstes Länderspie­l. Gestern flog er mit dem deutschen Team zur WM nach Ägypten – mit „Bock auf mehr“, wie er sagte.
Foto: dpa Gut gemacht: Uwe Gensheimer beglückwün­scht Antonio Metzner zu einem Torerfolg im Spiel gegen Österreich. Der 2,07 Meter große Rückraumsp­ieler des HC Erlangen ab‰ solvierte am 10. Januar sein erstes Länderspie­l. Gestern flog er mit dem deutschen Team zur WM nach Ägypten – mit „Bock auf mehr“, wie er sagte.

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