„Der Sta­tus Quo ver­fes­tigt sich“

Haller Tagblatt - - HINTERGRUND - Tho­mas Block

Auch 70 Jah­re nach der Staats­grün­dung zeich­net sich kei­ne Lö­sung des is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­schen Kon­flik­tes ab. Im Ge­gen­teil, sagt die Is­ra­el-Ex­per­tin Muriel As­se­burg. Bei­de Sei­ten ge­wöh­nen sich an die Ein-Staa­ten-Rea­li­tät.

Frau As­se­burg, Is­ra­el ist in die­ser Wo­che 70 Jah­re alt ge­wor­den. Was wün­schen Sie dem Staat zum Ge­burts­tag? Muriel As­se­burg:

Dass die Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Land so ge­führt wer­den, dass nie­mand aus­ge­grenzt und dis­kri­mi­niert wird und die Viel­falt er­hal­ten bleibt. Und dass der Staat mit den Be­dro­hun­gen von au­ßen so um­geht, dass es nicht zu neu­en Krie­gen kommt. Das be­trifft ins­be­son­de­re die als be­droh­lich ge­se­he­ne Aus­wei­tung der Prä­senz des Iran und von ihm un­ter­stütz­ter Mi­li­zen in Sy­ri­en.

Gibt es Fort­schrit­te auf dem Weg zu ei­ner Zwei-Staa­ten-Lö­sung?

Im Ge­gen­teil. Die Be­sat­zung der pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­bie­te ent­wi­ckelt sich im­mer mehr in Rich­tung De-Fac­to-Anne­xi­on. Ei­ne Ein-Staa­ten-Rea­li­tät ver­fes­tigt sich. Mitt­ler­wei­le le­ben zwi­schen Mit­tel­meer und Jor­dan mehr Ara­ber als Ju­den un­ter is­rae­li­scher Kon­trol­le. Is­ra­el muss sich die Fra­ge stel­len, wie es das Land als Na­tio­nal­staat der Ju­den be­wah­ren und gleich­zei­tig der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung glei­che po­li­ti­sche, so­zia­le und wirt­schaft­li­che Rech­te ge­wäh­ren kann.

Wie­so ist ei­ne Zwei-Staa­ten-Lö­sung wei­ter in die Fer­ne ge­rückt?

Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu hat be­kräf­tigt, dass es un­ter sei­ner Re­gie­rung kei­nen pa­läs­ti­nen­si­schen Staat ge­ben wer­de. Auch in der Be­völ­ke­rung nimmt die Un­ter­stüt­zung für zwei Staa­ten ab. Denn in Is­ra­el hat sich ei­ne ge­wis­se Er­nüch­te­rung breit­ge­macht. In­fol­ge der Selbst­mord­at­ten­ta­te wäh­rend der zwei­ten In­ti­fa­da sind auch im Frie­dens­la­ger in Is­ra­el Zwei­fel ent­stan­den, ob man mit den Pa­läs­ti­nen­sern Frie­den ma­chen kann.

Wie äu­ßert sich das in kon­kre­ter Po­li­tik?

Die ak­tu­el­le Re­gie­rung treibt die Sied­lungs­po­li­tik vor­an, die Anne­xi­on von Tei­len des West­jor­dan­lan­des, die Stär­kung der jü­di­schen Iden­ti­tät. Wer die­se Po­li­tik kri­ti­siert, wird aus­ge­grenzt. Die de­mo­kra­ti­schen Frei­räu­me für Kri­tik ver­en­gen sich im­mer stär­ker.

Müs­sen wir uns dar­an ge­wöh­nen?

Ich be­fürch­te, die jet­zi­ge Si­tua­ti­on wird sich wei­ter ver­fes­ti­gen. Bei­de Ge­sell­schaf­ten ar­ran­gie­ren sich mit dem neu­en Sta­tus Quo, nur we­ni­ge leh­nen sich auf. Die pa­läs­ti­nen­si­sche Ge­sell­schaft zahlt al­ler­dings ei­nen we­sent­lich hö­he­ren Preis. Ich se­he nur we­ni­ge Er­eig­nis­se, die den Trend ver­än­dern könn­ten.

Ist die Neu­aus­rich­tung der ame­ri­ka­ni­schen Nah­ost-Po­li­tik ein sol­ches Er­eig­nis?

Nein. Die Trump-Ad­mi­nis­tra­ti­on hat nicht nur die Bot­schaft nach Je­ru­sa­lem ver­legt, sie ver­hält sich auch un­klar in Be­zug auf ei­ne Zwei-Staa­ten-Lö­sung, sie droht, pa­läs­ti­nen­si­sche In­sti­tu­tio­nen in Wa­shing­ton zu schlie­ßen, sie schränkt Un­ter­stüt­zungs­leis­tun­gen für die Pa­läs­ti­nen­ser ein. Das Ver­hält­nis zwi­schen den Pa­läs­ti­nen­sern und den USA hat sich enorm ver­schlech­tert, die Pa­läs­ti­nen­ser leh­nen die USA als Ver­mitt­le­rin mitt­ler­wei­le ab. Die is­rae­li­sche Re­gie­rung hin­ge­gen fühlt sich er­mu­tigt, die Sied­lungs­po­li­tik fort­zu­füh­ren und die Rhe­to­rik ge­gen­über dem Iran zu ver­schär­fen.

Was müss­te die in­ter­na­tio­na­le Staa­ten­ge­mein­schaft nun tun?

Sie soll­te jetzt drin­gend ver­su­chen, zwi­schen dem Iran und Is­ra­el zu ver­mit­teln, da­mit es nicht zu wei­te­ren Aus­ein­an­der­set­zung über Sy­ri­en kommt. Die Eu­ro­pä­er soll­ten da­für sor­gen, dass der ko­ope­ra­ti­ve An­satz mit dem Iran er­hal­ten bleibt und Ein­fluss auf des­sen Re­gio­nal­po­li­tik neh­men.

Fo­to: swp

Muriel As­se­burg von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik forscht zum Na­hen und Mitt­le­ren Os­ten.

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