Das Le­ben der hei­li­gen Lui­sa

Haller Tagblatt - - FEUILLETON -

Ralf Roth­mann schreibt eher poe­tisch über die letz­ten Mo­na­te des Krie­ges: „Der Gott je­nes Som­mers“.

Der ver­hee­ren­de Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg, die Mut­ter al­ler Krie­ge, spielt auch in die­sem ak­tu­el­len deut­schen Ro­man ei­ne Rol­le: „Im­mer schwe­rer wur­den die Zei­ten, und wer da dach­te, nichts mehr ver­lie­ren zu kön­nen, wäh­rend der Sterb dau­er­te und die Pe­sti­lenz das Volk der Er­de über­gab, ver­lor stets noch et­was mehr.“Ein ge­wis­ser Bre­de­lin Merx­heim be­rich­tet von die­ser Höl­le und auch da­von, wie sie zum Trutz ei­ne Kir­che zim­mern, die auf ei­nem See schwim­men kann, un­er­reich­bar von den Lands­knech­ten.

In Ralf Roth­manns neu­em Ro­man „Der Gott je­nes Som­mers“geht es in un­hei­li­ger Zeit selt­sam fromm zu. Je­den­falls spielt ei­ne un­schul­di­ge Zwölf­jäh­ri­ge die Haupt­rol­le in ei­ner eher epi­so­di­schen Ge­schich­te aus den letz­ten Mo­na­ten des Zwei­ten Welt­kriegs: Lui­sa Norff, die mit ih­rer Mut­ter und ih­rer äl­te­ren Schwes­ter aus dem bom­bar­dier­ten Kiel aufs Land ge­flo­hen ist. Der Va­ter be­treibt noch ein Of­fi­ziers­ka­si­no. Und ih­re jün­ge­re Schwes­ter ist mit ei­ner Ka­ri­ka­tur von ei­nem SS-Haupt­sturm­füh­rer ver­hei­ra­tet. Lui­sa schmö­kert gu­te Li­te­ra­tur, be­greift aber nicht al­les, was um sie her­um pas­siert. Auch der auk­to­ria­le Er­zäh­ler klärt nicht auf über die Hin­ter­grün­de, er schil­dert Emp­fin­dun­gen, Zu­stän­de, Si­tua­tio­nen: die Ge­burt ei­nes Kalbs oder ei­ne fast schon sur­rea­le End­zeit-Ge­burts­tags­fei­er der SS in­klu­si­ve Ver­ge­wal­ti­gung.

Gut und Bö­se

So auf­wüh­lend wie Roth­manns 2015 er­schie­ne­ner, ge­fei­er­ter Ro­man „Im Früh­ling ster­ben“ist die­ses Buch nicht – nicht so wirk­lich­keits­nah er­grei­fend wie die Ge­schich­te ei­nes in den Wir­ren des Krie­ges schuld­los schul­dig wer­den­den Wehr­machts­sol­da­ten. In die­sem Ro­man bleibt Lui­sa in ei­nem dras­ti­schen, aber klar in Gut und Bö­se auf­ge­teil­ten Sze­ne­rio das nai­ve Kind, das nicht han­deln muss – aber gleich­wohl Leid er­fährt. Und zu­sam­men­bricht. Ja, sie ist ei­ne Art Hei­li­ge, die al­les Leid auf sich neh­men muss. Und am En­de ins Klos­ter will. Sie sei doch noch so jung, ob sie nicht vor­her et­was er­le­ben wol­le?, fragt ei­ne Non­ne. „Wie ge­stri­chelt von den zar­ten Bir­ken am Ufer scho­ben Sol­da­ten ei­ne Kar­re vol­ler Kno­chen zum Tor, wo ein Last­wa­gen stand“– und Lui­sa ant­wor­tet: „Ich ha­be al­les er­lebt.“Das stimmt. Aber es liest sich al­les in zu schö­ner Schreck­lich­keit, zu poe­tisch-un­schul­dig, um wirk­lich und wahr zu sein. Wie ein Al­bum­blatt aus dem fer­nen Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg.

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