Tän­zer, Be­ra­ter und jetzt Pro­fes­sor am Cam­pus Hall

Stu­di­um „Mein Kun­de ist der Steu­er­zah­ler, nicht der Stu­dent“, sagt Ja­vier Vil­lal­ba-Diez. Sei­ne Vor­le­sun­gen stellt der neue Cam­pusPro­fes­sor dar­um ins In­ter­net. Von Bea­tri­ce Schnel­le

Haller Tagblatt - - VORDERSEIT­E -

Schwä­bisch Hall. Ja­vier Vil­lal­ba-Diez un­ter­rich­tet seit 1. Ok­to­ber Be­triebs­wirt­schaft­leh­re. Der Spa­nier for­dert im In­ter­view, dass al­le Men­schen mehr Ma­the­ma­tik ler­nen soll­ten.

Wenn Sie mit Men­schen schnell vor­an­kom­men wol­len, dann müs­sen Sie die Din­ge lang­sam an­ge­hen. Bei Füh­rungs­kräf­ten ist die Psy­cho­pa­then­quo­te fünf­mal hö­her als beim Be­völ­ke­rungs­durch­schnitt.

Es heißt, BWL-Stu­den­ten sei­en lang­wei­li­ge Men­schen. Stimmt das? Ja­vier Vil­lal­ba-Diez:

Se­hen Sie, 99 Pro­zent al­ler Men­schen glau­ben, sie hät­ten die Fä­hig­keit über an­de­re zu ur­tei­len. Da lie­gen sie falsch. Spi­no­za schrieb:

Was Peter über Paul sagt, ver­rät mehr über Peter als über Paul. Wenn ich mit je­man­dem spre­che, der über an­de­re ur­teilt, er­fah­re ich viel über des­sen ei­ge­ne Per­son.

Okay, ich ha­be ver­stan­den …

Ich ver­su­che, das Fach für die Stu­den­ten at­trak­tiv zu ma­chen. Ich er­zäh­le ih­nen Ge­schich­ten und zeich­ne an die Ta­fel, was di­dak­tisch viel ef­fek­ti­ver ist als Fron­tal­vor­le­sun­gen mit Po­wer­po­int, aber auch an­stren­gen­der für mich. Das kön­nen Sie ger­ne nach­prü­fen. Al­le mei­ne Vor­le­sun­gen zeich­ne ich auf Vi­deo auf und stel­le sie im In­ter­net der Öf­fent­lich­keit zur Ver­fü­gung. Ih­re Le­ser sind herz­lich ein­ge­la­den, da mal rein­zu­schau­en. [An­mer­kung der Re­dak­ti­on: www.profh4.com]

War­um tun Sie das?

Zum ei­nen kön­nen die Stu­den­ten die Vor­le­sun­gen je­der­zeit nach­voll­zie­hen. Was sie auch nut­zen, wie ich an den Log­in-Zei­ten von 200 St­un­den be­reits in­ner­halb der ers­ten vier Wo­chen se­he. Der an­de­re Grund ist, dass mei­ne Pro­fes­sur aus Steu­er­gel­dern und mit Un­ter­stüt­zung von re­gio­na­len Un­ter­neh­men fi­nan­ziert wird. Steu­er­zah­ler und Spon­so­ren sol­len sich an­schau­en kön­nen, wo­für sie be­zah­len. Sie in­ves­tie­ren in die Kom­pe­tenz der Re­gi­on und da ist es nur fair, dass sie von die­ser In­ves­ti­ti­on pro­fi­tie­ren. Mein Kun­de ist der Steu­er­zah­ler, nicht der Stu­dent.

Sie un­ter­rich­ten in deut­scher Spra­che?

Ab mei­nem zwei­ten Se­mes­ter am Cam­pus will ich zu­sätz­lich Vor­le­sun­gen in eng­li­scher Spra­che an­bie­ten, da­mit sie welt­weit ver­stan­den wer­den. Das stärkt den Stand­ort. Es ist scha­de, dass ich hier kei­nen ein­zi­gen Stu­den­ten aus Chi­na oder der USA se­he. Ich will, dass die jun­gen Leu­te von dort kom­men und hier stu­die­ren. Und wenn sie dann spä­ter von ih­rem Hei­mat­land aus wirt­schaft­li­che Be­zie­hun­gen nach Deutsch­land auf­bau­en wol­len, dann ma­chen sie das in Schwä­bisch Hall.

War­um sind Sie nach Hall ge­kom­men?

Ich ha­be mich auf ei­ni­ge Pro­fes­su­ren be­wor­ben und hat­te welt­weit meh­re­re Zu­sa­gen. Aber Pro­fes­sor Da­nie­la Lu­din vom Cam­pus hat als Ein­zi­ge so­fort den Kon­takt zu mir her­ge­stellt. Sie war sehr herz­lich und hat sich Zeit für mich ge­nom­men. Das ha­ben die an­de­ren nicht ge­macht. Mir ist es sehr wich­tig, dass es mensch­lich passt. Sie ha­ben schon für Fir­men in ganz Eu­ro­pa, den USA und Ja­pan ge­ar­bei­tet,

Sie wa­ren welt­weit als selbst­stän­di­ger Un­ter­neh­mens­be­ra­ter tä­tig, Sie ha­ben Bü­cher ge­schrie­ben. Was hat Sie be­wo­gen, Stu­den­ten zu un­ter­rich­ten?

Mei­ne Ga­be ist es, an­de­re Men­schen er­folg­reich zu ma­chen. Da­von le­be ich und ich lie­be mei­ne Ar­beit. Ich lie­be es, Men­schen um mich zu ha­ben, die dif­fe­ren­ziert den­ken. Wenn sie das tun, kann ich sie auf ein Le­vel he­ben, wie sie es sich nie hät­ten träu­men las­sen. Und ich möch­te ger­ne ei­ne Bot­schaft an die Men­schen in der Re­gi­on schi­cken, wenn das mög­lich ist?

Aber klar, ich bit­te dar­um!

Al­le El­tern sol­len da­für sor­gen, dass ih­re Kin­der Ma­the­ma­tik ler­nen. Sonst wer­den sie in ei­ner von künst­li­cher In­tel­li­genz re­gier­ten Welt kei­ne Chan­ce ha­ben. Es gibt in der Zu­kunft zwei Ar­ten von Men­schen: die­je­ni­gen, die sich von KI be­herr­schen las­sen, und die­je­ni­gen, die den Al­go­rith­men sa­gen, was zu tun ist. Und dann wird’s eng. Dann wer­den wir ent­we­der bio­nisch oder wir ster­ben aus.

Se­hen Sie das wirk­lich so krass? Wir sind ir­gend­wann al­le Cy­borgs?

Ja. Nicht so­fort, aber un­se­re En­kel wer­den es er­le­ben. Mei­ne zwei­te Dok­tor­ar­beit schrei­be ich ge­ra­de über KI.

Man­che Leu­te sind aber nicht be­gabt für Ma­the­ma­tik!

Ich mei­ne, je­der kann das ler­nen. Man muss es nur ma­chen. Wenn Sie al­ler­dings gar nicht erst an­fan­gen, weil Sie den­ken: Ich kann das nicht und ich ha­be kei­ne Lust da­zu, ist das schlecht. Das se­he ich auch als Schwach­stel­le im eu­ro­päi­schen Bil­dungs­sys­tem. Die Ethik der Ar­beit ge­rät im­mer mehr aus dem Fo­kus. Die Men­schen ma­chen nur noch, wo­zu sie mo­ti­viert sind.

Ist Mo­ti­va­ti­on denn nicht gut?

Mei­ne Mut­ter hat mir frü­her je­den Tag Es­sen ge­kocht, ob sie mo­ti­viert war oder nicht. Die Ethik der Ver­pflich­tung und Ver­ant­wor­tung geht uns aber ge­ra­de ver­lo­ren. Das ist das ei­ne. Wenn man sich nur nach der Mo­ti­va­ti­on rich­tet, be­deu­tet das au­ßer­dem, dass man durch Do­pa­min ge­steu­ert ist. Die­ses so­ge­nann­te Glücks­hor­mon wird auch aus­ge­schüt­tet, wenn man Scho­ko­la­de isst oder vie­le Li­kes in den so­zia­len Me­di­en be­kommt. Und es macht süch­tig. Twit­ter, Sky­pe und all die­se Apps sind ent­wi­ckelt wor­den, um die­se mensch­li­che Schwach­stel­le gna­den­los aus­zu­nüt­zen.

Die meis­ten von uns le­ben al­so schon heu­te fern­ge­steu­ert?

Das Pro­blem ist, dass bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen bis zum 25. Le­bens­jahr das Ge­hirn noch nicht voll­stän­dig ent­wi­ckelt ist. Die Nut­zung von Com­pu­tern und Han­dys soll­te für sie aus mei­ner Sicht streng ein­ge­schränkt wer­den, weil ihr fron­ta­ler Cor­tex noch nicht da­für aus­ge­legt ist, sich zu schüt­zen. Wenn sie do­pa­min­ge­steu­ert le­ben, wer­den sie spä­ter Wahr­neh­mungs- und Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen ha­ben.

Was ha­ben Sie für Zie­le bei der Aus­bil­dung Ih­rer Stu­den­ten?

Um ein star­kes Bild zu ver­wen­den: Mei­ne In­ten­ti­on ist, aus den Stu­den­ten Ra­ke­ten zu ma­chen, die durch die De­cke ge­hen. Ver­trau­ens­wür­di­ge Ra­ke­ten! Cha­rak­ter und Kom­pe­tenz – sie ler­nen bei mir bei­des. Cha­rak­ter heißt, die rich­ti­ge Ent­schei­dung auch ge­gen Wi­der­stän­de zu tref­fen. Sie kön­nen et­was, aber sie sind auch in der La­ge, ver­trau­ens­wür­dig zu re­agie­ren. Wenn das fehlt, ha­ben wir am En­de Psy­cho­pa­then. Und das ist ge­fähr­lich für un­se­re Ge­sell­schaft. Man braucht ei­ne Kon­trol­le über die ei­ge­nen Macht­be­dürf­nis­se.

Und das ist al­les BWL?

Die Macht­be­dürf­nis­se der Men­schen spie­len ei­ne gro­ße Rol­le bei der Or­ga­ni­sa­ti­ons­dy­na­mik. Bei Füh­rungs­kräf­ten ist die Psy­cho­pa­then­quo­te fünf­mal hö­her als beim Be­völ­ke­rungs­durch­schnitt. Auf der Stra­ße sind es drei Pro­zent, bei den Füh­rungs­kräf­ten sind 15 Pro­zent po­ten­zi­el­le Psy­cho­pa­then. Das ist üb­ri­gens die glei­che Quo­te wie im Knast.

Wird man als Chef zum Psy­cho­pa­then oder ist es um­ge­kehrt?

Das ist noch nicht aus­rei­chend er­forscht.

Kön­nen Sie nä­her er­klä­ren, wie Sie in Ih­rem Un­ter­richt vor­ge­hen?

Ich möch­te ge­mein­sam mit den Stu­den­ten Zie­le er­rei­chen. Und das geht nur in ei­nem Ver­trau­ens­ver­hält­nis. Um das auf­zu­bau­en, braucht es Zeit, Stil­le, Ge­duld und vor al­lem das Ge­fühl von Ge­bor­gen­heit. Auch wenn es pa­ra­dox klingt: Wenn Sie mit Men­schen schnell vor­an­kom­men wol­len, dann müs­sen Sie die Din­ge lang­sam an­ge­hen. Tat­säch­lich ge­nü­gen aber 600 Se­kun­den, um das Le­ben ei­nes Men­schen ent­schei­dend zu prä­gen.

Gibt es kri­ti­sche Re­ak­tio­nen auf Ih­re The­sen?

In mei­nen Bü­chern übe ich mas­si­ve Kri­tik, da krie­ge ich na­tür­lich auch et­was zu­rück. Aber ich bin nicht da, um mir Freun­de zu ma­chen. Ge­spannt bin ich auf die Re­ak­tio­nen, die es hof­fent­lich auf mei­ne Vor­trags­vi­de­os ge­ben wird. Je mehr Leu­te sie se­hen, des­to mehr kön­nen mich kri­ti­sie­ren.

Ha­ben man­che Men­schen Angst vor Ih­nen?

Das kommt vor. Ich for­cie­re es nicht, kann es aber auch nicht ver­hin­dern. Sol­che an­fäng­li­chen Ängs­te ha­ben meist mit dem Le­bens­lauf der Per­so­nen zu tun, die sie emp­fin­den. Den­ken Sie an Peter und Paul! An­de­rer­seits ist Angst mensch­lich und mit­un­ter auch ei­ne ge­sun­de Re­ak­ti­on. Bit­te be­schrei­ben Sie sich selbst.

Ich bin ein in­tro­ver­tier­ter Mensch in ei­ner ex­tro­ver­tier­ten Rol­le. Mei­nen Kaf­fee trin­ke ich schwarz und oh­ne Zu­cker, aber im­mer mit an­de­ren Men­schen zu­sam­men.

Fo­to: Bea­tri­ce Schnel­le

Als Ju­gend­li­cher war er Nach­wuch­s­tän­zer, dann leg­te er ei­ne Bil­der­buch­kar­rie­re als Un­ter­neh­mens­be­ra­ter hin. Ja­vier Vil­lal­ba-Diez lehrt seit Neu­es­tem am Cam­pus Schwä­bisch Hall.

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