Im Dorf, da gibt’s Ge­bim­mel

Haller Tagblatt - - BLICK IN DIE WELT -

Seit Jah­ren strei­ten ein Ehe­paar und ei­ne Bäue­rin im ober­baye­ri­schen Holz­kir­chen um das Ge­läut von Kuh­glo­cken. Das Land­ge­richt Mün­chen rät zur Sch­lich­tung – ver­ge­bens.

Ge­bim­mel, auch in der Nacht, Gül­le­ge­stank, In­sek­ten: Ei­nem Ehe­paar in Holz­kir­chen in Ober­bay­ern stinkt es. Es hat­te sich dort ein Haus in idyl­li­scher La­ge ge­kauft, aber mit den Kü­hen auf der be­nach­bar­ten Wei­de kommt es nicht zu­recht und klagt ge­gen die Bäue­rin, der die Kü­he ge­hö­ren. Ein Ver­such der Rich­te­rin Chris­tia­ne Kar­rasch, den Streit vor dem Land­ge­richt Mün­chen II zu schlich­ten, schei­ter­te. Sie will im Ja­nu­ar ein Ur­teil fäl­len.

Seit drei Jah­ren währt Zwist. Die Kla­ge des Ehe­manns ist in ers­ter In­stanz ab­ge­wie­sen wor­den, er war­tet auf die zwei­te In­stanz vor dem Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen. Ges­tern ging es um die Kla­ge sei­ner Frau ge­gen die Bäue­rin, die mit 35 bis 40 Milch­kü­hen ei­nen Fa­mi­li­en­be­trieb hat, und ge­gen die Ge­mein­de, die das ei­nen Hekt­ar gro­ße Wei­de­grund­stück ver­pach­tet hat.

Die Ehe­frau hat ge­nau Buch ge­führt: Vom 8. Ju­ni bis 20. Ju­li wei­de­ten fünf Kü­he mit vier Glo­cken, vom 21. Sep­tem­ber bis 22. Ok­to­ber acht Kü­he mit sechs Glo­cken, die dem Paar schlaf­lo­se Näch­te be­scher­ten. An­fangs ha­be man die Land­wir­tin „ganz freund­lich“, „ganz in der Ru­he“und „ganz höf­lich“ge­be­ten, „ob sie bit­te die Glo­cken ab­neh­men“kön­ne, sag­te die Frau. Die Bäue­rin ha­be zu Ohro­pax ge­ra­ten.

„Die gan­ze Zeit bim­melt es, Tag und Nacht“, sagt der An­walt des Paars, Pe­ter Hart­herz von der Kanz­lei Sau­er Wolff Mar­tin. Das An­we­sen lie­ge in ei­nem Wohn­ge­biet. Im Üb­ri­gen sei es Tier­quä­le­rei, Kü­hen ei­ne lau­te Glo­cke um­zu­hän­gen. „Nie­mand braucht im Flach­land Kuh­glo­cken“, sag­te Hart­herz und frag­te: „Ha­ben Sie schon mal in Hol­land­ei­ne Kuh­glo­cke ge­se­hen?“

Die Rich­te­rin wand­te sich an die Bäue­rin: „Wo­für ha­ben Sie denn Kuh­glo­cken?“Die Bäue­rin: „Für den Fall, dass sie (die Kü­he) aus­bre­chen – dass man sie hört bei der Nacht.“

Das Ehe­paar hat an­ge­bo­ten, auf sei­ne Kos­ten GPS-Kuh­glo­cken an­zu­schaf­fen. Die Bäue­rin sagt, da­mit ge­be es kei­ne Er­fah­rung. In Deutsch­land sind die Ge­rä­te im Han­del bis­her nicht er­hält­lich, sag­ten Ex­per­ten der Baye­ri­schen Lan­des­an­stalt für Land­wirt­schaft (LfL). Zu­letzt lie­fen Pra­xis­tests. Die Ge- rä­te wä­ren zu­dem ei­ne teu­re Lö­sung. Doch Kos­ten, das mach­te der An­walt klar, sei­en zweit­ran­gig.

Der Ehe­mann war mit sei­ner Kla­ge vor dem Land­ge­richt Mün­chen II En­de 2017 vor al­lem des­halb ge­schei­tert, weil er 2015 mit Pe­ter Hart­herz

der Bäue­rin ei­nen Ver­gleich ge­schlos­sen hat­te: Nur im ent­fern­te­ren Teil der Wie­se in gut 20 Me­ter Ab­stand soll­ten Kü­he mit Glo­cke gra­sen und bim­meln dür­fen.

Dem Ehe­paar war es aber wei­ter zu laut. Ein An­ge­bot der Bäue­rin, nur ei­ner oder zwei Kü­hen ei­ne Glo­cke um­zu­hän­gen, je nach­dem, wel­chen Be­reich ih­rer Wei­de sie nut­zen kön­ne, wur­de zu­nächst nicht ver­folgt. Ein Test, wie ihn Hart­herz woll­te, wä­re der­zeit nicht mög­lich; die Kü­he sind schon im Stall. Die Idee, dass die Bäue­rin Kuh spie­len und mit Glo­cke über die Wie­se lau­fen könn­te, wur­de ver­wor­fen.

Das Paar hat das in bes­ter La­ge lie­gen­de Haus 2011 ge­kauft und her­ge­rich­tet. Ge­ra­de weil sie als Ein­hei­mi­sche Be­ein­träch­ti­gun­gen durch die Land­wirt­schaft kann­ten, hät­ten sie sich zu­vor ver­si­chert, wie es rund um das neue Heim aus­se­he. „Es gab vor­her dort nie Wei­de­vieh­hal­tung“, sag­te Hart­herz, „und es gab nie Acker­bau. Es war im­mer ei­ne ein­fa­che Wie­se, wo man Heu macht.“

Zwar sei auch frü­her ge­düngt wor­den, da­mit ha­be das Paar kein Pro­blem, sag­te Hart­herz. Die Bäue­rin aber ha­be „ei­nen Tep­pich von Gül­le“aus­ge­bracht. Es ge­he um „die Ab­wehr die­ses schänd­li­chen Ver­hal­tens“. So ha­be sich der Wert der Im­mo­bi­lie ver­rin­gert – um 40 000 bis 50 000 Eu­ro, der Streit­wert liegt bei rund 70 000 Eu­ro.

Für Bür­ger­meis­ter Olaf von Lö­wis (CSU) hat der Fall grund­sätz­li­che Be­deu­tung. „Es geht um die De­fi­ni­ti­on der sach­ge­rech­ten Land­wirt­schaft.“Das Paar ha­be auf dem traum­haft ge­le­ge­nen An­we­sen ei­nen un­ver­bau­ba­ren Blick in al­le Him­mels­rich­tun­gen. „Da­für muss man halt in Kauf neh­men, dass da­ne­ben Land­wirt­schaft statt­fin­det.“Für die Bäue­rin ge­he um den Brot­er­werb. „In­so­fern ist es für uns als Kom­mu­ne schon wich­tig, dass wir hier nicht Prä­ze­denz­fäl­le schaf­fen.“

Der dörf­li­che Frie­den scheint in Ge­fahr. Er ha­be nicht den Ein­druck, dass es dem Paar dar­um ge­he, in die dörf­li­che Ge­mein­schaft in­te­griert zu wer­den, sagt von Lö­wis. Ver­su­che zu ei­nem Me­dia­ti­ons­ge­spräch sei­en nicht an­ge­nom­men wor­den. Eben­so­we­nig Kar­raschs Vor­schlag, ei­nen Ter­min vor dem Gü­te­rich­ter zu ma­chen.

Es war im­mer ei­ne Wie­se, wo man Heu macht.

und „Kn­öll­chen-Horst“: Die skur­rils­ten Ge­richts­pro­zes­se un­ter

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