Re­de­ge­wand­ter Rent­ner ver­tei­digt sich selbst

Haller Tagblatt - - SCHWÄBISCH HALL - Von Eleo­no­re Hey­del

Der 63-Jäh­ri­ge muss sich vor dem Hal­ler Amts­ge­richt we­gen des Ver­sto­ßes ge­gen das Waf­fen­ge­setz ver­ant­wor­ten. Das Ver­fah­ren wird ein­ge­stellt.

Wä­ren es ech­te Schuss­waf­fen ge­we­sen, hät­te es am frü­hen Abend des 10. März die­ses Jah­res in ei­nem Hal­ler Wohn­ge­biet vi­el­leicht To­te ge­ge­ben. Zwei be­trun­ke­ne Män­ner bal­ler­ten auf of­fe­ner Stra­ße mit ih­ren täu­schend ech­ten Pis­to­len her­um.

Der Jün­ge­re ziel­te auch in die Rich­tung von Kin­dern.

Erst als der zwei­te Ran­da­lie­rer dem ers­ten mit sei­nem Schreck­schuss­re­vol­ver ins Ge­sicht ge­schos­sen hat­te, kehr­te kurz­fris­tig

Ru­he ein. Als die Po­li­zei ein­traf, floh der jün­ge­re Schüt­ze. Per Hub­schrau­ber wur­de er we­nig spä­ter ge­sucht und ge­fun­den. Ge­gen bei­de Män­ner wur­de dar­auf­hin po­li­zei­lich er­mit­telt.

In Not­wehr ge­han­delt

Der 22-jäh­ri­ge Mann, der als Ers­ter wahl­los mit sei­ner Pis­to­le Knall­pa­tro­nen ab­feu­er­te, hat in­zwi­schen ei­nen Straf­be­fehl we­gen „Voll­rauschs“ak­zep­tiert. Über die Hö­he sei­ner Stra­fe wur­de vor Ge­richt nichts be­kannt. Sein 63-jäh­ri­ger Mit­strei­ter muss­te sich jetzt vor dem Hal­ler Amts­ge­richt ver­ant­wor­ten.

Der Rent­ner er­fasst die ge­gen ihn ge­rich­te­te An­kla­ge mit den Wor­ten: „... weil ich mit dem Ding raus bin oh­ne klei­nen Waf­fen­schein!“Aber er hält dem Ge­richt vor: „Dann müss­ten Sie nach Sil­ves­ter

Bun­des­re­pu­blink die hal­be hier vor­la­den!“

Die Staats­an­walt­schaft ließ von vorn­her­ein Mil­de wal­ten: Der An­ge­klag­te ha­be in Not­wehr ge­han­delt, als er sei­nen Schreck­schuss­re­vol­ver „Röhm 69“ge­gen den Kon­tra­hen­ten rich­te­te. An­ge­klagt wur­de nur ein Ver­stoß ge­gen das Waf­fen­ge­setz. Ei­ne Schreck­schuss­waf­fe darf man nicht drau­ßen mit sich her­um­tra­gen. Man braucht da­für ei­nen klei­nen Waf­fen­schein. Ei­nen sol­chen Schein be­sitzt der trink­ge­wohn­te 63-Jäh­ri­ge nicht.

Oh­ne ei­nen Ver­tei­di­ger ist er pünkt­lich im Ge­richt er­schie­nen. Im Flur war­ten vie­le Zeu­gen: Müt­ter, Kin­der, zwei Po­li­zei­be­am­te. Im Saal soll ei­ne rechts­me­di­zi­ni­sche Gut­ach­te­rin die Schuld­fä­hig­keit des Rent­ners über­prü­fen. Aber kaum hat die von der Staats­an­walt­schaft ge­schick­te Re­fe­ren­da­rin die An­kla­ge ver­le­sen, ge­hört die Büh­ne dem klein ge­wach­se­nen bär­ti­gen 63-Jäh­ri­gen al­lein.

„Zwei­mal ge­schie­den, ein­mal ver­wit­wet“, er­klärt der Mann, der sein grau­es, sehr lan­ges Haar nach hin­ten zu­sam­men­ge­bun­den hat. „Ak­tu­ell“sei er ver­hei­ra­tet. Sei­ne Klei­dung ist ge­pflegt, nur die San­da­len sind für den Mo­nat No­vem­ber un­ge­wöhn­lich. Der Va­ter von sechs Kin­dern aus vier

lebt bür­ger­lich in ei­ner Hal­ler Miet­woh­nung, gibt aber zu: „Ab und zu kiff ich noch.“

27 Ein­trä­ge in sei­nem Vor­stra­fen­re­gis­ter be­wei­sen: Ei­ne wei­ße Wes­te hat der ge­lern­te Metz­ger nicht. Vor al­lem der Han­del mit Ha­schisch hat ihm im­mer wie­der Stra­fen ein­ge­bracht. Der lang­jäh­ri­ge Kon­su­ment er­klärt: „Was bei mir er­schwe­rend da­zu kommt, ist Al­ko­hol.“Au­ßer­dem neh­me er noch das Be­ru­hi­gungs­mit­tel Bro­ma­ze­pam: „Der Kopf will sei­ne Dröh­nung!“

Am 10. März ha­be der 22-jäh­ri­ge Be­kann­te schon „leich­ten Sei­ten­wind“ge­habt, als er zu ihm zu Be­such ge­kom­men sei – in der Hand ei­ne halb­ge­füll­te Fla­sche Ch­an­tré. Man ha­be die gan­ze Zeit beim Trin­ken „nach­ge­la­den“und gleich­zei­tig Ma­ri­hua­na in bes­ter „Treib­haus-Qua­li­tät“ge­raucht. Ob es ein, zwei oder drei Tüt­chen ge­we­sen sei­en, wis­se er nicht mehr: „ Ich zähl die Tü­ten nicht, ich bin 48 Jah­re da­bei!“

Im hef­ti­gen Streit um ein ab­ge­wi­ckel­tes Ha­schisch-Ge­schäft ha­be er sei­nen Sauf­kum­pel aus der Woh­nung ge­drängt. Drau­ßen ha­be der jun­ge Mann an­ge­fan­gen zu schie­ßen. Er selbst, sagt der Rent­ner, ha­be sei­nen Re­vol­ver vor­sorg­lich schon ver­deckt bei sich ge­tra­gen. Mit Blick auf die USA recht­fer­tigt er sei­nen Waf­fen­be­sitz. Bei ei­nem Be­such bei sei­ner äl­tes­ten Toch­ter in Te­xas ha­be er fest­ge­stellt: „Da war die Pump­gun un­ter der Na­cken­rol­le im zwei Me­ter brei­ten Bett!“

Un­ge­wöhn­li­cher Schritt

Im Flur war­ten die Zeu­gen im­mer noch, als sich die Ver­tre­te­rin der Staats­an­walt­schaft im Saal zu ei­nem un­ge­wöhn­lich mil­den Schritt be­reit er­klärt: Das Ver­fah­ren kön­ne ein­ge­stellt wer­den. Ein­zi­ge Be­din­gung sei, dass der An­ge­klag­te sei­nen Re­vol­ver „Röhm 69“nicht zu­rück­be­kom­me. Der Rent­ner be­dau­ert, die Waf­fe ha­be 62 Eu­ro ge­kos­tet, aber er wol­le sich nicht sper­ren.

Als das Ge­richt den ent­spre­chen­den Ein­stel­lungs­be­schluss ver­kün­det hat, wer­den al­le Zeu­gen her­ein­ge­ru­fen. Sie kön­nen un­ver­rich­te­ter Din­ge nach Hau­se ge­hen. Auch der re­de­ge­wand­te An­ge­klag­te, der sich er­folg­reich selbst ver­tei­digt hat, wird in sei­ne Woh­nung zu­rück­keh­ren. Den Kin­dern in sei­ner Nach­bar­schaft aber wird die Schie­ße­rei der bei­den be­trun­ke­nen Män­ner ver­mut­lich noch lan­ge im Ge­dächt­nis blei­ben.

Dann müss­ten Sie nach Sil­ves­ter die hal­be Bun­des­re­pu­blik hier vor­la­den!

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.