„Han­ni­bals“ob­sku­res Netz­werk

Haller Tagblatt - - POLITIK - Von Wil­li Böh­mer

Die Spur des un­ter Ter­ror­ver­dacht ste­hen­den Sol­da­ten Fran­co A. führt auch in die Sze­ne der „Prep­per“. Gibt es in der Trup­pe ein rechts­ex­tre­mes Netz­werk, das ei­nen Um­sturz plant?

Der Fall des rechts­ex­tre­men Ober­leut­nant Fran­co A. be­rei­tet der Jus­tiz Kopf­zer­bre­chen. Muss er sich we­gen des Vor­wurfs der Vor­be­rei­tung von An­schlags­plä­nen vor dem Staats­schutz­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts in Frank­furt ver­ant­wor­ten, wie es die Bun­des­an­walt­schaft for­dert? Oder wird er „nur“we­gen un­er­laub­ten Be­sit­zes von Waf­fen, Mu­ni­ti­on und Spreng­stoff vor dem Land­ge­richt Darm­stadt an­ge­klagt, wie die Frank­fur­ter Rich­ter dies be­schlos­sen ha­ben? Weil sich die Ju­ris­ten nicht ei­nig sind, muss der Bun­des­ge­richts­hof ent­schei­den.

Der aus Of­fen­bach stam­men­de Fran­co A. (29) be­fin­det sich der­weil auf frei­em Fuß. Der Haft­be­fehl wur­de En­de No­vem­ber 2017 auf­ge­ho­ben, man­gels drin­gen­den Tat­ver­dachts. Auch die Mel­de­auf­la­gen wur­den au­ßer Voll­zug ge­setzt. Der Ver­tei­di­gungs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges be­fass­te sich in sei­ner jüngs­ten Sit­zung mit Fran­co A. und mög­li­chen rechts­ex­tre­men Ten­den­zen in Eli­te­ein­hei­ten der Bun­des­wehr. Mög­lichst noch vor Weih­nach­ten soll Mi­li­tär­ge­heim­dienst MAD im Aus­schuss be­rich­ten.

Als Asyl­be­wer­ber re­gis­triert

Im Fe­bru­ar 2017 war der deut­sche Staats­bür­ger Fran­co A. fest­ge­nom­men wor­den. Er hat­te ei­ne Pis­to­le in ei­ner Toi­let­te des Flug­ha­fens Wi­en-Schwe­chat ver­steckt. Der Ab­gleich der Fin­ger­ab­drü­cke des Bun­des­wehr­of­fi­ziers zeig­te, dass der Mann, der als Ober­leut­nant im Jä­ger­ba­tail­lon 291 in Ill­kirch im El­sass Dienst schob, dem deut­schen Kampf­ver­band der Deutsch-Fran­zö­si­schen Bri­ga­de, als Asyl­be­wer­ber in Bay­ern re­gis­triert war. Er hat­te sich 2015 in Gie­ßen als an­geb­li­cher sy­ri­scher Christ und Obst­ver­käu­fer Da­vid Ben­ja­min aus Da­mas­kus re­gis­trie­ren las­sen. Sein schlech­tes Ara­bisch er­klär­te er mit fran­zö­si­schen Wur­zeln. Die Bun­des­an­walt­schaft geht da­von aus, dass der als rechts­ex­trem gel­ten­de Fran­co A. ei­nen An­schlag durch­füh­ren und die­sen Flücht­lin­gen in die Schu­he schie­ben woll­te.

Über Fran­co A. stie­ßen die Er­mitt­ler auf den 24-jäh­ri­gen Mat­thi­as F., der in Fried­berg stu­dier­te. Bei ihm ent­deck­ten sie ei­ne Lis­te mit Per­so­nen, die die Bun­des­an­wäl­te für ei­ne Op­fer­lis­te für An­schlä­ge hal­ten. Dar­auf ste­hen un­ter an­de­rem Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas, Ex-Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck, die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Clau­dia Roth, der Zen­tral­rat der Ju­den und der der Mus­li­me. Bei dem Stu­den­ten fan­den Er­mitt­ler mehr als 1000 Schuss Mu­ni­ti­on, ver­mut­lich aus Bun­des­wehr­be­stän­den, Zün­der und an­de­re Hand­gra­na­ten­tei­le.

Das al­les reich­te dem Bun­des­ge­richts­hof nicht, um den Haft­be­fehl für Fran­co A. über den No­vem­ber 2017 hin­aus zu ver­län­gern. Die Bun­des­an­walt­schaft ist an­de­rer Auf­fas­sung. Des­halb wan­der­ten die Ak­ten zum Bun­des­ge­richts­hof.

Die Fahn­der stell­ten auch fest, dass Fran­co A. in der Sze­ne der „Prep­per“ak­tiv war. Prep­per sind Men­schen, die mit na­hen­den Na­tur­ka­ta­stro­phen oder Krie­gen rech­nen und sich um­fang­reich mit Le­bens­mit­tel­vor­rä­ten ein­de­cken, Schutz­bun­ker bau­en und ähn­li­che Vor­keh­run­gen tref­fen. So stie­ßen die Po­li­zis­ten auf die Spur des Haupt­feld­we­bels An­dré S., ei­nes 33-jäh­ri­gen Sol­da­ten der Eli­te­ein­heit KSK mit Sitz in Calw. Er soll Ad­mi­nis­tra­tor und Or­ga­ni­sa­tor von Prep­per-Netz­wer­ken in der Bun­des­wehr sein – mög­li­cher­wei­se mit rech­ten Ten­den­zen. Für Kri­sen­sze­na­ri­en sol­len ei­ni­ge Prep­per-Sol­da­ten ge­plant ha­ben, in „si­che­ren Or­ten“auch Waf­fen und Mu­ni­ti­on zu­rück­zu­le­gen. An­dré S. leg­te sich für sei­ne Prep­per-Or­ga­ni­sa­ti­ons­ar­beit ei­nen Ali­as-Na­men zu: Han­ni­bal.

„Han­ni­bal“und die Prep­per be­schäf­tig­ten kürz­lich auch den Ver­tei­di­gungs­aus­schuss. Die Ab­ge­ord­ne­ten fra­gen sich, ob in der Trup­pe ein rechts­ex­tre­mes Netz­werk ent­stan­den ist, das Plä­ne bis hin zu ei­nem Um­sturz vor­be­rei­te. Dass Ver­tei­di­gungs-Staats­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber in der Sit­zung fest­stell­te, sei­ne Oma ha­be auch Mar­me­la­den­glä­ser im Kel­ler, be­ru­hig­te die Aus­schuss­mit­glie­der nicht. „Nicht al­les, was hinkt, ist ein Ver­gleich“, sag­te Karl-Heinz Brun­ner leicht ir­ri­tiert, SPD-An­ge­ord­ne­ter aus dem Wahl­kreis Neu-Ulm/Günz­burg und Mit­glied des Aus­schus­ses. Der MAD soll nun in der letz­ten Sit­zung vor der Weih­nachts­pau­se im Aus­schuss be­rich­ten, ob es sich bei den Prep­pern in Uni­form nur um ner­vö­se Ka­ta­stro­phengläu­bi­ge oder um rech­te po­li­ti­sche ak­ti­ve Grup­pen han­delt. „Han­ni­bal“hat die KSK-Trup­pe in­zwi­schen ver­las­sen, ist aber nach wie vor Bun­des­wehr­sol­dat. Auch dem Aus­schuss ist der­zeit kein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen den Haupt­feld­we­bel be­kannt.

Trotz­dem spielt er in ei­nem Straf­ver­fah­ren ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Er war auch In­for­mant für ei­nen MAD-Oberst­leut­nant, die bei­den tra­fen sich öf­ter zu Be­spre­chun­gen. Jetzt hat der Of­fi­zier selbst ein Straf­ver­fah­ren am Hals, weil er „Han­ni­bal“vor ei­ner Raz­zia ge­warnt ha­ben soll. Brun­ner fragt sich, ob die War­nung Kal­kül war un­ter Brü­dern im Geis­te, oder falsch ver­stan­de­ne Ka­me­ra­de­rie. Er wol­le kei­nen Ge­ne­ral­ver­dacht, sagt Brun­ner wei­ter. Aber es ge­he nicht nur um Straf­bar­keit: Von der Bun­des­wehr müs­se man auch mo­ra­li­sches Han­deln er­war­ten.

Fo­to: Fre­de­rick Flo­rin/afp

In die­sem Jä­ger­ba­tail­lon in Ill­kirch-Graf­fen­sta­den dien­te Fran­co A.

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