Wei­ter­ma­cher und Be­frei­te

Haller Tagblatt - - SCHWÄBISCH HALL - Von Bea­tri­ce Schnel­le

War­um der Ru­he­stand Män­ner be­son­ders be­un­ru­higt und wie sie mit der Frei­zeit um­ge­hen kön­nen, er­klärt So­zio­lo­gie­pro­fes­sor Eckart Ham­mer in Hall.

Wenn sie das En­de des Ar­beits­le­bens er­eilt, sind vie­le Män­ner arm dran, und das nicht un­be­dingt fi­nan­zi­ell. Sie trau­ern dem Sta­tus hin­ter­her, der Be­deu­tung als Er­näh­rer der Fa­mi­lie, den klar struk­tu­rier­ten Ta­gen, den be­ruf­li­chen Be­zie­hun­gen, kurz: dem ver­lo­re­nen Sinn ih­res Le­bens. Da sie – an­ders als Frau­en, die sämt­li­che Da­seins­fra­gen mit ih­ren Freun­din­nen er­ör­tern kön­nen – nie­man­dem zum Aus­wei­nen ha­ben, wäh­nen sie sich oben­drein noch ganz al­lein auf der Welt mit ih­ren Pro­ble­men.

Eck­hart Ham­mer hat ein Herz für die ent­thron­ten Her­ren der Schöp­fung. Der Stutt­gar­ter So­zio­lo­gie­pro­fes­sor ver­öf­fent­lich­te be­reits vier Bü­cher zum The­ma, die sich präch­tig ver­kau­fen, ob­gleich der Mann an sich nicht zur Rat­ge­ber-Li­te­ra­tur neigt. Mög­li­cher­wei­se sind vie­le Kun­den je­ne Ehe­frau­en, de­nen der pen­sio­nier­te Gat­te, frei nach Lo­ri­ots be­rühm­tem Weih­nachts­ge­dicht, auf ein­mal bei des Hei­mes Pfle­ge den lie­ben lan­gen Tag im We­ge steht. Auch in der Film­ko­mö­die „Pap­pa an­te por­tas“ver­ar­bei­te­te der Hu­mo­rist das per­sön­li­che De­sas­ter, mit dem frisch­ge­ba­cke­ne Rent­ner kon­fron­tiert wer­den, und das so lus­tig gar nicht ist: Ein­sam­keit, Ver­wahr­lo­sung und De­pres­si­on kön­nen die Fol­gen sein. Die Ge­fahr des Al­ters­sui­zids sei bei Män­nern vier­mal so hoch wie bei Frau­en, warnt Ham­mer bei sei­nem Vor­trag im Haus der Bil­dung. Ge­ra­de mal ein Dut­zend Ver­tre­ter der Ziel­grup­pe, dar­un­ter kei­ne ein­zi­ge Frau, sind er­schie­nen.

Die neu­ge­won­ne­ne Frei­heit des Ren­ten­al­ters ver­liert rasch ih­ren Reiz, wie spä­ter ein Zu­hö­rer aus ei­ge­ner Er­fah­rung be­stä­tigt. Sind erst ein­mal al­le hand­werk­li­chen Ar­bei­ten im Haus er­le­digt, der Kel­ler auf­ge­räumt, der Gar­ten um­ge­gra­ben, dräut die Lang­wei­le.

Dar­aus ent­wi­ckeln sich die vier Ru­he­stand­s­ty­pen, die der Pro­fes­sor de­fi­niert. Da gibt es den „Wei­ter­ma­cher“, der den Sprung in den Ru­he­stand ein­fach nicht schafft, selbst wenn das ir­gend­wann pein­lich wirkt. Der „An­knüp­fer“nutzt sei­ne be­ruf­li­chen Kom­pe­ten­zen für die Ver­eins­ar­beit, der „Nach­ho­ler“er­füllt sich Ju­gend­träu­me wie die Welt­rei­se oder das schwe­re Mo­tor­rad, und die „Be­frei­ten“stür­zen sich auf ganz neue, oft ge­mein­nüt­zi­ge Pro­jek­te. Als „drit­tes Le­bens­al­ter, das un­se­re Groß­el­tern noch nicht kann­ten“, be­zeich­net Ham­mer die Zeit zwi­schen dem Al­ter von 60 und 80 Jah­ren, in de­nen der Mann von heu­te noch vol­ler En­er­gie sei.

Der Ehe­schwur „Bis dass der Tod euch schei­det“sei al­ler­dings nicht mehr so leicht ein­zu­hal­ten, wie zu Zei­ten, in de­nen ei­ner der bei­den Part­ner sta­tis­tisch mit 50 Jah­ren starb. Da Ehen im Al­ter eher schlech­ter wür­den, emp­fiehlt der Ex­per­te für den Ernst­fall psy­cho­lo­gi­sche Be­ra­tung. Via­gra wie­der­um sug­ge­rie­re, Mann müs­se mit 70 noch Sex ha­ben wie mit 20. In Wahr­heit ver­än­de­re sich die Ero­tik im Al­ter mehr in Rich­tung Har­mo­nie und Zärt­lich­keit. Wer sei­ne Gat­tin lie­be, so scherzt er, müs­se sie je­doch ver­las­sen, da al­lein­ste­hen­de Frau­en im Durch­schnitt äl­ter wür­den als ver­hei­ra­te­te, wäh­rend es sich bei Män­nern um­ge­kehrt ver­hal­te.

Von den Freu­den des Groß­va­ter­tums schwärmt der Män­ner­ver­ste­her, er er­mun­tert sei­ne Ge­schlechts­ge­nos­sen, ge­sund zu le­ben, Ko­chen oder ein In­stru­ment zu ler­nen, in Lai­en­spiel­grup­pen in an­de­re Cha­rak­te­re zu schlüp­fen. Als Men­to­ren für jün­ge­re Men­schen könn­ten sie An­er­ken­nung er­fah­ren und von den Jun­gen ler­nen — vor al­lem den Um­gang mit dem Com­pu­ter, oh­ne den man als Se­ni­or von der Kom­mu­ni­ka­ti­on ab­ge­hängt sei.

„Wir wün­schen uns sehr, dass mehr Män­ner an un­se­ren Kur­sen teil­neh­men“, teilt VHS-Fach­be­reichs­lei­te­rin Ba­har Gö­zel zum Schluss den Zu­hö­rern hoff­nungs­voll mit, und die zei­gen sich tat­säch­lich hoch in­ter­es­siert. Auch die Bro­schü­re „Hal­ler Markt der Mög­lich­kei­ten“, in der Initia­ti­ven im Land­kreis um Eh­ren­amt­li­che wer­ben, neh­men die meis­ten – wahr­schein­lich „An­knüp­fer“und „Be­frei­te“– mit.

Fo­to: Bea­tri­ce Schnel­le

Der So­zio­lo­ge und Au­tor Eckart Ham­mer.

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