Las­sen Sie sich Zeit!

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Ich – al­les – so­fort. So be­schrei­ben Psy­cho­lo­gen die Men­ta­li­tät des mo­der­nen Men­schen. Kun­den­be­ra­ter im Ver­kauf und bei Hot­lines kön­nen da­von ein Lied sin­gen. Der Kun­de steht im Mit­tel­punkt, für ihn soll al­les und so­fort ver­füg­bar sein, na­tür­lich zu ei­nem mög­lichst nied­ri­gen Preis. Kein Kun­de möch­te lan­ge war­ten. Das steckt auch in mir: Wenn ich Wa­re im In­ter­net be­stel­le, sind Preis und schnel­le Lie­fe­rung für mich ein wich­ti­ges Kri­te­ri­um. Ich ge­ste­he: Auch ich war­te nicht ger­ne.

Fir­men müs­sen sich dar­auf ein­stel­len. Ist der Kun­de nicht zu­frie­den, muss er zu lan­ge war­ten, dann kauft er eben bei ei­nem an­de­ren. Manch­mal, das be­rich­ten Ver­käu­fer im Ein­zel­han­del, Mit­ar­bei­ter in den Hot­lines oder im Be­schwer­de­ma­nage­ment, kann der ent­täusch­te Kun­de dann auch rich­tig gars­tig wer­den. Des­halb ge­hört die Kun­den­zu­frie­den­heit zu den wich­tigs­ten Tu­gen­den ei­ner Fir­men­phi­lo­so­phie.

War­ten hat et­was Heil­sa­mes

Auch die Kir­che bleibt da­von nicht ver­schont. Der Di­enst­leis­tungs­ge­dan­ke ist ihr wich­tig ge­wor­den, da­bei hat die Kir­che auch ei­ne wi­der­stän­di­ge Bot­schaft: War­ten hat et­was Heil­sa­mes. War­ten rückt mich auf ein mensch­li­ches Maß zu­recht und sagt mir, dass ich nicht der Mit­tel­punkt die­ser Welt bin, son­dern ei­ner von vie­len.

War­ten lehrt mich Ge­duld. Die wich­ti­gen Din­ge des Le­bens brau­chen ih­re Zeit. Sie müs­sen wach­sen und rei­fen. Un­se­re See­le braucht Zeit, um sich auf gro­ße Ve­rän­de­run­gen und Er­eig­nis­se vor­zu­be­rei­ten. Ei­ne Hoch­zeit feie­re ich nicht Hals über Kopf. Ein neu­es Haus, das wir bau­en, will gut ge­plant sein. Es soll ei­ner Fa­mi­lie Hei­mat und Ge­bor­gen­heit ge­ben. Das braucht Zeit. Die Ge­burt ei­nes Kin­des bringt den El­tern gro­ße Freu­de und gro­ße Ver­ant­wor­tung. Gut, dass die Na­tur uns neun Mo­na­te Zeit gibt, uns dar­auf ein­zu­stel­len.

Das Kom­men des mensch­ge­wor­de­nen Got­tes, die Ge­burt Je­su, ist ein groß­ar­ti­ges Er­eig­nis. Es muss in uns an­kom­men. Da­für brau­chen wir den Ad­vent, ei­ne Zeit des War­tens. Vier Sonn­ta­ge sind es, bis der Hei­li­ge Abend ge­kom­men ist. Ich weiß nicht, ob ich je­mals wirk­lich ver­ste­hen wer­de, was Gott am Hei­li­gen Abend für mich ge­tan hat. Um­so mehr brau­che ich die Ad­vents­zeit, um mich auf das Ge­sche­hen von Weih­nach­ten ein­zu­stim­men.

Ich ler­ne auch, dass ich das Ver­ste­hen nicht er­zwin­gen kann. Ich muss es mir schen­ken las­sen und bin mir si­cher, dass Gott es al­len Men­schen schen­ken möch­te, uns al­len, Ih­nen, lie­be Le­se­rin­nen und Le­ser, und auch mir.

Ich wün­sche Ih­nen ei­ne ge­seg­ne­te und tröst­li­che Ad­vents­zeit und: Las­sen Sie sich Zeit!

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