Ge­lieb­ter Zei­ge­fin­ger

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Es ist schwie­rig, sich ei­ne mo­ra­li­sche Au­ßen­po­li­tik zu leis­ten, ge­ra­de wenn man kei­ne Su­per­macht ist.

Mah­nen­de Wor­te sind die Es­senz des­sen, was die deut­sche Au­ßen­po­li­tik in die­sen Ta­gen aus­macht. In al­len Schat­tie­run­gen wird ge­mahnt, ge­warnt, hin­ge­wie­sen, be­schwo­ren. Sei es der dro­hen­de Aus­stieg des Iran aus dem Atom­ab­kom­men, Chi­nas Macht­spie­le ge­gen­über Hong­kong oder der An­gri“ auf die sau­di­schen Öl­an­la­gen. Jen­seits die­ser War­nun­gen wirkt Deutsch­lands Au­ßen­po­li­tik selt­sam wir­kungs­los.

Man­che Be­ob­ach­ter sa­gen, das lie­ge an ei­nem lei­den­schafts­lo­sen Au­ßen­mi­nis­ter, der von sei­nem Fach nicht ge­nug Ah­nung ha­be. Aber die­se Be­wer­tung ist nicht nur un­fair ge­gen­über dem be­ein­dru­cken­den Rei­se­pen­sum von Deutsch­lands Chef­di­plo­ma­ten, son­dern sie geht auch am Kern der Sa­che vor­bei. Denn die Sicht der Deut­schen auf ih­re Au­ßen­po­li­tik zeigt sich nicht in ei­ner Per­so­na­lie, son­dern in ei­ner Tra­di­ti­on.

In den 74 Jah­ren seit dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs ist es über­par­tei­li­cher po­li­ti­scher Kon­sens, dass Deutsch­lands Au­ßen­po­li­tik in ers­ter Li­nie mo­ra­lisch zu sein ha­be. Nicht nur die Wah­rung deut­scher In­ter­es­sen ist das obers­te Ziel, son­dern die Ret­tung der Welt und die Rein­hal­tung der wei­ßen Wes­te. Es hat sich der Ein­druck ver­fes­tigt, Brun­nen­boh­ren in Af­gha­nis­tan und ge­le­gent­li­che Zei­ge­fin­ger­übun­gen zum The­ma Men­schen­rech­te ge­gen­über po­li­tisch miss­lie­bi­gen Staa­ten sei­en die Ga­ran­ten des deut­schen Ein­flus­ses in der Welt.

Ge­mes­sen an den ver­hee­ren­den Ver­bre­chen, die Deut­sche einst be­gin­gen, ist das ein rich­ti­ger und heh­rer Im­puls. Und die Au­ßen­po­li­tik er­füllt da­mit die Er­war­tun­gen, wel­che die ֓ent­lich­keit in sie setzt. Die­se Welt­sicht stößt aber an Gren­zen, so­bald wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen be­tro“en sind. Zwar mu­tet das un­ter der mo­ra­li­schen Last der Ver­gan­gen­heit zy­nisch an. Aber wenn man es zu En­de denkt, ist ein Staat letzt­lich nur so zu­kunfts­fä­hig wie sei­ne Wirt­schaft. Die­se Kluft aus­zu­glei­chen ist ein ste­ti­ger Ba­lan­ce­akt. Wer in Chi­na gu­te Ge­schäf­te ma­chen will, soll­te sich po­li­tisch nicht über Ge­bühr mit der Re­gie­rung in Pe­king an­le­gen, wer ge­mein­sam mit Russ­land ei­ne Gas­pipe­line baut, stößt den Kreml bes­ser nicht voll­ends vor den Kopf. Bei der Ge­neh­mi­gung von Rüs­tungs­ex­por­ten kol­li­diert da­bei re­gel­mä­ßig Recht – zum Bei­spiel be­reits ge­neh­mig­te Aus­fuh­ren – mit der Moral, nicht in Kri­sen­ge­bie­te lie­fern zu wol­len.

Es ist schwie­rig, sich ei­ne mo­ra­li­sche Au­ßen­po­li­tik zu leis­ten, ge­ra­de wenn man kei­ne Su­per­macht ist und sich in Zei­ten brö­ckeln­der Ver­läss­lich­kei­ten sel­te­ner hin­ter dem Rü­cken mi­li­tä­risch oder wirt­schaft­lich star­ker Ver­bün­de­ter ver­ste­cken kann. Deutsch­land ist da­bei stark ge­nug, um klei­ne Zei­chen der mo­ral­po­li­ti­schen Ver­or­tung zu set­zen. Das Fo­to von Hei­ko Maas mit ei­nem Hong­kon­ger Dis­si­den­ten ist ein Bei­spiel da­für.

Es mag nach Jah­ren des ein­ge­üb­ten er­ho­be­nen Zei­ge­fin­gers un­be­quem sein, aber Deutsch­land muss den Mut auf­brin­gen, sei­ne In­ter­es­sen zu ver­fol­gen. Die Wirk­sam­keit der Au­ßen­po­li­tik macht sich näm­lich nicht an mar­ki­gen mo­ra­li­schen Wor­ten fest. Son­dern dar­an, wie Deutsch­land im Spiel der Mäch­te da­steht.

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