Kli­ma­st­reiks an Schu­len: Län­der zie­hen die Zü­gel an

Um­welt­be­we­gung Kul­tus­mi­nis­ter von Bay­ern und Ba­den-Würt­tem­berg po­chen auf Ein­hal­tung der Schul­pflicht, über­las­sen Sank­tio­nen aber den Rek­to­ren.

Haller Tagblatt - - VORDERSEIT­E - dpa/uso/rol

ie Kul­tus­mi­nis­ter in Bay­ern und Ba­den­Würt­tem­berg ver­schär­fen zum Be­ginn des neu­en Schul­jah­res den Ton ge­gen­über den Schul­streiks der Fri­days-for-Fu­ture-Be­we­gung. Bay­erns Kul­tus­mi­nis­ter Micha­el Pia­zo­lo (Freie Wäh­ler) warn­te die Schü­ler im Frei­staat, sich wei­ter wäh­rend der Schul­zeit an den Pro­tes­ten zu be­tei­li­gen. Das Ziel me­dia­ler Auf­merk­sam­keit sei längst er­reicht, sag­te er dem Sen­der An­ten­ne Bay­ern. „In­so­fern se­he ich über­haupt kei­ne Not­wen­dig­keit, nun wäh­rend

Dder Un­ter­richts­zeit für Fri­days for Fu­ture zu de­mons­trie­ren.“Vor­sich­ti­ger äu­ßer­te sich Ba­den-Würt­tem­bergs Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. Zahl­rei­che Schu­len sei­en der An­re­gung ge­folgt, Kli­ma­wan­del und po­li­ti­sches En­ga­ge­ment als The­men im Un­ter­richt auf­zu­grei­fen. „Das En­ga­ge­ment für ei­ne kon­se­quen­te­re Kli­ma­po­li­tik ist wich­tig und nach­voll­zieh­bar. Doch da­für dau­er­haft Schu­le und Kli­ma­schutz ge­gen­ein­an­der aus­zu­spie­len, ist kei­ne Lö­sung.“Es gel­te die Schul­pflicht. Kul­tus­mi­nis­te­rin Su­san­ne Ei­sen­mann (CDU) be­ton­te: „Wenn Schul­lei­tun­gen zu Maß­nah­men grei­fen, um auf das Feh­len der Schü­ler im Un­ter­richt zu re­agie­ren, dann tra­ge ich die­se auch mit.“

In Bay­ern ver­wies Pia­zo­lo eben­falls auf die Schul­pflicht und for­der­te von den Schul­lei­tern, an­ge­mes­sen zu re­agie­ren. Maß­nah­men wie Nach­sit­zen, Ver­wei­se und Buß­gel­der sei­en im Schul­ge­setz aus­drück­lich vor­ge­se­hen. „Dass man, wenn je­mand das ers­te Mal fehlt, an­ders re­agiert, als wenn je­mand das fünf­te Mal fehlt, liegt na­he“, er­gänz­te Pia­zo­lo.

Fri­days for Fu­ture hat für die­sen Frei­tag zu ei­nem glo­ba­len Streik für mehr Kli­ma­schutz auf­ge­ru­fen. Bun­des­weit sind mehr als 500 De­mons­tra­tio­nen ge­plant, knapp 50 da­von im Süd­wes­ten. Erst­mals sind auch Ar­beit­neh­mer zum Kli­ma­st­reik auf­ge­ru­fen. Da es in Deutsch­land kein po­li­ti­sches Streik­recht gibt und ei­ne Teil­nah­me ar­beits­recht­li­che Fol­gen ha­ben könn­te, ha­ben zahl­rei­che Un­ter­neh­men ih­ren An­ge­stell­ten die Pro­tes­te aus­drück­lich er­laubt.

Pro An­dré Bochow Kor­re­spon­dent

Kann schon sein, dass der Kli­ma­st­reik gar kein rich­ti­ger Streik ist. Ge­werk­schaf­ter schla­gen vor, Ur­laub zu neh­men, Un­ter­neh­men ge­ben ih­ren Mit­ar­bei­tern frei und gan­ze Schul­klas­sen ma­chen wie­der ein­mal po­li­ti­schen Un­ter­richt auf der Stra­ße. So ist das halt in Deutsch­land. Na und? Auch die fried­li­che Re­vo­lu­ti­on vor 30 Jah­ren fand im We­sent­li­chen nach Fei­er­abend statt. Die Mauer ist trotz­dem ge­fal­len.

Wich­tig ist jetzt in Sa­chen Kli­ma, dass so vie­le Men­schen wie nur mög­lich den Ent­schei­dungs­trä­gern in Po­li­tik und Wirt­schaft klar­ma­chen: Ei­ne Mehr­heit, ei­ne gro­ße Mehr­heit will, dass ge­han­delt wird. So­fort. Um das zu ver­deut­li­chen ist al­les jen­seits von Ge­walt le­gi­tim. Po­li­ti­sche Streiks sind kei­nes­wegs grund­ge­setz­wid­rig, sie wer­den in kei­nem Ge­setz er­wähnt und es hat sie auch im­mer wie­der ge­ge­ben. Ge­gen Not­stands­ge­set­ze, ge­gen das Miss­trau­ens­vo­tum, dem sich Wil­ly Brandt aus­ge­setzt sah, ge­gen die Ren­te mit 67 – war­um nicht auch ge­gen kli­ma­schäd­li­che Po­li­tik?! Die Be­gren­zung der Er­der­wär­mung ist schließ­lich kein Mo­de­the­ma. Nur sehr ver­na­gel­te Zeit­ge­nos­sen ver­schlie­ßen sich der Ein­sicht, dass das Le­ben auf die­sem Pla­ne­ten un­er­träg­lich wer­den könn­te, wenn jetzt nicht mit dras­ti­schen Maß­nah­men ge­gen­ge­steu­ert wird. Kli­ma­hys­te­rie? Pa­nik­ma­che?

Das sind hilf­lo­se Kampf­be­gri e von Leu­ten, die sich der Rea­li­tät nicht stel­len wol­len. Wo­bei, ein Eck­chen hält fast je­der von uns in sei­nem Her­zen für die Ho nung frei, dass es schon nicht so schlimm wird. Sonst wür­den wir uns im All­tag an­ders ver­hal­ten. Auch um sich das be­wusst zu ma­chen, ist ein Kli­ma­st­reik nütz­lich. Des­halb: Mit­ma­chen!

Con­tra Gui­do Boh­sem Re­dak­ti­ons­lei­ter Ber­lin

Wer sich für den Kli­ma­schutz en­ga­gie­ren und ein klei­nes biss­chen zur Ret­tung der Welt bei­tra­gen möch­te, der soll­te an die­sem Frei­tag auf die Stra­ße ge­hen. Egal, ob er oder sie Schü­ler oder Stu­den­tin ist oder als Ver­käu­fer, In­ge­nieu­rin, Flie­sen­le­ger oder Fri­seur ar­bei­tet. Wer mehr Kli­ma­schutz will, soll­te sich sicht­bar en­ga­gie­ren und dem gleich­zei­tig ta­gen­den Kli­ma­ka­bi­nett (CO2-frei­es) Feu­er un­ter dem Hin­tern ma­chen.

Klar soll­te aber je­dem sein, dass es sich da­bei um ei­ne De­mons­tra­ti­on und nicht et­wa um ei­nen Streik han­delt. Wer am Frei­tag pro­tes­tiert, muss das in sei­ner Frei­zeit ma­chen und nicht wäh­rend der Ar­beits­zeit. Po­li­ti­sche Streiks sind hier­zu­lan­de ver­bo­ten. Zu Streiks auf­ru­fen dür­fen aus­schließ­lich Ge­werk­schaf­ten und das auch nur für Din­ge, die den Ta­rif­ver­trag bet­re en. Ar­beits­nie­der­le­gun­gen aus po­li­ti­schen Grün­den oder so­gar Ge­ne­ral­streiks zäh­len nicht da­zu. Sor­ry, Fri­days for Fu­ture, tut mir leid, lie­bes Kli­ma, aber das ist die Rechts­la­ge.

An­de­re Län­der re­geln das an­ders, Frank­reich zum Bei­spiel, wes­halb Ge­ne­ral­streiks das Nach­bar­land in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach an den Rand des völ­li­gen Still­stands ge­bracht ha­ben und Re­gie­run­gen er­press­bar mach­ten. Manch ei­nem mag ge­ra­de das at­trak­tiv vor­kom­men, die Re­gie­rung zu mehr Kli­ma­schutz zu zwin­gen. Doch da­bei soll­te man im­mer be­den­ken, dass sol­che Streiks auch für Din­ge ge­führt wer­den könn­ten, die nicht so o en­kun­dig auf das Wohl des Kli­mas und die Ret­tung der Welt kon­zen­triert sind, son­dern im schlimms­ten Fall auf ras­sis­ti­sche oder kriegs­trei­be­ri­sche Ide­en. Oder viel­leicht rich­te­te sich so ein Streik so­gar gelb­wes­ten­haft ge­gen den Kli­ma­schutz.

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