Ra­ser äu­ßer­te Sui­zid-Ge­dan­ken

Han­dy­vi­de­os und Zeu­gen­aus­sa­gen be­wei­sen, dass der 20-jäh­ri­ge Ja­gu­ar-Fah­rer schon meh­re­re Stun­den vor dem töd­li­chen Un­fall in Stutt­gart durch die In­nen­stadt heiz­te.

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMS­CHAU - Von Me­lis­sa Seitz

r hat zwei Men­schen auf dem Ge­wis­sen, sitzt in ei­nem Strei­fen­wa­gen auf dem Weg vom Un­fall­ort in das Zen­trum für See­li­sche Ge­sund­heit in Bad Cann­statt und das Ein­zi­ge, was ihn in­ter­es­siert, sind die PS-Zahl und die Mo­tor­leis­tung des Po­li­zei­au­tos. Am vier­ten Tag des Ra­ser-Pro­zes­ses kom­men mehr De­tails zu dem töd­li­chen Un­fall in Stutt­gart-Nord ans Licht. Meh­re­re Zeu­gen ma­chen An­ga­ben zu dem Un­glück am

6. März 2019, bei dem der 20-jäh­ri­ge An­ge­klag­te mit ei­nem ge­mie­te­ten Ja­gu­ar in ei­nen Klein­wa­gen ge­rast ist. Das jun­ge Paar ist da­bei ums Le­ben ge­kom­men. Han­dy­vi­de­os ver­deut­li­chen nun, mit wel­cher Rück­sichts­lo­sig­keit der we­gen Mor­des an­ge­klag­te 20-Jäh­ri­ge durch die Ci­ty heiz­te.

Ein 30-jäh­ri­ger Po­li­zist war ei­ner der ers­ten, der mit dem An­ge­klag­ten di­rekt nach dem Un­glück ge­spro­chen hat. „Ich und mein Kol­le­ge soll­ten den An­ge­klag­ten nach dem Un­fall in Ge­wahr­sam neh­men“, er­zählt er der Vor­sit­zen­den Rich­te­rin am vier­ten Pro­zess­tag. Bei ei­nem Ge­spräch mit der Seel­sor­ge­rin ha­be der 20-Jäh­ri­ge ge­sagt, er wol­le sich das Le­ben neh­men. „Des­we­gen soll­ten wir ihn zur Be­hand­lung erst ein­mal in das Zen­trum für See­li­sche Seel­sor­ge brin­gen.“

Auf dem Weg da­hin ha­be der An­ge­klag­te kind­lich ge­spro­chen und in die Lee­re ge­starrt, er ha­be wäh­rend des Trans­ports das Ge­spräch ge­sucht: „Er frag­te uns, wie viel PS un­ser Wa­gen hat und was für ein Mo­tor das ist“, be­rich­tet der Po­li­zist. Auch nach dem Al­ter der Be­am­ten ha­be er ge­fragt und dann lei­se zu sei­nem Kol­le­gen ge­sagt: „Ich wer­de wohl mein

21. Le­bens­jahr nicht mehr er­le­ben.“

Am Tag des Un­falls ist der wei­ße Ja­gu­ar von meh­re­ren Zeu­gen in der Stutt­gar­ter In­nen­stadt ge­se­hen wor­den. Ei­nem 29-Jäh­ri­ger ist er im Nor­den der Stadt auf­ge­fal­len. Er wohnt im sieb­ten Stock des Ein­kaufs­zen­trums Mi­la­neo. „Ich ha­be den wei­ßen Ja­gu­ar zwi­schen 15 und 15.30 Uhr ge­se­hen“,

Eer­zählt er im Ge­richt. Im­mer wie­der ha­be der Sport­wa­gen-Fah­rer Run­den auf der Stra­ße vor sei­ner Woh­nung ge­dreht. Er ha­be stark be­schleu­nigt und bei U-Turns ver­sucht, so zu fah­ren, dass das Heck aus­bricht.

Lau­te Mo­to­ren­ge­räu­sche

„Di­rekt ge­gen­über ist das Po­li­zei­re­vier. Zwei Be­am­te sind ge­ra­de aus ih­rem Wa­gen ge­stie­gen, als der Ja­gu­ar vor­bei­ras­te, ha­ben sich um­ge­dreht und sind ins Re­vier rein­ge­lau­fen“, sagt der 29-Jäh­ri­ge. Er fin­det, man hät­te ein­grei­fen müs­sen. Dass es sich bei dem Au­to um den Un­fall­wa­gen, ei­nen Ja­gu­ar von ei­nem Au­to­ver­leih aus Nür­tin­gen (Kreis Ess­lin­gen) ge­han­delt hat, da­von ist der Zeu­ge über­zeugt: „Auf dem Kenn­zei­chen ha­be ich NT er­kannt.“

Ge­gen 19.40 Uhr, cir­ca vier Stun­den vor dem Un­fall, ist der Ja­gu­ar ei­nem wei­te­ren Au­gen­zeu­gen in der In­nen­stadt auf­ge­fal­len. Der 24-jäh­ri­ge Po­li­zist, der an die­sem Tag frei hat­te, war auf dem Weg in ein Re­stau­rant in der Bolz­stra­ße.

Lau­tes Mo­to­ren­ge­räusch hat ihn auf den Sport­wa­gen auf­merk­sam ge­macht. Der Fah­rer sei mit 30 bis 40 Ki­lo­me­tern pro St­un­de die Bolz­stra­ße her­un­ter­ge­fah­ren, die sich mit der Kö­nig­stra­ße kreuzt und auf der man nur Schritt­tem­po fah­ren darf. Als er am nächs­ten Mor­gen in den Me­di­en von dem Un­fall las, ha­be er sei­nen Kol­le­gen von sei­nen Be­ob­ach­tun­gen be­rich­tet.

Die Fa­mi­li­en des Paa­res, das bei dem Un­fall ums Le­ben ge­kom­men ist, er­tra­gen je­de Zeu­gen­aus­sa­ge und je­de Schil­de­rung. Bei­de El­tern ha­ben ein Bild ih­rer Kin­der mit­ge­bracht. Die Mut­ter der töd­lich ver­un­glück­ten Frau bricht im­mer wie­der in Trä­nen aus, fängt sich aber schnell. Di­rekt vor ihr, auf ih­rem Tisch, liegt ein klei­ner, gel­ber Ball mit ei­nem Smi­ley-Ge­sicht dar­auf, das sie an­lä­chelt.

Der An­ge­klag­te schaut wäh­rend der Zeu­gen­aus­sa­gen ins Lee­re. Die Bli­cke des schmäch­ti­gen Man­nes mit der schwar­zen Bril­le und dem wei­ßen Hemd schwei­fen nur ab und zu zu sei­ner Fa­mi­lie, nicht aber zu den El­tern der Op­fer. Die Mut­ter des Un­fall­ver­ur­sa­chers sieht mit­ge­nom­men aus. Im­mer wie­der fal­tet sie die Hän­de zu­sam­men und be­wegt ih­re Lip­pen, als wür­de sie be­ten.

Nach drei Stun­den Zeu­gen­ver­hör zeigt die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin Han­dy­vi­de­os – je­ne Vi­de­os von dem Mo­bil­te­le­fon des An­ge­klag­ten. Was dar­auf zu se­hen ist, be­stä­tigt die Aus­sa­gen der Zeu­gen. Er heizt oh­ne Rück­sicht auf an­de­re über die Heil­bron­ner Stra­ße oder vor­bei an der L-Bank. Auf ei­nem Vi­deo hört man sei­nen Bei­fah­rer be­geis­tert sa­gen, wäh­rend er aus dem Fens­ter her­aus die Fahrt filmt: „Die Rei­fen dre­hen schon bei 80 durch. Ich ha­be Schwie­rig­kei­ten, mein Han­dy zu hal­ten.“

Auf dem Mo­bil­te­le­fon des An­ge­klag­ten wur­den auch zwei an­de­re Vi­de­os ge­fun­den: „Von an­de­ren Spritz­tou­ren im Sep­tem­ber und nicht mit die­sem Au­to“, er­klärt die Rich­te­rin. Für sie ist klar: Sol­che Sport­wa­gen-Fahr­ten sind für den An­ge­klag­ten kei­ne Sel­ten­heit. „Es wä­re bes­ser, wenn sie den Mund auf­ma­chen“, sagt sie zu dem 20-Jäh­ri­gen. Am 1. Ok­to­ber geht der Pro­zess wei­ter.

Fo­to: Kohls/SDMG/dpa

Bei dem Un­fall im Stutt­gar­ter Nor­den sind im März zwei Men­schen ge­stor­ben.

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